Gesundheitspolitik als Handlungs- und Politikfeld der Linken

[via malmö]

Das Gesundheitsthema ist für die Linke fast ein Blindbereich. Dies fällt umso mehr ins Auge, vergleicht man damit die Prominenz der Gesundheitsdebatte in den Massenmedien und staatlichen Diskursen.

Der Blindbereich Gesundheitspolitik zeigt sich nicht nur in der Leerstelle einer linken Gesundheitsdebatte, sondern auch in dem praktisch relevanten Umstand, dass es hierzulande kaum kritische Expertise zu Gesundheitsfragen gibt. Dies war auch eine der markanten Erfahrungen im Zuge der Herausgabe des Buches „Gesundheit für Alle!“, das nach langen Jahren der Flaute wieder einen Neustart linker Gesundheitsdebatten initiieren möchte. Für viele Themenbereiche waren folglich nur mit Mühe entsprechende Autorinnen und Autoren zu finden.

Vorläuferbewegungen im Gesundheitsbereich

Gesundheit war nicht immer ein Blindbereich für linke Strömungen und Gruppen. Der bislang letzte Aufschwung radikaler Bewegungen in den 1970er-Jahren ging bezeichnenderweise mit einem Aufschwung auch der Gesundheitsthematik einher. Auf der einen Seite entwickelte sich eine Psychiatriekritik, die Menschen aus den Mauern der Anstalten befreien wollte und die begann, den Gesundheitsbegriff insgesamt kritisch zu hinterfragen. Dazu zählte auch die Psychobewegung, trotz einiger problematischer Aspekte, die immerhin die Frage stellte, wie menschliches Wohlbefinden mit der Qualität sozialer Beziehungen und diese wiederum mit der Einrichtung der gesellschaftlichen Ordnung zu tun haben.

Auf der anderen Seite brachten die Bewegungen der 1970er-Jahre eine Kritik der Arzt-Patient-Beziehung und der Gesundheitsinstitutionen sowie ihrer Expertokratie insgesamt hervor, während andere zugleich mit gewissen Erfolgen für einen Ausbau von Basisversorgung insbesondere im globalen Süden stritten. In Österreich etwa führte ein groß angelegtes, von Bruno Kreisky initiiertes und linkspolitisch ausgerichtetes Forschungsprojekt zum Gesundheitswesen, worin u.a. Peter Fleissner und Werner Vogt mitwirkten, sogar zu gesetzlichen Änderungen und einer öffentlichen Debatte, die in Gestalt regelmäßiger doppelseitiger Berichte der Forscher bis in die Kronenzeitung reichte.

Gesundheitsbewegungen sind wirksam

Es ist Indiz der Wirkmacht solcher Bewegungen, dass es in ihrem Gefolge zu massiven Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge kam. Viele ihrer Impulse wurden vom kapitalistisch-staatlichen System aufgenommen und auf zweideutige Weise interpretiert. Sie stellen heute Grundbausteine der neoliberalen Transformation dar, die ab den 1980er-Jahren einsetzte. Zu diesen Impulsen zählt erstens die Psychologisierung der Beziehungen am Arbeitsplatz und in der Familie, was Eva ­Illouz als einen „emotionalen Kapitalismus“ beschreibt, und wofür die Psychoanalyse im Besonderen und die Psychotherapie im Allgemeinen eine wesentliche Rolle spielten.

Dazu gehört zweitens die weitgehende Auflösung der klassischen Psychiatrie, die zwar zur Entstehung von WG-Betreuungsmodellen führte, aber auch zu einer Drehtürpsychiatrie, deren harter kontrollmedizinischer Kern bestehen bleibt und nach Maßgabe der sozialen Abbaumaßnahmen mitunter auch derart eingekürzt wird, dass die leidenden Menschen statt einer problematischen Versorgung gar keine mehr erhalten. Schließlich kam es drittens auch zu einem Aufschwung der zuerst US-zentrierten Psychotherapie in Europa, die zwar einerseits psychisches Leiden mildern helfen konnte, andererseits aber zu einer Individualisierung solchen Leidens führte, weil gesellschaftliche Ursachen damit tendenziell ausgeblendet wurden. Viertens konnten die Ansätze eines Peoples‘ Health Movement im globalen Süden durchaus Erfolge im Bereich der Basisversorgung verzeichnen, was jedoch unter neoliberalen Vorzeichen wiederum leicht in einen minimalistischen Ansatz umgedeutet werden kann.

Fünftens veränderte sich das Gesundheitswesen des globalen Nordens entlang von Kritiken der 1970er-Jahre an expertokratisch-paternalistischen Beziehungsmustern in der ärztlichen Behandlung und der Betreuung in Gesundheitseinrichtungen. Auch dies geschah jedoch in äußerst zweideutiger Weise. Während die Patientinnen und Patienten auf der einen Seite von puren Objekten der Behandlung nun in größerem oder kleinerem Ausmaß als einzigartige menschliche Wesen zumindest rhetorisch anerkannt wurden, verlief diese Veränderung ganz im Rahmen der neoliberalen Kommodifizierungs- und Privatisierungslogik. Die Beziehung zwischen Ärztin und Patient wurde in ein Kundenverhältnis umgedeutet. Die Suche nach alternativen Behandlungsmethoden wurde der Obsorge privater Versicherungen und der individuellen Kaufkraft auf einem expandierenden Gesundheitsmarkt anvertraut. Die Kritik an der Behandlung in Institutionen wurde implizit zur Legitimation der Ideologie individueller Eigenvorsorge und sogenannter Selbstverantwortung in der Führung des eigenen Lebens.

Neoliberale Gesundheitspolitik hält die Individuen zu einer kontinuierlichen Selbstdisziplin im Sinne einer an kapitalistischer Leistungsfähigkeit normierten Lebensführung an, während sie die gesellschaftlichen Strukturen des Wohlbefindens systematisch ausblendet, das Gesundheitswesen privatisiert und Gesundheitsdienstleistungen vermarktet.

Soziale Gleichheit – Ein Schlüsselthema

Freilich sind diese Entwicklungen nicht gänzlich neu. Das Gesundheitswesen war in den meisten Ländern der Welt, und auch in Österreich und Deutschland, immer schon zu großen Teilen privat, namentlich außerhalb der Krankenhäuser, doch auch in den Vorleistungssektoren Pharma und Gerätetechnik. Ebenso waren viele der oben skizzierten Tendenzen des „emotionalen Kapitalismus“ schon weit vor den 1970er-Jahren, insbesondere in den USA, zu erkennen: die umfassende Psychologisierung und damit verbundene Disziplinierung der Individuen entlang eines Narrativs der psychischen Gesundheit und mit Hilfe einer dafür nötigen Selbstführung.

Dennoch verschärft der Neoliberalismus die problematische Funktion von Gesundheit als Diskurs und Dispositiv noch einmal, indem es zu einer radikalen Individualisierung von Fragen der gesellschaftlichen Herstellung sozialen Wohlbefindens kommt und der Markt einen noch viel größeren Spielraum erhält als dies vor den 1980er-Jahren der Fall war.

Die neoliberale Intensivierung des Gesundheitsdiskurses scheinen neuere Strömungen der Public Health-Forschung auf paradoxe Weise zu unterlaufen. Aufbauend auf bahnbrechenden Ergebnissen groß angelegter epidemiologischer Untersuchungen an Angestellten des britischen Staatsdienstes seit den 1960er-Jahren in den sogenannten Whitehall-Studien hat die Wissenschaft von den gesellschaftlichen Bestimmungsfaktoren der Verbreitung von Krankheiten und der Lebenserwartung die These inzwischen erhärtet, dass soziale Ungleichheit die wesentliche Determinante des Gesundheitszustands zumindest in den reicheren Ländern darstellt. Auch in den ärmeren Ländern freilich spielt die soziale Ungleichheit eine wichtige Rolle für die durchschnittliche Lebenserwartung und andere Auswirkungen des Gesundheitszustands.

Die Ergebnisse der Public Health-Forschung, die durch eine große Zahl an Untersuchungen abgestützt sind, zeigen, dass möglicherweise nur rund ein Drittel der Gesundheitsunterschiede zwischen armen und reichen Schichten durch individuelle Faktoren wie Rauchen, Blutdruck, Körpergewicht oder Lebensalter erklärt werden können. Rund zwei Drittel gehen wohl auf das Konto direkter Auswirkungen von sozialer Ungleichheit, wie sie sich in Differenzen von Einkommen oder Bildung ausdrücken. Physiologisch entscheidend, weil krankheitsfördernd, ist dabei der erhöhte und dauerhafte Stress durch soziale Ungleichheit. Dieser Stress ist höher in den einkommensschwächeren Schichten, die unter geringer Autonomie im Arbeitsleben und im Alltag leiden, und steigt für die Gesellschaft insgesamt mit wachsender Ungleichheit, auch für die reicheren Schichten.

Diese Ergebnisse müssten die Gesundheitsdebatte eigentlich vom Kopf der neoliberalen Ideologie auf die Füße der gesellschaftlichen Verhältnisse stellen. Und so werden sie auch von den Medizinerinnen und den Medizinern interpretiert, die diese Untersuchungen durchführen. Sir Michael Marmot etwa meint in seinem Buch „Status Syndrome“ zusammenfassend, dass Gesundheit so betrachtet eigentlich nur ein anderer Begriff für die Qualität sozialer Beziehungen sei.

Ansätze gegen die tödliche Gesundheitspolitik des Nepliberalismus

Das Gesundheitswesen insgesamt ist überhaupt nur für geschätzte 20 Prozent des Gesundheitszustands verantwortlich. Freilich konzentriert sich in den Spitälern und den Arztpraxen das menschliche Leiden gewissermaßen, weshalb auch ein politischer Fokus darauf nach wie vor höchst wichtig ist. Dies nicht zuletzt, weil im Zuge der Bearbeitung der Krise des neoliberalen Wachstumsmodells nun auch im globalen Norden die Kosten der Bankenstützung schonungslos auf die Lohnabhängigen und insbesondere die ärmeren Schichten abgewälzt werden. Dies führt in Ländern wie Griechenland zur Ausbreitung von bereits eingedämmten Infektionskrankheiten und in vielen Ländern Europas zu einer Zunahme von Selbstmorden.

Eine politische Antwort auf diese vielschichtigen, lebensbedrohlichen Entwicklungen ist wohl nur in einem weitgehenden Bruch mit dem bestehenden Gesundheitsdiskurs zu entwickeln und mit sozialen Auseinandersetzungen, die diesem Bruch Geltung verschaffen. In der medialen und politischen Debatte geistern indes Ideen herum wie jene einer „Fettsteuer“, die das Ernährungsverhalten beeinflussen soll. Antitabak-Kampagnen werden weitergeführt, obwohl schon klar wird, dass Aufklärung erstens in vielen Bereichen kaum zu Verhaltensänderungen führt und zweitens sich damit Gesundheitsunterschiede eher verschärfen, weil vor allem einkommensstärkere Schichten Gesundheitsratschläge umsetzen können und solche Ratschläge ärmere Schichten auch nur in geringerem Maß erreichen. So verlegen sich die Symptome des „Status Syndroms“ inzwischen eher auf die Zunahme der Fettleibigkeit, als dass sie durch mehr Aufklärung über gesundheitsschädliches Verhalten verschwinden würden. Schließlich dauert auch die Kürzung von Gesundheitsdienstleistungen ebenso an wie die Privatisierung von Krankenhäusern, die in Deutschland schon weit fortgeschritten ist und in Österreich erst in den Anfängen steht.

Ein alternatives Gesundheitswesen müsste sich in eine breite Bewegung für mehr soziale Gleichheit einbetten: Genossenschaftlich-demokratische Organisationsmodelle im Krankenhaussektor gilt es zu entwickeln, ein Ausbau der öffentlichen Versorgung mit einer Integration des privatwirtschaftlichen Hausarztsystems in einen öffentlichen Sektor wäre notwendig, die Sozialversicherung müsste vor Profitinteressen geschützt und in die gewerkschaftlich vermittelte Selbstverwaltung durch die Lohnabhängigen rückgeführt werden. Gesundheitsdienstleistungen, die in Österreich niemals solidarisch finanziert waren, wie beispielsweise Zahnbehandlungen und Sehbehelfe, aber auch erst seit einigen Jahren kostenpflichtige Leistungen wie etwa der Bezug von Pharmaka (­Rezeptgebühren), müssten dem unsolidarischen Prinzip der individuellen Kaufkraft entzogen und vermehrt solidarisch, also gemeinschaftlich finanziert werden. Vor allem aber wäre die enorm gewachsene soziale Ungleichheit wieder zu reduzieren, einerseits durch Umverteilung von Einkommen und Vermögen, andererseits und vorrangig jedoch durch eine Demokratisierung der Produktionsmittel im Sinn einer Solidarischen Ökonomie.

Anmerkungen
Solidarisch G’sund ist eine Initiative für ein öffentliches Gesundwesen, und offen für Interessierte.
Kontakt: solidarischgsund@hotmail.com
Vor kurzem erschien das Buch „Gesundheit für Alle“ im Mandelbaum Verlag.

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

3 Antworten zu “Gesundheitspolitik als Handlungs- und Politikfeld der Linken

  1. Reinhold Glehr

    Wer traut sich denn so etwas Wirres zu schreiben? Genossenschaftlich-demokratische Organisationsmodelle hatten doch schon ihre Chance. Rückführung der Sozialversicherung in gewerkschaftlich vermittelte Selbstverwaltung durch Lohnabhängige? Diese Vision ist ja bereits seit vielen Jahren umgesetzt. Was sollte denn da nicht gelungen sein?

  2. Genossenschaftlich-demokratische Organisationsmodelle wurden v.a. in der Zwischenkriegszeit entwickelt und nicht zuletzt durch die Nazis zerschlagen. Im Gesundheitswesen existierten sie aber u. W. kaum je. Es gibt allerdings gegenwärtig Ansätze dazu in Italien oder Japan (z. B. im Pflegebereich). Die Mega-Kooperative Mondragon betreibt ein Spital im Baskenland, das mittlerweile die Provinzverwaltung führt. Hier ist aber zu fragen, wie weit dort Demokratie geht/ ging. Selbstverwaltung ist in der SV nicht (mehr) verwirklicht seit den Reformen durch Schwarz-Blau nach 2001; und war auch vorher eher nur auf dem Papier gegeben (formell aufgrund der von den Gewerkschaften beanspruchten Repräsentation der Lohnabhängigen).

  3. Seit dem erkrankte Menschen mit derartigen Pillen für Psyche
    frei Rum laufen verticken viele von denen pharmakologische Produkte an völlig normale Menschen nicht selten kommt es zu lebensgefährlichen Vergiftungen. Ich habe in so einer Psychoszene regergiert und es ist ungeheuerlich was die aufführen.

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