Factsheet: Gesundheit und soziale Gleichheit

oeie_smDas Factsheet hier Gesundheit und Gleichheit.

Medizinische Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesens wurden seit den 1980er Jahren in den meisten Ländern gekürzt, so auch in Europa. Anstelle des Staates sollen Gesundheitsmärkte einspringen. Solidarische Formen der Finanzierung des Gesundheitswesens sind unter Druck geraten[1]. Dass Gesundheit in Industrieländern vor allem von sozialer Gleichheit abhängt, ist inzwischen wissenschaftlich gut belegt und in Studien der Weltgesundheitsorganisation dokumentiert[2], wird jedoch zumeist verschwiegen.

Zwischen Kürzungsdiktat und Leistungsideologie

Zitat 2Gegen die Wachstumskrise der profitgetriebenen Wirtschaft haben viele Staaten, darunter die EU, politische Maßnahmen zulasten der Lohnabhängigen gesetzt. Die Rettung von Banken und Kapitalgewinnen wird durch die Verschuldung des Staates finanziert. Vor allem Arbeitslose und GeringverdienerInnen sollen die Schulden bezahlen. In Ländern wie Griechenland hat dies zu einer Gesundheitskatastrophe geführt, Selbstmorde nehmen drastisch zu. Ebenso sind Selbstmorde aufgrund von Delogierungen etwa in Spanien stark angestiegen[3].

Während öffentliche Gesundheitsdienstleistungen in Europa zugunsten von Kapitalgewinnen zum Teil bereits auf das Niveau früherer „Entwicklungsländer“ reduziert worden sind, wird Gesundheit zugleich immer mehr als individuelle Leistung diskutiert. Die wachsenden Zahlen von an Fettleibigkeit oder Burn Out erkrankten Menschen werden häufig mit einem Mangel an Gesundheitskompetenz erklärt. Krankheit erscheint als Folge individuellen Fehlverhaltens.

Je reicher, desto gesünder

Fast alle Messgrößen für den Gesundheitszustand von Menschen zeigen jedoch ein typisches Muster: Je reicher jemand ist, desto gesünder ist er oder sie im Schnitt. Je reicher ein Mensch, desto größer die Lebenserwartung und desto seltener treten Krankheiten auf. Man spricht von einem Gesundheitsgradienten, weil die Gesundheit mit jedem Schritt abwärts auf der sozialen Stufenleiter abnimmt. Das gilt für einen Betrieb ebenso wie für ein ganzes Land[4].

Die Grafik zeigt ein Beispiel. Im britischen Staatsdienst sterben Menschen umso eher, je niedriger ihre berufliche Stellung ist. Sekretariatsangestellte haben zwischen 40 und 64 Lebensjahren ein vier Mal so hohes Sterberisiko wie die Top-Angestellten. Allgemein gilt: Die soziale Verteilung von Krankheiten wird in Industrieländern nicht durch absolut geringes Einkommen, also einen materiellen Mangel verursacht, sondern durch die Ungleichheit.

Die soziale Stufenleiter bemisst sich hauptsächlich am Einkommen und am Vermögen. Auch der Bildungsgrad markiert die Position in der sozialen Hierarchie. Einkommen, Vermögen und Bildung sind allerdings nur Zeiger für die Rangstufe, die eine Person auf dieser sozialen Stufenleiter einnimmt. Die Leiter selbst besteht vor allem in abgestuften Niveaus von Autonomie in der Arbeit und Teilhabe über Anerkennung und soziale Beziehungen.

Todesfälle

Bildunterschrift TodesfälleJe höher ein Mensch auf der sozialen Stufenleiter steht, desto eher ist er dazu befugt, anderen Menschen Weisungen zu erteilen; desto eher wird er oder sie die eigene Arbeit dagegen selbst gestalten können. Je größer der Status, desto größer ist auch die soziale Anerkennung und desto umfangreicher das soziale Netzwerk, in das ein Mensch eingebunden ist. Status bemisst sich dabei kaum nach individuellen Fähigkeiten oder Leistungen für das Gemeinwohl, sondern vor allem nach der Fähigkeit andere zu dominieren.

Der Gesundheitszustand eines Menschen wird schon sehr früh im Mutterleib durch die soziale Umwelt beeinflusst. Daher ist auch die soziale Stellung der Eltern ein wichtiger Faktor für Lebenserwartung und andere Elemente von Lebensqualität im späteren Leben.

Zitat 2Schädlicher Stress durch soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit schädigt die Gesundheit aufgrund von Stress. Die Stressreaktion besteht in erhöhtem Blutdruck, der Einschränkung nicht lebenswichtiger Körperfunktionen und anderen Anpassungen an gefährliche oder herausfordernde Situationen.

Kurzfristig ist diese Reaktion sinnvoll und kann, wenn sie mit entsprechenden sozialen Belohnungen einhergeht, die Gesundheit sogar fördern. Wird sie zum Dauerzustand und bleiben Belohnungen aus, so beeinträchtigt sie jedoch die Gesundheit der Menschen in den Industrieländern so stark wie kein anderer krankmachender Faktor.

Eine große Zahl an Experimenten hat gezeigt, dass den größten Stress Situationen auslösen, in denen ein Mensch sich sozial bewertet fühlt. Der Stress erreicht einen Spitzenwert, wenn die Bewertung des eigenen sozialen Status nicht durch eigenes Verhalten beeinflusst werden kann. Das ist etwa der Fall bei rassistischen, sexistischen oder klassengebundenen Vorurteilen wie „Frauen sind ungeschickt“, „Afrikaner sind faul“, „Bauarbeiter sind dumm“.

Ebenso zeigt eine Reihe von Studien, dass der Stress besonders groß ist, wenn eine hohe Arbeitsanforderung mit geringer Kontrolle der eigenen Arbeitssituation einhergeht, oder wo große Arbeitsanstrengung und geringe soziale Belohnung zusammentreffen. Dies ist nicht in Managementpositionen der Fall, sondern gerade umgekehrt in den niedrigen beruflichen Positionen. Die Arbeitsautonomie zeigt einen Gradienten entlang der sozialen Hierarchie.

Autonomie

Bildunterschrift Autonomie

Bei Angestellten im britischen Staatsdienst zum Beispiel ist das Risiko für koronare Herzerkrankungen erheblich größer bei nur mäßiger oder geringer Arbeitsautonomie. Menschen, die ihre Arbeit in hohem Maße selbst organisieren und gestalten können, zeigen weniger als ein halb so hohes Risiko.

Besonders drastische Fälle von Stress durch soziale Ungleichheit sind Arbeitslosigkeit, die Angst vor Arbeitslosigkeit, ungerechte Behandlung am Arbeitsplatz und rassistische Unterdrückung – etwa von MigrantInnen und AsylwerberInnen. Während Obdachlose und AsylwerberInnen zwei Gruppen sind, die auch in reichen Ländern absoluten Mangel leiden, der in diesen Fällen neben dem Stress durch soziale Ungleichheit die Gesundheit schwer beeinträchtigt, ist sonst Ungleichheit die Hauptursache.

Zitat 3Studien zeigen zum Beispiel, dass arbeitslose Menschen ein deutlich höheres Sterberisiko haben als andere. Menschen, die sich am Arbeitsplatz ungerecht behandelt fühlen, leiden vermehrt unter psychischen Krankheiten. MigrantInnen, die generell unter Rassismus leiden, haben einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand als die Mehrheitsbevölkerung, und zwar vor allem aufgrund der Stresswirkung sozialer Ungleichheit.

In all diesen Fällen ist die Autonomie, das heißt die Fähigkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten, eingeschränkt und die Teilhabe an der Gesellschaft über soziale Beziehungen reduziert.

Je ungleicher ein Land, desto schlechter der Gesundheitszustand

Die schädliche Wirkung sozialer Ungleichheit zeigt sich nicht zuletzt im Vergleich von Ländern. Dabei wird zumeist das Einkommen als Zeiger für die Distanz zwischen den sozialen Rangstufen verwendet. In einer Marktwirtschaft hat Geld eine herausragende Bedeutung als Statuszeiger. Rassistische und sexistische Unterdrückung oder Kommandohierarchien entsprechen deshalb zugleich auch Einkommenshierarchien.

Psychische Erkrankungen

Bildunterschrift psychische Krankheiten

Die Grafik greift ein Beispiel unter anderen heraus: Der Anteil von Menschen mit psychischen Erkrankungen steigt, je höher die Einkommensungleichheit ist.

Daraus lässt sich unter anderem ableiten, dass die Zunahme von Depressionen im Kern nicht bloß ein von der Pharmaindustrie gesteuertes Phänomen zunehmender Medikation darstellt. Man kann daraus auch folgern, dass zum Beispiel die Prävention von Burn Out kaum über Verhaltensänderungen zu erreichen ist, sondern mehr Autonomie am Arbeitsplatz erfordert. Und ein solcher Richtungswechsel kann nur über mehr soziale Gleichheit gelingen.

Soziale Gleichheit ist multifunktional und ein strategischer Schlüssel

Grundsätzlich ist die Lebensqualität für die Gesundheit viel wichtiger als das Gesundheitswesen, das mehr den Charakter einer Notfallseinrichtung hat. Soziale Gleichheit ist für Lebensqualität viel bedeutsamer als ein hohes Pro-Kopf-Einkommen, und deshalb für den Gesundheitszustand entscheidend. Individuelle Risikofaktoren zum Beispiel für koronare Herzerkrankungen wie das Lebensalter, Rauchen, Blutdruck, Cholesterinspiegel, Körpergröße und Blutzucker sind dagegen zweitrangig. Zudem zeigen auch solche Risikofaktoren, zum Beispiel das Rauchen oder die Körpergröße, einen sozialen Gradienten.

Zitat 3Soziale Ungleichheit ist nicht nur der wesentliche Faktor schlechter Lebensqualität, sondern ist auch für Missstände im Gesundheitswesen verantwortlich. Dazu gehören unsolidarische Formen der Finanzierung. Doch auch der rücksichtslose Ausschluss von immer mehr Menschen selbst von basaler medizinischer Versorgung im globalen Norden ist eine Folge. Solidarökonomische Formen des Wirtschaftens, die mit mehr Autonomie und Teilhabe aller einhergehen, sind daher ein strategischer Schlüssel für mehr Gesundheit und Lebensqualität.

Literatur

Bosma, H. u.a. (1998): Two Alternative Job Stress Models and the Risk of Coronary Heart Disease. American Journal of Public Health 88:  68-74.

Exner, A. (2013): De-growth Solidarity: The Great Socio-Ecological Transformation of the 21st Century. In: Exner, A. u.a. (2013): Land and Resource Scarcity. Capitalism, Struggle and Well-being in a World without Fossil Fuels. Routledge.

Karanikolos, M. u.a. (2013): Financial crisis, austerity, and health in Europe. The Lancet, http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(13)60102-6

Marmot, M.; Shipley, M.J. (1996): Do socioeconomic differences in mortality persist after retirement? 25 Year follow up of civil servants from the first Whitehall study. British Medical Journal 1996;313:1177-80.

Marmot, M. (2004): Status syndrome. How your social standing directly affects your health. Bloomsbury. Marmot, M.; Wilkinson, R. (Hg., 2006): Social Determinants of Health. 2nd Edition. Oxford University Press.

„Marmot-Review“, Marmot, M. u.a. (2010): Fair Society, Healthy Lives. The Marmot Review. Strategic Review of Health Inequalities in England post-2010. http://www.instituteofhealthequity.org

Solidarisch G’sund (Hg., 2013): Gesundheit für Alle! Mandelbaum.

Stansfeld, S.A. (2006): Social support and social cohesion. In: Marmot, M.; Wilkinson, R. (Hg.): Social Determinants of Health. 2nd Edition. Oxford University Press, Oxford: 148-171.

Wilkinson, R.; Pickett, K. (2009): The Spirit Level. Why Equality is Better for Everyone. Penguin Books, World Health Organization – WHO (2003): The Solid Facts. Social Determinants of Health. 2nd Edition. Herausgegeben von Michael Marmot und Richard Wilkinson. http://www.euro.who.int


[1] Solidarisch G’sund (2013)

[2] z.B. WHO (2003)

[3] Karanikolos u.a. (2013)

[4] zusammenfassend Marmot (2004), Marmot/Wilkinson (2006), Wilkinson/Pickett (2009)

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Ein Kommentar

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