Noch Lust aufs Kinderkriegen?

schwangere im wasservon Ursula Walch

Vor mir liegt das Geburtenregister Steiermark, der von der KAGES herausgegebene Jahresbericht 2012 mit den geburtshilflich relevanten Zahlen aller Kages-Häuser plus dem KH Schladming und den beiden Grazer Sanatorien St. Leonhard und PKG Ragnitz.

„Die Rate an ambulanten Entbindungen zeigt im Verlauf seit 2004 in der Steiermark eine leicht steigende Tendenz. Eine weitere Entlastung des relativ teuren stationären Bereiches wäre durch entsprechende Strukturmaßnahmen in Kooperation mit den freipraktizierenden Hebammen noch erzielbar.“

Wunderbar! Und gewiss wäre der Wunsch auch umsetzbar, wenn man den Hebammen endlich eine gerechtere Entlohnung für die oft mühevolle Betreuung der Wöchnerinnen und deren Kinder zahlen würde! Und nicht 34€ brutto pro Hausbesuch ! So viel zur extramuralen Situation österreichweit, man erkennt leicht, wieviel  dem Staat/Krankenkassen eine gute Hebammenversorgung wert ist. Gleiches gilt für Deutschland. Wir sprechen vom Jahr 2012, das waren in der Steiermark 10193 Kinder. Österreichweit haben 77641 Schwangere insgesamt 78941 Kinder zur Welt gebracht.

Die gesamte österreichweite Perinatale Mortalität (PNM) (Tod des Kindes vor oder während der Geburt bzw. innerhalb der ersten 7 Lebenstage) lag bei 5,4 Promille, in der Steiermark bei 5,6‰. Sie ist seit 2004 um  1% gestiegen, und das, obwohl die Kaiserschnittrate zunahm! Die Rate der Kinder mit erkennbaren Fehlbildungen (diagnostiziert im Wochenbett ! ) ist über die neun Jahre konstant zwischen 0,6% und 0,8% geblieben. So nebenbei liegt die Kaiserschnittrate mit 34,3% gegnüber 29,4% österreichweit in der Steiermark um 5% höher.

Was sagen uns diese Zahlen? Auf jeden Fall, dass immer höhere Kaiserschnittraten die Geburten nicht sicherer machen und die Kinder nicht gesünder – von den aufgesäbelten Frauen ganz zu schweigen . . .

Auf Seite 26 steht dann: „Die Kaiserschnittrate ist an jenen Abteilungen mit einem hohen Anteil an Risikoschwangerschaften/Geburten naturgemäß deutlich höher als an Abteilungen mit niedrigem Risikokollektiv.“

Auch das stimmt nicht generell – ich weise nur auf die PKG Ragnitz etc. hin, wo doppelt so hohe Sektioraten bei praktisch null Anteil an Risikoschwangeren vorliegen…

Spontangeburten nach vorausgegangenem Kaiserschnitt: 17,4% gegenüber 24,1% in Restösterreich, die Sektio nach vorausgegangener Sektio beträgt demnach 80,7% (die fehlenden 2% sind vaginal entbindende Operationen wie Vakuum oder Zange).

Der Kaiserschnitt nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt ist also steigend, und zwar von 60% 2004 auf über 80% 2012, in 8 Jahren um über 20% !!! Dieser starke Anstieg wird im Begleittext u.a. damit begründet,  „dass ein primärer (d.h. vor Geburtsbeginn, zumeist geplanter) Kaiserschnitt bei der Erstgeburt von den Frauen als positiv empfunden wird bzw. umgekehrt ein sekundärer Kaiserschnitt als sehr belastend und sich diese Frau auf eine ähnliche Situation nicht mehr einlassen möchte.“

Der Grund, die Schuld, liegt demnach bei den Frauen! Ich habe noch von keiner Frau gehört, die sich zu einem Kaiserschnitt entschloss, dass sie von ihrem Arzt über die Erfolgsrate von 17,4% aufgeklärt worden wäre! Im Gegenteil,  die Aussichten, das nächste Kind vaginal zu gebären, werden verharmlost, die Frauen nicht selten angelogen. Was die Wunschsektiorate in Ö und Deutschland betrifft, möchte ich nur anführen, dass sie unter 3% geschätzt wird.

Auch bei der Geburtseinleitung stehen die Steirer an der Spitze, und zwar mit über 20%. Wie in den Empfehlungen der WHO zu lesen ist, führt aber eine hohe Zahl an Einleitungen erwiesenermaßen zu mehr Kaiserschnitten…

Beckenendlage: 5,9%, das sind 598 Kinder, davon wurden nur 13 Kinder (0,1%) vaginal geboren. Schade.

Auf Seite 38 steht zu lesen:

„Auch bei vaginaler Geburt wird die PDA zur Schmerzlinderung immer häufi ger von den Gebärenden verlangt, in den letzten neun Jahren hat sich hier die Rate erfreulicherweise verdoppelt.“

Was hier erfreulich sein soll, weiß ich nicht…

Die steigenden PDA-Zahlen fügen sich nahtlos zu den Zahlen, die Auskunft über die Gebärpositionen geben. Mit über 87% finden die Geburten im Bett statt, 2,7% am Hocker und 6% im Wasser. Letzteres ist aber auch schon Geschichte, denn die Abteilung mit den meisten Wassergeburten, im LKH Voitsberg, wurde diesen Sommer geschlossen…

Erstgebärende werden in unseren Spitälern immer noch in 32% der Geburten geschnitten, obwohl in den letzten Jahren die Rate an Episiotomien Gott sei Dank sank.

„Eine Episiotomie ist nicht zwingend ein Schutz vor einem Dammriss III° oder IV°.“ , heißt es. Sie schreiben in der Interpretation aber nicht, dass ein Dammriss dritten Grades (Beteiligung des Sphinkters), häufiger NACH Dammschnitten vorkommt als bei Geburten, in denen die Frau nicht geschnitten wird (obwohl es aus den Raten/Zahlen hervorgeht). Österreichweit kommt diese Tatsache besonders gut zur Geltung: nach Episiotomien kommt es in 3,2% der Geburten zu einem Dammriss III°, ohne Schnitt nur in 1,4% – das sind doppelt so viele schlimme Risse bei knapp davor durchgeführten PROPHYLAKTISCHEN Dammschnitten!!!

Positiv aufgefallen ist mir folgender Passus im Kapitel „Qualitätsindikatoren“:  Sektiones nach Geburtseinleitungen ab Termin + 7 , d.h. eine Woche über dem Termin: Medizinisch indizierte Einleitungen führen häufiger zu Kaiserschnittentbindungen, als Abwarten des normalen Wehenbeginns. Jene Abteilungen mit hoher Sektiofrequenz werden in Zukunft die Indikation zur Geburtseinleitung genauer überprüfen müssen.“

Schön – wenn’s stimmt.

Noch Lust aufs Kinderkriegen???

mandelbaum buchMag. Ursula Walch ist international in der Geburtshilfe tätig und Schrifstellerin. Sie hat den Lehrplan für den Studiengang Hebamme an der FH-Joanneum in Graz erstellt und ist freiberufliche Hausgeburtshebamme in der Steiermark und in Slowenien. Neben Vorträgen und Kursen referiert sie auf internationalen Kongressen und betreute ein dreijähriges humanitäres Projekt der Volkshilfe in der Westsahara. u.walch ÄT gmx.net; http://www.ursula-walch.net

Mehr von Ursula Walch im Buch von Solidarisch G’sund: „Gesundheit für Alle!“ – Mandelbaum-Verlag, 2013

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s