„Lesenswerter Sammelband“: Gesundheit für Alle! – Rezension von Peter Fleissner

mandelbaum buchInitiative Solidarisch G’sund: Gesundheit für alle!  INTRO.  Technische Herausgeber: Andreas Exner und Werner Rätz.  mandelbaum kritik & utopie, Wien 2013, 192 Seiten, 12 Euro, http://www.mandelbaum.at/books/806/7458

Buchbesprechung von Peter Fleissner [via Volksstimme, November 2013]

Für uns alle ist die Gesundheit ein Gut von ganz besonderer Wichtigkeit. Krankheit hindert uns, unseren täglichen Aufgaben, unserer Arbeit und unseren Vergnügungen nachzugehen. Sie macht uns von anderen abhängig. Oft kostet sie uns viel Geld. Überraschende und gut belegte Einsichten zu diesem Thema bietet ein neues Büchlein aus der Reihe „kritik & utopie“ des Wiener Mandelbaum Verlags. Die technischen Herausgeber Andreas Exner und Werner Rätz lassen vierzehn AutorInnen aus Österreich und Deutschland zu Wort kommen, die im Namen der Initiative „Solidarisch G’sund“ (http://solidarischgsund.org/) Interessantes zum modernen Gesundheitswesen zusammengetragen haben.

Gesundheitsmythen

Die AutorInnen räumen mit einigen Mythen auf, die sich nach und nach in die veröffentlichte Meinung eingeschlichen haben und von den Massenmedien verbreitet werden. Der schönste Mythos ist der vom Kunden, der im Gesundheitswesen König wäre; nur dass Krankheit nicht wie beim Kauf eines Autos mit Freiwilligkeit verbunden ist. Als Kranke/r haben wir ein Vertrauensverhältnis zu ÄrztInnen und Pflegepersonen nötig. Wir sollten nicht der Konkurrenz zwischen den verschiedenen Anbietern von Gesundheitsleistungen ausgeliefert sein.

Ein weiterer Mythos besteht darin, dass wir für unsere Gesundheit selbst Sorge tragen sollten, und beispielsweise Vorsorge- und Wellnessangebote annehmen – natürlich sollten wir dafür auch selbst zahlen, denn die Leistungen des Staates und der Sozialversicherung hätten nicht die nötige Qualität – oder Sport betreiben – natürlich mit teuren Geräten und hochwertigster Kleidung. Aber wem nützt das, wenn die Umwelt vergiftet wird, die Atomkraftwerke uns mit Strahlen verseuchen, wenn die Arbeit krank macht und die Verarmung vieler deren Gesundheit schädigt, wenn ein Arztbesuch oder Medikamente durch Selbstbehalte immer teurer werden?

Weil Du arm bist, musst Du früher sterben

Es wird nachgewiesen, dass Gesundheit nur zu einem kleinen Teil durch individuelles Verhalten gewährleistet werden kann, zu einem wesentlich größeren aber vom sozialen Status abhängig ist. Auch nach dem Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach Gesundheit „völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden“ ist, können wir uns schwerlich als gesund bezeichnen, da es an der dritten Komponente, dem sozialen Wohlbefinden, deutlich mangelt. Der soziale Status geht quasi unter die Haut und ist wesentlich für den Gesundheitszustand verantwortlich. Trotz der punktuell unglaublichen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Medizin, der schonenderen Chirurgie, der Verbesserung der bildgebenden Verfahren wie Computertomographie und Magnetresonanz sowie der Tatsache, dass in den Industrieländern die Lebenserwartung der Menschen immer noch steigt, leben arme Menschen auch in Deutschland deutlich kürzer. Vor allem arme Männer sterben 10 Jahre früher als wohlhabende und sind drei Jahre länger krank. Seit der letzten Dekade nimmt die Lebenserwartung der Armen im Westen Deutschlands um zwei Jahre, im Osten sogar um vier Jahre ab.  Ein anderes Beispiel: Bei Abteilungsleitern ist das geringere Risiko als bei einfachen Arbeitern, an einer Herzkrankheit zu sterben, zu zwei Drittel auf den Einfluss der sozialen Hierarchie zurückzuführen

Der Beitrag des modernen Gesundheitswesens muss sich ebenfalls einige Kritik gefallen lassen, denn wie kommt es, dass in Schweden die Menschen eineinhalb bis zwei Jahre länger leben als in Deutschland, obwohl sie in Schweden nur dreimal jährlich, in Deutschland aber 18 Mal pro Jahr einen Arzt aufsuchen? Wie ist es möglich, dass in den USA über 100.000 Todesfälle jährlich auf korrekt verschriebene und korrekt eingenommene Medikamente zurückgeführt werden?

Blockbuster

Wie alle anderen Unternehmen auch ist die Pharmaindustrie am Gewinn interessiert. Charakteristisch dafür sind Pharmaka, die unter dem Begriff „Blockbuster“ bekannt sind. Dieses Wort ist uns vom Fernsehen als Bezeichnung für besonders beliebte Filme vertraut. Es stammt aus dem Wortschatz des Militärs und bedeutet das Potential einer Bombe, einen Häuserblock vollständig zu vernichten.

Im Pharmasektor wird damit ein Medikament benannt, das über lange Zeit und möglichst häufig eingenommen werden muss. Solche Medikamente sind klarerweise profitabler als Antibiotika, die wegen der Mutation von Viren nur kurzfristig einsetzbar sind. Die jüngsten Blockbuster sind Biologika, die von lebenden Organismen, z. B. Zelllinien von Menschen oder Mäusen stammen oder aus deren Produkten hergestellt werden. Sie versprechen derzeit besonders hohe Gewinne.

Die profitable Geburt

Das Eindringen marktwirtschaftlicher Prinzipien in die moderne Geburtshilfe bringt keine segensreiche Entwicklung mit sich. Geburt wird heute zu einer Art Krankheit stilisiert, die durch aufwändige Messungen, Überwachungen und Medikationen zum vorgeplanten Zeitpunkt erfolgen soll. So finden nur noch 6 Prozent der Geburten ohne ärztliche Intervention statt, nur 2 Prozent sind Hausgeburten. Ein Viertel der Geburten wird künstlich eingeleitet. In Deutschland und Österreich belaufen sich die Geburten per Kaiserschnitt bereits auf fast ein Drittel, obwohl nach Auffassung der WHO nur bei 15 Prozent  der Frauen ein medizinisches Risiko besteht, das durch einen Kaiserschnitt verringert werden könnte. Diese immer beliebtere Geburtsmethode verursacht zahlreichere Leistungen und ist daher entsprechend gewinnbringend. Erfolgsversprechend ist sie allerdings nicht: An der Universität Genf wurde nachgewiesen, dass dabei doppelt so viele Kinder sterben wie bei einer normalen Geburt.

Gegenwehr

Das Buch enthält eine Fülle von Beispielen für negative Effekte des modernen Gesundheitswesens: krankmachende Krankenhausaufenthalte, schädliche Nebenwirkungen von Medikamenten (vor allem bei der Behandlung psychisch kranker oder depressiver Personen), Einsatz von immer neuen und teureren technischen Geräten, für die oft geschultes Bedienungspersonal fehlt. Nur langsam kommen Prozesse der Gegenwehr in Gang, die sich im Zuge der Wirtschaftskrise verstärkten. Streiks und Besetzungen finden in griechischen Krankenanstalten statt, in denen das Personal immer mehr reduziert wurde, die Medikamente nicht mehr ausreichend  finanziert wurden und wo die Arbeitsbelastung unerträglich geworden ist. In Polen wurden im Gesundheitswesen neue Formen des Streiks angewendet, bei denen im Interesse der Patienten die Arbeit nicht niedergelegt wurde. Überdies entstanden Gesundheitszentren, in denen unentgeltlich behandelt wird. In Polen führte ein origineller Protest rasch zum Erfolg: Als vom Krankenhaus keine Arbeitskleidung zur Verfügung gestellt wurde, kam das Personal in selbst gefertigter Phantasiekleidung zur Arbeit.

Nur die Umgestaltung des Lebens in Richtung der Zurückdrängung von Gewinninteressen und hin zu einer solidarischen Gesellschaft wird nachhaltige Verbesserungen der Gesundheit bringen. Viele Belege und konkrete Hinweise dazu finden sich in diesem lesenswerten Sammelband. Sie knüpfen nahtlos an eine umfangreiche Studie zum österreichischen Gesundheitswesen an, die in den 1970er Jahren unternommen wurde (siehe dazu das ABCDarium in diesem Heft)

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “„Lesenswerter Sammelband“: Gesundheit für Alle! – Rezension von Peter Fleissner

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