Kuschen auf Kommando. Pflegearbeit in Österreich am Beispiel von MediCare

medicare

 

 

von Andreas Exner

Woran krankt bezahlte Pflegearbeit in Österreich? An dem äußerst niedrigen Niveau der Bezahlung, an zu wenig Personal und den autoritären Haltungen des Managements. Das zeigt der Briefwechsel zwischen einem Mitarbeiter der Firma MediCare und seinen Vorgesetzten.

Wir veröffentlichen ihn unten anonymisiert.

MediCare, so steht zu befürchten, ist dabei nur ein Beispiel für viele andere.

Wenn MitarbeiterInnen berechtigte Kritik üben, so schasselt das Management sie ab. Sie sollen kuschen. Dankbar sein sollen sie für die paar Euro Stundenlohn. Frohen Herzens haben sie zu arbeiten, auch wenn die Entlohnung noch so traurig ist. Jedenfalls ist der Dienstweg einzuhalten. Der Mitarbeiter kann andernfalls ja gerne stempeln gehen, so die ungepflegte Botschaft.

Die untenstehende Dokumentation erging übrigens auch an die Gewerkschaft vida, und zwar an den für den Pflegenbereich zuständigen Hrn. Kollegen Willibald Steinkellner. Eine Antwort auf das Schreiben hielten die vida und Kollege Steinkellner offenbar nicht für notwendig.

Brief von Mitarbeiter A an X aus dem Operation Management von MediCare am 8. Juli 2013

Hallo X,

ich habe am 19.6. die Mail an Fr. Yund CC an dich geschickt. (Du hast mich sogar noch wegen eines weiteren Dienstes am 28.6. kontaktiert.) Ich muss davon ausgehen, dass einiges an Schriftverkehr untergeht. Ebenso habe ich eine Fax-Bestätigung, die ausweist, dass die Überlassungsmitteilung für den Dienst am 14.6. um 10.57  mit der Rückmeldung „OK“ abgesendet wurde. Darin ist allerdings von einem Überlassungslohn von 11,480 die Rede und nicht von 12,48€. Mich interessieren lediglich Netto-Gehälter und du weißt so gut wie ich, dass die Umstände im Pflegeberuf nicht optimal sind. Wünschenswert wären MitarbeiterInnen und Führungskräfte, die sich das auch zu sagen trauen und nicht noch mehr Druck auf die MitarbeiterInnen ausüben.

Vielen Dank für die Erfahrungen, die ich über Medicare machen durfte.
Auch dir alles Gute,

mit lieben Grüßen, A
Brief von X aus dem Operation Management von MediCare, 8. Juli 2013

Hallo A,

Frau Y vom St. Josef KH hat mir Deine Mail, die Du an sie verfasst hast, weitergeleitet. Dass sie alles andere als angetan darüber war, versteht sich von selbst und muss von mir an dieser Stelle auch nicht weiter vertieft werden.

Was ich allerdings befremdlich finde ist der unterschwellige und aggressive Tonfall von Dir einem unserer Kunden gegenüber. Dass 2 DGKS für 22 Patienten nicht genug sind (wo ja auch noch PH und AH im Dienst waren, wie mir Frau Y versicherte), muss auch ich von meiner Warte aus, als vollkommen überzogene Reaktion deuten. MediCare ist nicht dazu da das Sprachrohr der Stammmitarbeiter vor Ort zu sein – wenn es organisatorische Mängel gibt bzw. eine Personalreduktion in der Einrichtung ansteht – muss das der Betriebsrat bzw. die Führungskräfte des basalen mittleren Managements an die PDL bzw. kollegiale Führung herantragen – wir können diese Funktion nicht übernehmen.

Zu Deiner zweimal im Mail deklarierten Unzufriedenheit brutto € 11.- in der Stunde zu verdienen (außerdem sind es 12,48 brutto) kann ich nur sagen dass es  Deine freie Entscheidung war den Dienst zu übernehmen. Wenn Dir das Gehalt zu wenig ist, musst Du den Dienst nicht annehmen – deshalb verschicken wir ja auch die Überlassungsmitteilungen vor Dienstantritt.

Nachdem ich keine unzufriedenen Mitarbeiter im Team haben möchte, die bei unseren Kunden entsprechende Stimmung verbreiten, ist es besser wir beenden unsere Zusammenarbeit. Ich danke Dir für alle Dienste die Du für MediCare geleistet hast, bitte Dich noch die angehängte ÜL zu unterschreiben und mir zu retournieren und die Dienstkleidung zurückzugeben, damit Du die € 20.- zurückbekommst und wünsche Dir alles Gute auf Deinem weiteren beruflichen Weg und verbleibe

mit lieben Grüßen, X

X, MAS

Operation Management

MediCare Personaldienstleistungen GmbH
Pestalozzigasse 4
1010 Wien 
Brief von Mitarbeiter A an Stationsleiterin Y, 19. Juni 2013

Sehr geehrte Frau Y, BSc,

am Freitag, den 14.6. hatte ich die Möglichkeit, mittels eines Pooldienstes über Medicare Ihr Haus und die Station Interne 2 kennen zulernen. Die Arbeit funktionierte reibungslos und das Team war kompetent. Abgesehen davon möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass es nicht zur optimalen Dienstbesetzung zählt, wenn für 22 PatientInnen nur eine DGKS vom Haus und eine DGKS mittels Pooldienst die Verantwortung haben. Wie ich selbst aus meiner Ausbildung des derzeitigen Masterlehrgangs für ANP erfahre, sollten Führungskräfte durchaus dafür sorgen, dass auch MitarbeiterInnen unter optimalen Bedingungen arbeiten müssen, wenn langfristig die Qualität der PatientInnenbetreuung gesichert sein soll. Diese sind unter den derzeitigen und zukünftigen Personalschlüssel keinesfalls gewährleister, wenn MitarbeiterInnen bis aufs Blut ausgebeutet werden. Das sehe ich bei einem Stundenlohn von 11€ brutto als Faktum.

Mir sind die budgetären Rahmenbedingungen im Gesundheits- und  Pflegewesen durchaus bekannt. Nichtsdestotrotz sind Sie als Führungskraft dazu aufgefordert, keinesfalls weitere Reduktionen am Personalschlüssel durchzuziehen und dies auch nach oben hin zu kommunizieren.  Müssig zu sagen, dass es grenzwertig ist, dass ich mir von den 11€ brutto auch noch das Mittagessen in der Cafeteria selbst bezahlen musste, weil für Pooldienste leider auch keine Mahlzeiten ausgegeben werden.

Um Abhilfe der gegebenen Umstände wird ersucht.

Mit freundlichen Grüßen,

A

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

2 Antworten zu “Kuschen auf Kommando. Pflegearbeit in Österreich am Beispiel von MediCare

  1. regentropfenzähler

    härsd, übaoi da gläche Schaas..

  2. PM2

    ja, ja das ist die bittere Wahheit… Nicht nur die Bezahlung, sondern auch die anforderungen der Personaldienstleister an die Mitarbeiter der Pflege sind beeindruckend. Eenso beeindruckend ist die scheinbar selbstverständliche Verwendung des eigenen PKW (sofern vorhanden). Da sweiss ich aus eigener Erfahrung.
    Es geht noch besser:
    Wenn mann in einem Pflegeinstitut in NÖ zugeteilt wird, welches mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen ist, gibt es ernste Gespräche mit den Stationsleitungen des Hauses und&/osdeer derDisponenten der Personaldienstleister…..
    Also ich nenne nur das Beispiel einer Zuteilung vom Wiener Stadtrand nach Wilhelmsburg:
    Nächtigung erforderlich
    20 Dienste im Monat zugeteilt.
    Nutzung des Privast-PKW-KM-Leistung: 87km je Fahrtrichtung.Zeitaufwand: min 90min.
    Nächtigungskosten NF:oder NA:€50,–
    Spritkosten für diesl:€ 1,20
    ergibt: 1200,– je Monat. Bei einem Verdienst von 1800,- ein Ding der Unmöglichkeit.
    Wenn man dann als MA Fordferungen stellt, wird einem der Vertrag entzogen, oder eine Empfehlung vom DG gegeben.
    Willkommen in der freien Marktwirrtschaft: hire and fire.
    so gehts ab in der Pflege.
    Andereseits versucht man mit Gewalt den gesamten Pflegedienst zwangsakademisiewren zu wollen, ohne jedoch auf eine Aufbesserung des Gehaltes der Akademiker zu achten.
    Die nachgeordneten Berufsgruppen werden POflegeassistenz und Pflegeassistenz+ genannt und üpbernehmen zusehends die Arbeit und Kompetenz der derzeitigen DGKS/P.
    Wo bleibt der gute alte DGKS/P? der wird ausgedünnt und ab 2024 guibts den dann nicht mehr……
    Nun, sagen darfst dazu auch nix.. Komisch oder
    Ein Kollege des Pflegemanagements
    PM2

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