Rassismus schädigt die Gesundheit schleichend

von Andreas Exner

Dass Rassismus tötet ist eine ebenso schreckliche wie einfache Wahrheit. Verantwortlich sind das Grenzregime der EU, die Polizeigewalt in Österreich und anderen EU-Ländern, der faschistische Mob von Deutschland bis Griechenland, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Weniger bekannt ist: Rassismus wirkt neben diesen akuten Folgen noch wie ein schleichendes Gift. Rassismus schädigt die Gesundheit auch auf langsame, fortdauernde Art. Dass Migrantinnen und Migranten nicht-weißer Hautfarbe, aber auch nicht-weiße Inländer etwa in Großbritannien oder den USA einen schlechteren Gesundheitszustand und eine höhere Sterberate aufweisen als Weiße, ist gut dokumentiert.

Wenn man sich mit dem Einfluss von Diskrimierung aufgrund der Hautfarbe, der Sprache oder des so genannten kulturellen Hintergrunds von Menschen befasst, denkt man zuerst oft an die Folgen schlechter Wohnverhältnisse und ähnlicher Lebensumstände. Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe gelten als minderwertig, kommen häufig aus Ländern mit geringerer wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit, verdienen daher häufig weniger als Menschen mit weißer Hautfarbe und hätten ergo auch schlechtere Lebensbedingungen.

Wissenschaftliche Befunde zu dieser Frage jedoch überraschen und frappieren. Zwar mögen schlechtere Lebensbedingungen, etwa ungute Wohnverhältnisse, einen Teil der Gesundheitskluft erklären. Für Asylwerberinnen und -werber ist dies wahrscheinlich auch in Österreich ein wichtiger Faktor für schlechte Gesundheit, trotz deren häufig jugendlichen Alters. Diese Menschen haben zudem oft eine lange und extreme psychische und physische Leidensgeschichte hinter sich – und aufgrund des Rassismus in der EU auch weiterhin vor sich.

Tatsächlich jedoch spielen von diesen extrem unterdrückten Gruppen abgesehen offenbar der soziale Stress der Diskriminierung und die Angst davor, schlecht behandelt zu werden, die Hauptrolle für den im Schnitt schlechten Gesundheitszustand bei von Rassismus Betroffenen.

Das zeigt eine Reihe von Untersuchungen, zusammengefasst von den beiden Gesundheitsforschern James Nazroo und David Williams in einem Beitrag für das Buch „Soziale Gesundheitsfaktoren“, das 2006 von Michael Marmot und Richard Wilkinson herausgegeben worden ist, auf Englisch: „Social Determinants of Health“.

So erklären zum Beispiel individuelle Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes, Blutdruck und so weiter nur einen sehr kleinen Teil des höheren Sterberisikos von Schwarzen in den USA im Vergleich mit Weißen. Der allergrößte Teil geht direkt auf den niedrigeren Status der Schwarzen zurück. Laborstudien zeigen, dass Erfahrungen von Diskriminierung großen Stress erzeugen und akute physiologische Reaktionen nach sich ziehen. Diese Stoffwechselreaktionen schädigen den Körper. Auch ist nachweisbar, dass allein schon die Angst vor Rassismus als solche das Risiko schlechten Gesundheitszustands um 60% erhöht, und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Klassenposition.

Nazroo und Williams vermuten, dass die extreme soziale Ungleichheit, die sich im Rassismus äußert, auf drei Wegen zu gesundheitsschädlichem Stress führt: Erstens durch ökonomische Nachteile, zweitens durch das Gefühl, einer entwerteten sozialen Gruppe mit niedrigem Status anzugehören und drittens aufgrund des psychischen Drucks, den Beleidigungen und die Angst vor Übergriffen bewirken.

Nazroo und Williams schließen, dass „eine große Bandbreite überzeugender wissenschaftlicher Belege inzwischen nahelegt, dass ethnische Ungleichheiten im Gesundheitszustand überwiegend eine Folge sozio-ökonomischer Unterschiede sind„. Sie weisen darauf hin, dass es „wichtig ist, in jedem Versuch ethnische Gesundheitsunterschiede zu erklären die Zentralität des Rassismus zu berücksichten.“

Diese gesundheitswissenschaftlich untermauerte Feststellung geht in eine ganz andere Richtung als hiesige Gesundheitsdebatten, die zumeist Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ärztin oder Arzt und migrantischen Patienten und Patientinnen in den Vordergrund rücken. Statistisch betrachtet dürften solche Schwierigkeiten jedoch praktisch keine Rolle für die Gesundheit bei Migranten und Migrantinnen spielen. Es scheint offensichtlich, dass viele eine Abneigung dagegen empfinden, Rassismus als Problem zu erkennen und etwas dagegen zu tun. So widmet man sich in der Mehrheit lieber Sprachkursen oder einer repressiven Integration anstatt den Rassismus anzugreifen.

Entsprechend stellen Nazroo und Williams fest, dass es vorrangig nicht um den ungleichen Gesundheitszustand als solchen gehen sollte. Sie plädieren vielmehr dafür, die Ursachen dieser Ungleichheit in den Blick zu nehmen. Und die liegen in der sozialen Ungleichheit.

Dazu sei aus dem Buchbeitrag von Nazroo und Williams abschließend noch der Gesundheitsforscher David Williams und sein wissenschaftliches Team aus dem Jahr 1994 zitiert:

Man ist versucht, sich auf klar identifizierte Risikofaktoren als Brennpunkte von Gesundheitsmaßnahmen zu konzentrieren. Ganz im Gegensatz dazu zeigen unsere Forschungen jedoch, dass gesamtgesellschaftliche Faktoren und der Rassismus die Grundursachen ethnischer Unterschiede im Gesundheitszustand darstellen. Risikofaktoren und die Ressourcen damit umzugehen, sind nur die oberflächlichen Ursachen, die im jeweiligen Moment sichtbaren Wirkmechanismen. Diese Mechanismen können sich verändern. Doch so lange die Grundursachen bestehen bleiben, wird eine Veränderung der oberflächlichen Ursachen nur dazu führen, dass neue Wirkmechanismen auftreten werden, die zum gleichen Ergebnis führen.“

Die rassistisch diskriminierten Gruppen, so Nazroo und Williams abschließend, sind keine von Natur gegebenen Kategorien. „Rassen“ und „ethnische Gruppen“ seien vielmehr ein Produkt der Gesellschaft. Dies sei zu bedenken, wenn man auf wirklich wirksame Weise die Grundursachen der starken gesundheitlichen Unterschiede zwischen rassistisch Diskriminierten und anderen Gruppen überwinden will.

Literaturtip:

Michael Marmot, Richard Wilkinson (Hg., 2006): „Social Determinants of Health“, und der Artikel „The Social Determination of Ethnic/Racial Inequalities in Health“ von James Y. Nazroo und David R. Williams darin.

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