Spitäler setzen den Rotstift an

Pfeifenberger, Alfred: Spitäler setzen den Rotstift an
Salzburger Nachrichten, 23. 3. 2013, 3

Gesundheit. Zusammenschlüsse tragen Früchte, der Einkauf wird viel billiger. Ambulante Behandlung in der Tagesklinik statt stationären Aufenthalts lautet ein weiteres Rezept, um Millionen einzusparen.

ALFRED PFEIFFENBERGER

FRITZ PESSL

Seit in Oberösterreich die Diskussion über angebliche Kontingentierungen von Hüftprothesen losgetreten wurde, hat sich der Blick darauf geschärft, wo im Gesundheitsbereich auch Rationalisierungen ohne Beeinträchtigungen bzw. Qualitätsverlust für Patienten möglich sind. Und siehe da, das Einsparpotenzial ist enorm hoch. Georg Ziniel, Geschäftsführer der „Gesundheit Österreich GmbH“, nennt vier große Bereiche.

> Stationärer Aufenthalt im Spital versus ambulante Behandlung. Untersuchungen haben ergeben, dass rund 150.000 Fälle im Jahr problemlos tagesklinisch versorgt werden könnten, in Summe ergäbe sich ein Einsparvolumen von 400 Mill. Euro. Ziniel nannte ein Beispiel: Kataraktoperationen (grauer Star) werden in den meisten entwickelten Ländern zwischen 80 und 100 Prozent ambulant durchgeführt. In Österreich nur knapp 50 Prozent, die meisten Patienten werden zwischen einen und drei Tage stationär im Spital aufgenommen.

> Unnötige Diagnostik und Routineuntersuchungen vor Operationen. Ziniel spricht von acht bis zwölf Mill. Euro Einspareffekt, würden medizinisch nicht notwendige oder doppelt durchgeführte (zuerst beim Facharzt, dann im Spital) Untersuchungen unterlassen. „Für Patienten sind mehrfache Diagnosen und Untersuchungen auch nicht verständlich“, sagt Ziniel. Am LKH Salzburg laufe dazu seit Jahren ein Reformprojekt, vor einem halben Jahr seien für Österreich Standards für Leitlinien beschlossen worden. Die Umsetzung in der Praxis steht noch aus.

> Das Management von Blutbank und Blutkonserven. Österreich liegt beim Verabreichen von Blutkonserven bei Operationen weit über dem europaweiten Durchschnitt. In vielen Fällen wird Spenderblut angefordert und -weil nicht benötigt – später entsorgt.

> Aufnahme von chronisch Erkrankten in stationäre Spitalsbehandlung. Ziniel spricht von medizinisch nicht erklärbaren Aufnahmen bei Zivilisationskrankheiten wie Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Das verursacht nicht nur hohe Kosten, sondern auch menschliches Leid.“ Die Spitalshäufigkeit in diesem Bereich sei drei Mal so hoch wie in der Schweiz und doppelt so hoch wie in Deutschland. Freilich müsste bei einer Systemänderung eine adäquate Behandlung bei niedergelassenen Ärzten aufgebaut werden.

Es geht aber nicht nur um Umschichten und Verlagern, sondern auch um effizienteren Einkauf in den Krankenanstalten. Sei es bei Dienstleistungen (Reinigung), bei medizintechnischen Großgeräten oder sonstigem Zubehör. Die Ordensspitäler und der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) zeigen es vor. Immerhin zählt der KAV mit zwölf Spitälern, elf Geriatriezentren und drei Pflegeheimen zu den größten Gesundheitseinrichtungen in Europa. Durch einen zentral gesteuerten, strategischen Einkauf und entsprechende Preisverhandlungen seien im Vorjahr 6,9 Mill. Euro eingespart worden, sagte die für den Einkauf zuständige Leiterin Christiane Tabib. Das soll sich fortsetzen. In den kommenden fünf Jahren beträgt das Einsparungsziel im Einkauf 60 Mill. Euro. Besonders bewährt hat sich bereits die Mitgliedschaft bei der deutschen „Dienstleistungs- und Einkaufsgemeinschaft Kommunaler Krankenhäuser eG im Deutschen Städtetag“ (EKK). Sie vertritt mehr als 70 Spitäler, Wien stellt die erste grenzüberschreitende Kooperation dar. „Das hat Präzedenzwirkung“, erklärte Tabib. „Allein das Wissen um die Preise in Deutschland bringt uns bei Ausschreibungen und Preisverhandlungen weiter. Markttransparenz war früher nicht wirklich gegeben.“ Eklatant seien die Preisdifferenzen bei hochtechnologischen Produkten, bei Implantaten in der Kardiologie (Herzschrittmacher, Defibrillatoren, Stents) betrügen sie annähernd 50 Prozent.

Wie die Zusammenarbeit von Krankenhäusern funktionieren kann, dafür gibt es in Österreich bereits etliche Vorbilder.

So wurden in Wien die fünf Spitäler der Vinzenz-Gruppe zu einem „Großspital an mehreren Standorten“ umstrukturiert: Labors und Sterilisation wurden zentralisiert, die Apotheken an einem Standort zusammengeführt und die Radiologieleistungen gebündelt. In der Administration wurden Leistungen wie Personalwesen, IT, Rechnungswesen und Facility Management von fünf auf einen Standort reduziert. Dadurch konnten die Kosten deutlich gesenkt und die Leistungen ausgeweitet werden.

Auch in Linz gibt es eine ähnliche Kooperation und zwar zwischen dem Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern und dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Dabei wurden Doppelgleisigkeiten bei den Leistungen eliminiert. Medizinische Leistungsbereiche wie Labor und Akutaufnahme wurden zusammengeführt. Darüber hinaus gibt es eine zentrale IT-Schnittstelle für den reibungslosen Austausch von Patientendaten. Fünf Millionen Euro können dadurch eingespart werden.

Ein Patient kostet unterschiedlich viel

Eine Spitalsbehandlung in Wien ist deutlich kostspieliger als in Tirol

WIEN (SN-alf). Im österreichischen Gesundheitssystem schlummert erhebliches Einsparungspotenzial. Das zeigt ein Blick auf die Behandlungskosten, die in den Spitälern anfallen. So müssen für einen Patienten, der in einem Wiener Krankenhaus liegt, im Durchschnitt 5891 Euro ausgegeben werden. In der Steiermark sind es 4586 Euro, in Salzburg 3760 Euro, im Burgenland 2743 Euro. Die Daten beziehen sich auf das Jahr 2010.

Aber auch die Kostensteigerungen, die in den vergangenen Jahren in den Krankenhäusern angefallen sind, zeigen, dass es starke regionale Unterschiede gibt. So haben seit dem Jahr 1997 die Kosten für die Behandlung eines Patienten in Niederösterreich um 93 Prozent zugenommen, in der Steiermark um 72 Prozent, in Vorarlberg hingegen nur um 59 Prozent.

Auch die Zahl der Patienten pro Bundesland, die in einem Krankenhaus behandelt werden, variiert stark. So werden im Verlauf eines Jahres in Oberösterreich deutlich mehr Menschen in den Spitälern behandelt als in den anderen Bundesländern. Was nicht bedeutet, dass die Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher kränker sind als die Bewohner der anderen Bundesländer. Eher ist es so, dass das Angebot an niedergelassenen Ärzten nicht ausreicht und daher die Patienten verstärkt in die Krankenhäuser drängen.

Erklärungsversuche für die Kostendifferenzen gibt es mehrere. So führt Wien immer wieder ins Treffen, dass in der Bundeshauptstadt viele komplizierte und damit auch kostenintensivere Eingriffe durchgeführt würden, die es in anderen Bundesländern nicht gebe.

Es ist allerdings auch Tatsache, dass in der Bundeshauptstadt Wien die Patienten deutlich länger im Spital bleiben als in den anderen Bundesländern. Und eines ist auch fix: Die größten Unterschiede gibt es bei den Kosten im nicht medizinischen Bereich.

Experten haben berechnet, dass die Spitalskosten in Österreich um etwa drei Milliarden Euro niedriger wären, wenn die Ausgaben für die Krankenhäuser in allen Ländern auf das Niveau Tirols gesenkt werden können.

Auch das Institut für höhere Studien (IHS) hat in einer Studie festgestellt, dass im österreichischen Gesundheitssystem durch eine bessere Zusammenarbeit bis zu zwei Milliarden Euro eingespart werden können. Und das ohne eine Verminderung der Leistungen für die Patienten.

Die Ärzte warnen vor Rationierung

WIEN (SN). Für die Ärztekammer ist es ein Vorgeschmack, was den Patienten in Österreich noch bevorsteht. So reagiert die Interessenvertretung auf die Diskussion, dass in den Spitälern des Landes Oberösterreich die nach Ansicht vieler Experten derzeit besten und haltbarsten Hüftprothesen für maximal fünf Prozent der Patienten kontingentiert werden sollen. Der Präsident der österreichischen Ärztekammer, Artur Wechselberger, sagt, dass „dies einen Vorgeschmack darauf gibt, wie die Verwalter öffentlicher Gelder auf Kosten von Patienten den Rotstift bei der Versorgungsqualität ansetzen, und nicht mehr die Ärzte nach den Bedürfnissen der Kranken und dem aktuellen Stand der medizinischen Entwicklung entscheiden dürfen“. Die Kammer sagt, dass sie mit großer Sorge beobachte, dass Krankenkassen auch im niedergelassenen Bereich auf Ärzte massiven Druck ausübten, wenn angeblich zu teure Medikamente häufig verschrieben würden.

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