Pflegekräfte: viel zu schlecht bezahlt

Offener Brief vom 22.1.2013 zu den Gehaltsverhandlungen für Pflegekräfte
Sehr geehrte Damen und Herren,
wie ich erfahren habe, wollen die Arbeitgebervertretungen eine Lohnerhöhung für Pflegekräfte mit gerade einmal 1,8% abgelten. Die gewerkschaftlichen Forderungen sind natürlich, gemessen an dem, was Pflegekräfte tatsächlich leisten, ebenfalls zu niedrig angesetzt. Denn wie sich zeigt, haben vermutlich die, die am Verhandlungstisch sitzen, wenig Ahnung davon, was Pflege tatsächlich bedeutet.
Sie alle verdienen bestimmt mehr als 12€/ Stunde. Und Sie alle halten es für angemessen, dass das, was Pflegende (oder überhaupt Menschen in den Sozialberufen leisten) mit 12€ abgegolten wird.
Ich muss Sie kurz korrigieren und teile Ihnen mit, dass es würdelos ist, Pflegekräfte mit diesem Gehalt abspeisen zu wollen. Besonders schlimm trifft es die extramurale Pflege, die zwar alle ausbauen wollen, weil man weiß, dass immer noch 80% der Gepflegten zu Hause, von Angehörigen, in der Regel von Frauen, gepflegt werden. Und die, die das professionell machen – übrigens vorwiegend MigrantInnen – denen muss man ja nicht so viel bezahlen. Und die Umstände, unter denen man teilweise arbeiten muss, die sind eben dann auch wie irgendwo im „Osten“.
Sie wissen, dass es in Wien noch immer zahlreiche Wohnungen ohne Heizung gibt. Die Wohnungen werden mit offener Gasflamme geheizt, vom Gasherd. Sie wissen, dass es in  immer noch einigen Wohnungen kein warmes Wasser gibt, weil der Durchlauferhitzer kaputt ist (oder gar nicht vorhanden), und sich die betroffene Person keinen neuen leisten kann/will. Pflegekräfte müssen diese Person, die gerade mal Stuhl hatte, dennoch nach hygienischen Richtlinien reinigen. Kreativität ist also gefragt.
Beantworten Sie mir bitte folgende Fragen: Warum erhalten Pflegekräfte in der ambulanten Pflege weder adäquate Arbeitskleidung bzw. eine entsprechende Kleiderabgeltung für die winterlichen Temperaturen? (Klimazulage)?
Wie wäre es mit einer Zulage für die geteilten Dienste, die Mütter dazu zwingt, ihre Kinder abends und am Wochenende alleine zu lassen, weil  der Arbeitgeber auf solche „Kleinigkeiten“ im Dienstplan keine Rücksicht nimmt. Die Zeit zwischen geteilten Diensten hat in der Regel mit Bereitschaftzeit abgegolten zu werden, denn an so einem Tag hat die betroffene Pflegekraft Null Freizeit.
Warum können sich die Vereine nicht darauf einigen, dass man Sprengelbetreuungen aufbaut, die den Pflegekräften ermöglicht, die betreute Person tatsächlich in den 15min Wegzeit zu erreichen – und nicht , wie es die Regel ist, die Leute quer durch Wien zu schicken? Und dafür müssen natürlich Wegzeiten bezahlt werden. Abgesehen davon, dass das unökonomisch ist, für die betroffene Arbeitskraft ist das zeitaufreibende Herumfahren auch anstrengend.
Wie ist es überhaupt möglich, diplomierte Pflegekräfte zu 90% für Pflegehelfertätigkeiten einzusetzen, obwohl es angeblich so einen Mangel an diplomierten Pflegekräften in der ambulanten Pflege gibt?
Warum macht nur der FSW in Wien MHKP? Eine DGKS eines Vereins wie Kleine Soziale Netze, Sozial Global, Volkshilfe etc. bieten dezidiert keine MHKP an, was zur Folge hat, dass es an Diplomierten dann mangelt. Denn wozu soll eine DGKS PH-Tätigkeiten ausführen, wenn sie ganz anderes kann? Schließlich muss der Verein aber ein DGKS-Gehalt zahlen, was zwar lächerlich gering ist, für die Verantwortung, die man trotz allem trägt, aber eigentlich ist es eine Verschwendung an öffentlichen Geldern, denn Pflegehelfer kämen billiger.
Und warum wird einfach an der Realität vorbeigeplant? Eine DGKS eines kleinen Vereins darf bei einer Klientin die Körperpflege ausführen und vielleicht auch noch Insulin spritzen, aber das sind alles Tätigkeiten, die ein/e PH durch Delegation auch ausüben darf. Hat die Klientin aber eine Wunde, z. B. einen vom KH mitgebrachten Dekubitus (was gar nicht so selten vorkommt), so darf diese Wunde nur von den mobilen Schwestern des FSW versorgt werden. Die Klientin zahlt dann übrigens (nach 28 Tagen) doppelt, denn sie zahlt den HKP-Verein, der die Körperpflege durchführt, und den FSW-Beitrag für die MHKP. Wenn die Klientin genug Geld hat, zahlt sie alles, hat sie nicht genug, zahlt die öffentliche Hand.
Ein wunderbares System, das ziemlich viel kostet, wie der beigelegte RH-Bericht zeigt.
Und ich hätte erwartet, dass Menschen, die mit soviel Geld jonglieren, auch ein entsprechendes Kostenbewusstsein an den Tag legen. Denn gute Pflege muss nicht mehr kosten, sondern sie muss in erster Linie gut organisiert sein.
Wie sich aber zeigt, haben die Gesundheits-/Pflegeverantwortlichen (es wäre schön, wenn alle Pflegekräfte, nämlich die im Gesundheits- und die im Pflegesektor gleich behandelt werden) nicht den blassesten Schimmer, wie gute Planung tatsächlich aussieht. Und es sollte nicht Aufgabe einer DGKS sein, Ihnen das sagen zu müssen. Sondern ich habe das Recht, unter optimalen Arbeitsbedingungen optimale Arbeit zu leisten. So erwarten Sie jedoch, dass Pflegekräfte unter unwürdigsten Arbeitsbedingungen und unterdurchschnittlicher Entlohnung (wie dies seit Jahren bekannt ist) trotzdem höchste Qualität liefern. Angesichts der demografischen Entwicklung frage ich Sie, wie das unter gegebenen Bedingungen weiterhin geschehen soll?
Übrigens: warum erhalten Pflegekräfte im mobilen Bereich nicht auch eine Geriatriezulage, obwohl 90% der von uns betreuten Personen Pflegefälle sind? Und wie ist es zu erklären, dass eine SEG-Zulage überhaupt nur 35% beträgt, und nicht, wie im stationären Sektor, doch um einiges mehr.
Abende und Wochenenden müssen besser entlohnt werden, schließlich muss auch die Kinderbetreuung bezahlt werden. Die tägliche Konfrontation mit Schmerz, Tod, Trauer, Alter, Arbeitsbedingungen, die die wenigsten, die im KH arbeiten, bereit sind, einzutauschen, sollte den mobilen Sektor weit besser entlohnen als es bisher der Fall war.
Im übrigen gilt der Bericht der Rechnungshofes: „Insgesamt ist die derzeitige Regelung der Pflege kaum dazu geeignet, den sich abzeichnenden demografischen Veränderungen gerecht zu werden. Es ist weder eine Gleichbehandlung der Betroffenen noch ein effizienter Ressourceneinsatz gesichert.“
In der Hoffnung, dass Sie sich der anstehenden Probleme dieses Landes wirklich annehmen und nicht nur hart arbeitenden (vorwiegend) Frauen wieder einmal ein Almosen anbieten verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Mag. Alexandra Prinz

 

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