Jungärzte beklagen schlechte Ausbildung

Fercher, Wolfgang: Jungärzte beklagen schlechte Ausbildung
Kleine Zeitung, 21. 11. 2012, 16f

System erhalten, statt auf Visite gehen. Turnusärzte bewerten die Ausbildung in Kärnten schlecht. Ärzte versprechen Verbesserungen.

WOLFGANG FERCHER

In ihrer Vehemenz hat die Kritik doch viele überrascht. „Bei der Ausbildung von Turnusärzten gibt es in Kärnten teilweise gravierende Mängel“, beklagt Christoph Arneitz, Turnusärztevertreter in der Ärztekammer. So bündelt er die Ergebnisse einer im August österreichweit durchgeführten Turnusevaluierung. In vielen Abteilungen seien Turnusärzte nur noch Systemerhalter, die am Computer arbeiten oder Blut abnehmen. Besonders schlecht wurden vier Abteilungen am Klinikum Klagenfurt bewertet (siehe Grafik).

Die betroffenen Primarärzte wollen die Ergebnisse nicht überbewerten, diese seien „nur bedingt repräsentativ“. Dass Handlungsbedarf gegeben ist, steht aber außer Zweifel. „Wir haben schon vor dieser Befragung ein neues Curriculum für die Turnusärzte ausgearbeitet, das jetzt anläuft“, sagt Wolfgang Wand-Schneider, Vorstand der Abteilung für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. „Dadurch wird die Planung und Struktur der Ausbildung deutlich verbessert.“

Wie dringend das notwendig ist, zeigt das Beispiel einer Kärntner Turnusärztin. „Viele von uns haben bewusst geschaut, ihren Turnus nicht im Klinikum Klagenfurt machen zu müssen“, sagt sie zur Kleinen Zeitung. Dort könne man einfach zu wenig mit Patienten arbeiten. „Es gibt aber auch Abteilungen, die sehr gut bewertet wurden“, sagt Arneitz. Jörg Weber, Vorstand der Abteilung für Neurologie, sieht in der Ausbildung von Ärzten eine generelle gesellschaftliche Frage. „Wenn wir Ärzte qualitativ hochwertig ausbilden wollen, muss jetzt etwas getan werden.“ Die Zahl der Turnusärzte in Kärnten ist in den letzten 20 Jahren um über 30 Prozent zurückgegangen. Zudem verbringen sie viel weniger Zeit an einer Abteilung. „In vier bis sechs Wochen kann man Arzte nicht ausbilden. Da können sie gar nicht eigenständig arbeiten“, sagt Weber. „In kleinen Krankenhäusern können Turnusärzte neun Monate an einer Abteilung verbringen, das geht bei uns nicht“, sagt Georg Grimm, Vorstand der Zweiten Medizinischen Abteilung. Aufgrund von Stehzeiten würde der Turnus dann statt drei Jahren oft bis zu fünf Jahre dauern.

Grimm: „Die Ausbildung ist uns ein großes Anliegen, wir bemühen uns sehr, es bleibt aber oft wenig Zeit.“ In der Praxis sind auch unterschiedlichen Arbeitszeiten schuld. Die Ärzteknappheit im Klinikum Klagenfurt führe dazu, dass Turnusärzte keine Ansprechpartner hätten. Die gestern vom Land beschlossenen zusätzlichen 20 Ärzte und 50 Pfleger für die Kärntner Spitäler sehen die Primarärzte deshalb positiv. „Die Patienten müssen sich keine Sorgen machen!“, betont Patientenanwalt Erwin Kalbhenn. Es gebe keine Beschwerden in diese Richtung. „Die ärztliche Leitung muss aber natürlich auf die Ergebnisse reagieren.“

Mehr Arbeit für Patientenanwalt

Deutlicher Anstieg von Fällen in der Chirurgie.

KLAGENFURT.

Insgesamt 464 Beschwerden über die Behandlung in Krankenhäusern oder Arztpraxen bearbeitete die Kärntner Patientenanwaltschaft im Jahr 2011 – im Vergleich zu 2010 ist das eine Zunahme von 3 Prozent. „Oft sind es Probleme in der Kommunikation. Oder Ärzte haben zu wenig Zeit für Patienten“, sagt Patientenanwalt Erwin Kalbhenn. Was die medizinische Betreuung betrifft, gab es 2011 eine eklatante Zunahme von Beschwerden im Bereich Chirurgie (+ 200 Prozent) und Orthopädie (+ 50 Prozent). Hintergrund sind oft langwierige Krankengeschichten. Demgegenüber steht ein Rückgang von Beschwerden in den Fächern Augenheilkunde (- 70 Prozent) und Innere Medizin (-50 Prozent).

HINTERGRUND

Am längsten im Krankenhaus

Die Kärntner sind länger und öfter in einem Spital.

In keinem anderen Bundesland sind die Menschen so häufig und so lange Zeit in Spitälern wie in Kärnten. Im Jahr 2011 war jeder gegenüber einer Gebietskrankenkasse Anspruchsberechtigte (Versicherte und Mitversicherte) im Schnitt 2,10 Tage in einem Spital. Im Österreich-Schnitt waren es 1,82 Tage. Am seltensten waren 2011 die Tiroler (1,67 Tage) in einer Klinik.

Die Kärntner sind auch am längsten in einer Klinik – ein Aufenthalt dauerte im Jahr 2011 laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger im Schnitt 6,14 Tage, in Tirol waren es nur 4,85 Tage, im Österreichschnitt sind es 5,36 Tage. Hinter Kärnten auf Platz zwei die Steiermark mit 5,98 Tagen je Spitalsaufenthalt vor Niederösterreich (5,6 Tage). Krankenhausreferent Peter Kaiser (SPÖ) sieht dennoch einen Trend nach unten: „Früher gab es keine Nachsorge, vor allem ältere Menschen sind länger als notwendig im Krankenhaus geblieben. Spezielle Einrichtungen außerhalb des Krankenhauses verkürzen die Aufenthaltsdauer.“

Zahl der Aufenthalte steigt weiter

Gegenüber 2010 wieder im Steigen begriffen ist die Zahl der stationären Aufenthalte, die um 2,3 Prozent auf über 165.000 zugenommen hat. Vor allem die Zahl älterer Patienten über 70 wächst in nahezu allen Spitälern deutlich.

Auch die Endkosten je stationären Patienten sind in Kärnten hoch: 4479 Euro (Österreich: 4339 Euro). Bedenklich ist in Kärnten vor allem das Wachstum der Kosten – diese stiegen in nur drei Jahren um zwölf Prozent, während sie österreichweit um sieben Prozent zugenommen haben. GKK-Chef Johann Lintner ist beunruhigt. Über die Gründe, warum die Kärntner am häufigsten und am längsten ein Spital aufsuchen, rätselt aber auch er: „Die Hintergründe dafür würden auch wir gerne wissen.“

An einer üppigen Ausstattung mit Ärzten liegt es nicht: Die ist in Kärntens Krankenhäusern eher mäßig. 1000 stationäre Patienten werden in den Kärntner Spitälern im Schnitt von 6,71 Ärzten versorgt; österreichweit sind es immerhin 7,30 Ärzte. Dafür ist in Kärnten die Zahl an Pflegern und Sanitätshilfsdiensten überdurchschnittlich hoch-5,55 je 1000 stationäre Patienten (Österreichschnitt: 3,73).

UWE SOMMERSGUTER

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