Wo Gesundheit unbezahlbar wird

Steiner-Gashi, Ingrid: Wo Gesundheit unbezahlbar wird
Kurier, 4. 11. 2012, 7

Hunderttausende arbeitslose Griechen müssen darauf hoffen, nicht krank zu werden – sie haben keine Versicherung.

Wer dieser Tage in Griechenland zum Zahnarzt geht, den müssen die Schmerzen hintreiben. Denn einen Besuch beim Zahnarzt können sich die meisten Griechen derzeit schlicht nicht mehr leisten. „Wir haben um fünfzig Prozent weniger Patienten als vor der Krise“, klagt Athanasios Devliotis, Präsident der Dentisten-Vereinigung in Thessaloniki gegenüber der Zeitung ekathimerini.

Doch noch viel schlimmer trifft es jene Griechen, die ernsthaft erkranken. Von den rund 1,2 Millionen Langzeitarbeitslosen im Land hat die Hälfte keine Krankenversicherung mehr. Fällt bei ihnen etwa eine Krebsdiagnose, tritt die Katastrophe ein: Sie haben keinen Zugang mehr zu Chemotherapie, Chirurgie oder auch nur zu einfachen Medikamenten – es sei denn, sie tragen die extrem hohen Kosten selbst.

Für kaum jemanden ist dies jedoch möglich: Nach fünf Jahren kontinuierlichem Wirtschaftsniedergangs lebt heute rund ein Viertel der knapp zehn Millionen Griechen unter der Armutsgrenze, hat also pro Monat und Kopf weniger als 550 Euro zur Verfügung.

Vor dem Zusammenbruch

Chronisch Kranke aber müssen derzeit mindestens 3Ö0 Euro für ihre Medikamente aus der eigenen Tasche bezahlen, zumal viele Krankenversicherungen und die Apothekerkammer wegen Geldnot kurz vor dem Zusammenbuch stehen.

In dieser Notlage haben sich Ärzte zu privaten Gruppen zusammengeschlossen, um Patienten zu helfen. Mit gespendeten Medikamenten werden die Kranken behandelt und gratis versorgt. „Aber dieses System hat ein Ablaufdatum“, sorgt sich Kardiologe Giorgos Vichas. „Irgendwann werden die Leute in der Krise nicht mehr spenden können. Deshalb müssen wir den Staat unter Druck setzen, wieder Verantwortung zu übernehmen.“ Auch in Schulen wird die Lage dramatisch: Einige von ihnen, im Norden des Landes, haben kein Geld mehr für Heizöl, weshalb sie drohen, in den nächsten Tagen schließen zu müssen. Für Unterricht sei es in den ungeheizten Klassen zu kalt.

Neue Streikwelle

Das Land steuert indes auf die nächste Streikwelle zu, noch ehe das Parlament am Dienstag das neue, elf Milliarden schwere Sparpaket verabschieden soll. Krankenhausärzte, die seit Monaten keinen Lohn mehr bekommen haben, treten ebenso in den Ausstand wie Bus-, U-Bahn- und Taxifahrer, Müllabfuhr, Gemeindebedienstete. Für Dienstag und Mittwoch ist ein landesweiter Generalstreik angekündigt. Die Verabschiedung des Sparpaketes ist Voraussetzung für weitere Finanzhilfen der internationalen Geldgeber. Und ohne diese wäre Griechenland in wenigen Wochen zahlungsunfähig.

Ingrid Steiner-Gashi

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