Warum dürfen Ökonomen in unseren Krankenhäusern Patienten tot sparen?

von Lothar Schuchmann

Aufruf zum Widerstand gegen Macht und Willkür der Krankenhaus-Ökonomen Patientenwohl statt sogenannter „Wertschöpfung“. Pflege-Notstand in unseren Krankenhäusern sofort beseitigen!

Der zentrale Begriff „Wertschöpfung“ der Ökonomen zeigt, daß es für Ökonomen bei der Behandlung kranker Mitbürger durch ihre Ärzte nicht um ein medizinisches oder soziales Problem geht oder gar um Daseinsvorsorge, sondern um die Verwertungsinteressen des Kapitals und sonst nichts; dieselbe Mentalität zeigt leider auch in öffentlichen Kliniken: 22 Frühgeborene haben sich in Europas größtem und berühmtesten Klinikum, der Berliner Charité, mit Serratien-Keimen angesteckt, sechs davon erkrankten schwer. Dazu der Berliner Klink-Hygieniker Karl Schenkel: „Um die Gefahren von Infektionen dieser Art zu mindern, braucht es vor allem deutlich mehr Personal“.Schon lange ist bekannt, dass das Infektions-Risiko durch gegenseitige Übertragung der Patienten oder Infizierung durch die Hände von Pflegepersonen auf – hinsichtlich auf Fachkräfte – unterbesetzten und/oder überfüllten Kranken-Stationen deutlich höher ist als in besser besetzten.

Mehr Personal! Das Gegenteil ist der Fall: „Charité ist aus den roten Zahlen“, „Charité schafft acht Millionen plus“ schrieben vor einiger Zeit Berliner Zeitungen.Toll !? Wie schaffen Ökonomen das? Genau so wie in der „freien Wirtschaft“: Sehr viel mehr Patienten wurden seither aufgenommen, gleichzeitig wurden 600 Stellen abgebaut. Die Diktatur der Ökonomen greift nach Bereichen der Daseinsvorsorge, die dafür wirklich gar nicht geeignet sind. So wurden seit 2006 wurden sämtliche nicht-medizinischen Leistungen für alle Charité- Standorte in die sogenannte CFM ausgelagert (Charité Facility Managment GmbH), die mit ca. 2700 meist unausgebildeten Mitabeiter_innen aus 42 Nationen, Niedriglöhnern (6,50 ? Stundenlohn), die bezahlt werden für „Alles“ (von „Abfall“ bis „Zentralsterilisation“) – just in time – und dies funktioniert oft gar nicht im Sinne der Patienten.

Die in Kliniken besonders extrem ausgepärgte Hierarchie verhindert zudem einen fachlichen Austausch zwischen zwischen Ärzten und Pflegepersonal und erst recht den mit den Niedriglöhnern der Dienstleistungen. Zusammenfassend kann man den Schluss ziehen, die Krankenhausärzte tragen zwar die Verantowrtung für ihre Patienten, Ökonomen bestimmen aber die Arbeitsbedingungen der Ärzte, ohne dass diese sich dagegen wehren (können).

Prof. Dr.med. Hans-Iko Huppertz ist zurück. Als 2011 auf der neonatologischen Intensivstation in Bremen-Mitte drei mit einem gefährlichen Keimen (Klebsiellen) infizierte Frühgeborene gestorben waren, war der Chefarzt der Kinderklinik (Klinikum Bremen-Mitte) fristlos entlassen worden. Immer wieder hatte er die Ökonomen über die Risiken von Infektionen durch ständigen Personalabbau hingewiesen – er konnte ich
damit nicht durchsetzen. Immerhin konnte geklärt werden, wer in Bremen für das Totsparen verantwortlich war – der zuständige Geschäftsführer.

Ähnliches ist aus der Schweiz (Universitäts-Klinikum Bern) zu hören, wo aus ökonomischen Gründen Prof. Dr. Werner Strick, ein hoch angesehener Ordinarius für Psychiatrie, fristlos von der Spitaldirektorin entlassen wurde.

Bei gewerblich-privaten Kliniken, wie dem Universitätsklinikum Marburg-Gießen, an zahlreichen Klinikketten (Rhön AG, Helios/ Fresenius AG
u.a.) und bei aufgekauften Kassenarztsitzen und MVZ’s geht es ausschließlich um den Profit der beteiligten privaten Unternehmen und ihrer
Aktionäre. Zweifellos sinken die Kosten für Bereitschaftsleistungen und Kapitalbindung durch Verbesserung der Prozessqualität, insbesondere durch eine „sorgfältige“ Triage der Patienten nach Fallschwere, Komplexität; es gilt chronisch Kranke, Alte, Demente, weniger intelligente, daher zeitaufwendige und somit „ungeeignete“ Patienten, Obdachlose u.a. möglichst vom leistungsfähigen wertschöpfenden Krankenhaus fernzuhalten! Solche „Überraschungspotentiale“ müssen frühzeitig erkannt werden. Erreicht werden kann dies zum Beispiel durch immer kürzer und knapper gehaltene Gespräche, durch weniger Aufklärung und vor allem deutlich weniger Zuwendung zu denPatienten. Die Wertschöpfung soll sich ja in jedem Fall erhöhen. Dass allein aus dem Motiv der Habgier und andereren schäbigen Interessen unser ganzes Krankenhauswesen zu Lasten von Patienten, Ärzten und dem Pflegepersonal umgebaut werden soll, findet aber mit Sicherheit nicht die Zustimmung der Mehrheit unserer Mitbürger.

Unser Gesundheitswesen und hier besonders die Krankenhäuser sind in erster Linie der Daseinsvorsorge verpflichtet und können nicht allein der „Wertschöpfung“ überantwortet werden. „Wenn die hohe intrinsische Motivation vieler Mitarbeiter im Gesundheitswe-sen einmal verheizt ist (Prof. Rüegg-Sturm), so könnten sich fatale Einbrüche in der Behandlungsqualität und der Patientensicherheit ergeben“. Wie wahr. Wir
rufen alle verantwortungsbewußten ärztliche KollegInnen und Angehöriger der Pflegeberufe dazu auf, zu verhindern, daß sich private Kapitalinteressen des gesamten Gesundheitswesens bemächtigen können. Ein erster richtiger Schritt wäre die Rekommunalisierung von Krankenhäusern und Kliniken, der Abschied vom Menschenbild des homo ökonomicus im Gesundheitswesen und die weitgehende Abschaffung der DRG’s.

Lothar Schuchmann, DIE LINKE, KV Freiburg (Prof. Dr.med. Lothar Schuchmann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderrheumatologe)

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

Eine Antwort zu “Warum dürfen Ökonomen in unseren Krankenhäusern Patienten tot sparen?

  1. Diese „Sparsamkeit“ ist eingefleischt, ihr Ideal war das Eintreiben von Zwangsarbeitern für eine „Wirtschaft“, die das Eintreiben ermöglichte, indem sie jene Soldaten bewaffnet hat, die man zu diesem Zweck aussandte. Auch diese waren mies bezahlt und zwangsweise verpflichtet. Der „Billiglohnarbeiter“ ist der freie Bruder des Zwangsarbeiters. Er kommt „freiwillig“, weil er in seinem Land keine Möglichkeit mehr hat, anständig zu leben. Das immerhin hat sich gegenüber der Zeit, als man die billigen „Kräfte“ noch hertreiben musste, geändert. Man geht zur „wirtschaftlichen“ Massenmenschhaltung über. Nur der Zwang fehlt, unter dem sich die Menschen so halten lassen müssen. Darum kommt ihnen das Ganze so „unnötig“ und „falsch“ vor. Es ist ein Wahrnehmungsproblem, eine Ansichtssache, wenn man den Zwang nicht versteht, „gehalten“ zu werden – wozu?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s