Start für den gläsernen Patienten

Kurier, 9. 10. 2012, 3

Start für den gläsernen Patienten

Reizwort ELGA: Die Regierung beschließt heute die elektronische Gesundheitsakte. Was sie bringt und warum die Ärzte skeptisch bleiben

VON CHRISTIAN BÖHMER

Die Geburt war ausnehmend schwierig. Soweit schienen sich Gesundheitsminister Alois Stöger und der Gesundheitssprecher der ÖVP Erwin Rasinger einig. Und weil Rasinger zudem noch Arzt ist, blieb er gestern gleich in den Termini der Geburtshilfe: „Die Verhandlungen für das Projekt dauerten achtzehn Monate – so lange wie zwei Schwangerschaften.“ Jetzt bleibe der „elektronische Gesundheitsakte“ nur noch eines zu wünschen: „Es möge keine Steißgeburt werden.“

Wie vom KURIER vergangene Woche berichtet, haben sich die Regierungsparteien am Wochenende auf einen Gesetzesentwurf für die elektronische Gesundheitsakte ELGA geeinigt. Die Ärztekammer bleibt zwar skeptisch, will – vorerst -aber nicht weiter gegen das Projekt opponieren. Nicht zuletzt deshalb ist ELGA heute im Ministerrat.

Bis Patienten die Vorzüge des neuen Systems kennenlernen dürfen, dauert es freilich noch: In den Spitälern wird ELGA ab 2015 eingesetzt, im niedergelassenen Bereich, sprich etwa bei den Hausärzten, dauert es ein Jahr länger. Was ist und was kann ELGA – und warum sind Teile der Ärzteschaft bis heute dagegen? Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen:

Was ist ELGA?

Im Vollbetrieb, also voraussichtlich ab 2017, wird die Elektronische Gesundheitsakte alle wesentlichen Institutionen des Gesundheitssystems (Spitäler, Apotheken, Arzt-Ordinatio-nen) elektronisch miteinander vernetzen. Das bedeutet: Egal in welchem Bundesland und in welcher Ordination sich ein Patient befindet, bekommen Ärzte und Gesundheitspersonal Zugriff auf für sie relevante Daten, sprich Befunde.

Was speichert ELGA?

ELGA macht vorerst nur vier Befund-Arten verfügbar: Labor- und Radiologiebefunde, Entlassungsbriefe von Spitälern sowie generell alle verschriebenen Medikamente. Andere Befunde (z. B. Pathologiebefunde, etc.) sind derzeit nicht ausreichend standardisiert, sprich: Die Art und Weise, wie sie erstellt werden, ist in den einzelnen Bundesländern, Spitälern und Ordinationen so unterschiedlich, dass ein Vergleich und eine Vernetzung – noch – keinen Sinn machen. Langfristig wird die Zahl der Befunde, die in ELGA zu finden sind, aber ansteigen.

Welche Befunde werden auf der eCard gespeichert?

Überhaupt keine. Schon jetzt wird auf der eCard keine sensible Information gespeichert – bis eben auf Name, Geburtsdatum und Sozialversicherungsnummer. Künftig fungiert die eCard als Schlüssel, der – gemeinsam mit einem zweiten Schlüssel (Arzt, Apotheker, etc.) – für den Zeitraum von 28 Tagen den Zugang zu Daten ermöglicht.

Muss ich als Patient an ELGA teilnehmen?

Nein. Jeder Patient bleibt Herr seiner Daten.

Wer nicht an ELGA teilnehmen möchte, der kann dies beim Arzt beantragen („Opt-out“). Zudem können Patienten sensible Medikamente oder Diagnosen (Antidepressiva, HIV-Infektion, etc.) aus dem System nehmen.

Muss jeder Arzt an ELGA teilnehmen?

Ja und Nein. Das ELGA-Gesetz sieht vor, dass Ärzte bei der Einspeisung der Befunde verpflichtend an ELGA teilnehmen. Das bedeutet: Ein Röntgen- oder Laborbefund muss vom Arzt jedenfalls ins System gestellt werden. Laut Gesetz ist der Mediziner aber nicht verpflichtet, ELGA ständig abzurufen – ein Zugeständnis an die Ärztekammer, die vor „Überbüro-kratisierung“ warnte.

In der Praxis werden Ärzte dennoch regelmäßig die EL-GA-Akten studieren. Denn bei Haftungsfragen muss der Arzt nachweisen, alle relevanten Informationen erfragt zu haben. Und enthält ELGA Befunde, die Behandlungsfehler hätten vermeiden können, trifft den Arzt die Haftung. „Verantwortungsvolle Ärzte werden ELGA also nutzen“, sagen Rasinger und Stöger.

Wer gewährleistet die Daten-Sicherheit?

Zum einen muss jeder Patient den behandelnden Ärzten die Erlaubnis geben, Befunde einzusehen. Diese Erlaubnis erlischt nach 28 Tagen – es sei denn, sie wird verlängert. Zusätzlich ist es Patienten in Zukunft möglich, in einem eigenen Portal (via Bürgerkarte) nachzusehen, welcher Arzt welche Befunde angesehen hat – das ist derzeit nicht möglich.

Via Online-Portal können Patienten Diagnosen oder verordnete Medikamente auch selbst sperren. Arbeitgeber, Behörden, Betriebsärzte oder gar Versicherungen bekommen zu den Daten keinen Zugriff.

Was bringt ELGA?

Der größte Nutzen liegt laut Experten vor allem in der zentralen Abrufbarkeit der verordneten Medikamente. Derzeit wissen Spitäler und niedergelassene Ärzte nur sehr eingeschränkt, welche Arzneimittel andere Ärzte oder Institutionen verordnet haben bzw. was ihre Patienten gerade schlucken. Diese Doppel-Verschreibungen können nicht nur medizinisch äußerst gefährlich werden, sie verursachen zusätzlich auch unnötige Kosten. Das Gesundheitsministerium schätzt, dass ELGA bei jährlichen Betriebskosten von 18 Millionen Euro mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr an unnötigen Ausgaben spart.

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