Ärzte verschreiben zu teure Medikamente

Die Presse, 29. 9. 2012, 16

Pharma. In Deutschland könnten Krankenkassen 3,1 Mrd. Euro einsparen, wenn Ärzte mehr Generika verordnen würden. In Österreich ist die Situation ähnlich. Schuld daran sind auch die Vermarktungsstrategien der Pharmafirmen.

VON CHRISTIAN HÖLLER

[WIEN] Nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland brächten Generika massive Einsparungen für das Gesundheitssystem. In der Bundesrepublik könnten die jährlichen Kosten um 3,1 Mrd. Euro reduziert werden, wenn Ärzte mehr auf Generika setzen würden. Generika sind nachgeahmte Produkte von Originalmedikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist. Sie sind daher billiger, haben aber im Wesentlichen die gleichen Wirkstoffe wie die Originalpräparate. Das Einsparungspotenzial von 3,1 Mrd. Euro stammt vom neuen Arzneimittelverordnungsreport der AOK, einer der größten Krankenversicherungen Deutschlands. Für den Bericht wurden 784 Millionen Verordnungen für Patienten ausgewertet.

In Österreich kam eine vor Kurzem präsentierte Studie des Generikaverbands auf ein Sparvolumen von 256 Mio. Euro. Allerdings hat Deutschland zehnmal so viele Einwohner wie Österreich. Die Gründe, warum Ärzte lieber teure Medikamente verschreiben, sind in beiden Ländern ähnlich.

Genannt wird immer wieder die Macht der Pharmafirmen, die ihre Produkte gut vermarkten. Das geschieht nicht nur über aufwendig gestaltete Broschüren und Beratungen für Ärzte, sondern auch über Einladungen zu Kongressen und Fortbildungsreisen. „Wir sind nicht in der Lage, sehr massiven Marketingstrategien etwas entgegenzusetzen“, sagt Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Deutschland als Hochpreisland

Trotzdem gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich: In Deutschland sind so manche Medikamente wesentlich teurer. Die Bundesrepublik gilt traditionell als Hochpreisland für Pharmaprodukte.

Um für mehr Kostenbewusstsein zu sorgen, wurde in Deutschland und in anderen Ländern die sogenannte „Aut idem“-Regelung eingefühlt. Das bedeutet, dass Ärzte nur noch den Wirkstoff vorschreiben. Der Patient geht dann in die Apotheke, wo das günstigste Medikament ausgewählt wird.

Doch diese Maßnahme dürfte nicht immer den erhofften Erfolg bringen. Denn Ärzte können in Deutschland aus medizinischen Gründen den Vermerk „aut idem“ streichen und darauf bestehen, dass die Patienten trotzdem ein bestimmtes Präparat bekommen.

Im Vorjahr hat eine Analyse des Marktforschungsinstituts Insight Health ergeben, dass in Deutschland bei jeder siebten Verordnung von niedergelassenen Ärzten das „Aut idem“-Kästchen durchgestrichen wird. Wobei dies regional sehr unterschiedlich gehandhabt wird. In Bremen beispielsweise wollen die Ärzte bei jeder vierten Verordnung von „aut idem“ nichts wissen. In Bayern dagegen passiert das nur bei jedem 13. Rezept. Das ist aus medizinischer Sicht nicht zu erklären. Auch hier könnten die geschickten Vermarktungsstrategien der Pharma-branche eine Rolle spielen.

Mehr Kontrolle durch die Kassen?

Laut einem „Spiegel“-Bericht soll in Deutschland vor allem der Pharmakonzern Sandoz vom Durchstreichen des „Aut idem“-Vermerks profitieren. Bei jedem dritten Sandoz-Präparat, das in der Apotheke verkauft wird, sollen die Ärzte den Austausch durch ein günstigeres Produkt verweigert haben. Ein Sprecher von Sandoz-Deutschland versichert aber, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Marketingausgaben und den Verordnungen gibt.

In Österreich wurde nach heftigen Diskussionen die Einführung einer „Aut idem“-Regelung verworfen. Die Apothekervertreter kritisierten, dass für sie die Lagerhaltung aufwendiger werden würde. Auch der eine oder andere Arzt wollte die Entscheidungsgewalt nicht an die Apotheker abgeben.

Christoph Baumgärtel, der im „Bundesamt für die Sicherheit im Gesundheitswesen“ für die Medizinaufsicht zuständig ist, meint, dass in Österreich das Kostenbewusstsein stärker verankert werden sollte. Er, so Baumgärtel, habe von Kollegen in Deutschland gehört, dass dort Ärzte bei massiven Kostenüberschreitungen im schlimmsten Fall den Differenzbetrag zum günstigen Medikament selbst zahlen müssen. In Österreich dagegen führen die Kassen bei ähnlichen Fällen, „amikale Gespräche“. Dass in Österreich ein Arzt wegen zu teuer verordneter Medikamente seinen Kassenvertrag verloren hat, habe er noch nicht gehört, so Baumgärtel.

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