Der „manische Ausritt“ des Richard S.

Schwarz, Christoph: Der „manische Ausritt“ des Richard S.
Die Presse, 13. 8. 2012, 11

Der Jurist Richard Soyer attackiert in einem Rundumschlag die Med-Unis und zeichnet ein Bild von übler Freunderlwirtschaft und Missmanagement. Die Community ist empört.

VON CHRISTOPH SCHWARZ

Wenn es sein Ziel war aufzurütteln, kann er es getrost als erreicht bezeichnen. In einer scharfen Polemik hat Richard Soyer am Freitag in einem ganzseitigen Beitrag im Wochenmagazin „Format“ die Akteure der österreichischen Med-Unis frontal angegriffen. Pauschal, undifferenziert beleidigend – und ohne eine einzige seiner Aussagen auch nur dem Versuch einer sachlichen Untermauerung zu unterziehen.

Man könnte den Text also ignorieren. Sollte man aber nicht. Weil er ein so klares Bild der Selbstzerstörungstendenzen bietet, die die Medizin-Unis seit ihrer Ausgliederung im Jahr 2004 begleiten. Weil er von einem Mann geschrieben ist, der als Uni-Rat vier Jahre lang ein Systems kennenlernen konnte, in dem Messer üblicherweise nicht in die Brust, sondern nur in den Rücken gerammt werden. Und weil einen beim Lesen das Gefühl beschleicht, dass Soyer, der als Verteidiger von Dietrich Bimbacher derzeit in den Medien ist, bei aller Provokation so falsch nicht liegt.

Genau diese Faktoren sind es auch, die die Scientific Community sensibel reagieren lassen. Immerhin wirft Soyer den Med-Unis – für ihn eine „Spielwiese“ für Miss- und Freunderlwirtschaft – vor, bestens vorzuführen, „wie autonome Universitätspolitik und Hochschulmanagement tunlichst nicht zu erfolgen haben“. Die Uni-Räte wiederum sind für ihn „freundliche Honoratioren“ und befreundete/verfeindete Stakeholder anderer Unis, denen „Schulterklopfen und Herumwursteln“ mehr liege als „Compliance“. Auch die Führungsqualität der Uni-Leitungen halte sich „in bescheidenen Grenzen“. Unrechtsbewusstsein scheine für „viele ein Fremdwort“. Denn: „Mit der Angst vor Krankheit […] lässt sich das Klavier der Begehrlichkeiten gut bespielen und der Klingelbeutel der Med-Unis […] übermäßig füllen.“

Ein Schlag ins Gesicht für Lochs

Die Reaktion der Unis folgt auf den Fuß. Groß ist die Empörung an der Med-Uni Innsbruck, an der Soyer von 2008 bis Februar 2012 im Uni-Rat saß – bevor er offenbar im Bösen schied. Rektor Herbert Lochs, der Soyer „als hochintelligenten, rechtskundigen“ Mann „geschätzt“ habe, übt Kritik an den „Vorwürfen, die hier ohne jegliche sachliche Beweise“ vorgebracht werden. „Es dürfte sich um eine bloße Meinung ohne Recherche handeln.“

Lochs treffen die Anwürfe hart: Immerhin hat ihn Soyer als Mitglied des Uni-Rats mit ins Amt gehoben und seinen Vertrag verhandelt. Von Soyer nun zu lesen, dass es der Uni-Leitung an „unternehmerischer Befähigung“ mangle, ist ein Schlag ins Gesicht. Lochs verteidigt sich: „Überall leiten Wissenschaftler Universitäten. Wir brauchen Fachexperten, die über Managementfähigkeiten verfügen.“ Und dies sei in Innsbruck – Lochs verweist auf die bisherige Vizerektorin und Finanzexpertin Gabriele Döller – der Fall. Für die Uni kommt der Text zur Unzeit: Sie kämpft gegen die Fusion mit der Uni Innsbruck.

Auch an der Med-Uni Graz, die stets um ihr Saubermann-Image bemüht ist, ist man empört (siehe Interview unten). An der Med-Uni Wien will man offiziell nichts sagen. Hinter den Kulissen ist aber auch der Ärger über den Standort Innsbruck groß, der immer wieder das Image beschädigt.

Tatsächlich bietet Soyers Wirken an der dortigen Medizin-Uni Anlass zu Spekulationen über seine Beweggründe für den Gastkommentar: Er kam 2008 in den Uni-Rat – und zwar als jenes einziges Mitglied, das der Rat selbst wählt. Die restlichen Mitglieder werden je zur Hälfte von Senat und Ministerium bestimmt. Mit der Vorsitzenden des Rates – der an der Uni Wien tätigen Psychiaterin Gabriele Fischer – soll Soyer liiert (gewesen) sein. Fischer will sich auf „Presse“-Anfrage nicht äußern.

Im Februar kam der Bruch mit der Uni. Soyer, für „scharfe Worte“ bekannt, legte das Mandat vorzeitig zurück, aus persönlichen Gründen. Er soll, heißt es, angesichts der Probleme, in denen die Uni steckt, Angst um seinen Ruf gehabt haben. Der Rechtsstreit mit Margarethe Hochleitner, die nach der (verlorenen) Rektorswahl wegen Diskriminierung klagte, habe ihn zermürbt.

So manch anderer wiederum sieht den Text schlicht als „manischen Ausritt“ gegen ein System, dem Soyer nicht mehr angehört. Andere werfen ihm „Größenfantasien“ im Zusammenhang mit der Causa Bimbacher vor. Und dann wäre da noch der Vorwurf, Soyer wolle die Chancen der Uni Linz, an der er einen Lehrauftrag hat, auf eine Medizinfakultät steigern, indem er andere „schlechtmacht“. Soyer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Klar dürfte eines sein: Sollte es Soyer gelingen, seine Vorwürfe mit Fakten zu belegen, ist es wieder einmal um den Ruf der Medizin-Unis geschehen.

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