„Zu viele Behandlungen in Spitälern“

Bonavida, Iris: „Zu viele Behandlungen in Spitälern“
Die Presse, 13. 8. 2012, 3

Artur Wechselberger, Chef der Österreichischen Ärztekammer, sieht Fortschritte in Sachen ELGA. Die geplante Gesundheitsreform ist für ihn aber weder seriös noch ein Erfolg.

VON IRIS BONAVIDA

Die Presse: Die geplante Einführung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA rückt näher. Es scheint, als seien die Fronten zwischen Kammer und Ministerium nicht mehr so verhärtet.

Artur Wechselberger: Es ist uns gelungen, nach vielen Jahren die Nutzbarkeit von ELGA aus der Sicht der Ärzte ins Spiel zu bringen. Bisher wurde bei ELGA immer nur der technische Aspekt betrachtet. ELGA ist aber für uns ein Arbeitsgerät des Arztes. Und beim Kernpro-zess Behandlung geht es um Übersicht, auch für den Patienten. Das ist bisher nicht berücksichtigt worden. Die Ärzte sind auch noch nie gefragt worden: Was braucht ihr, um schneller zu werden und genauere Diagnosen zu stellen – welches elektronische Tool können wir euch zur Verfügung stellen? Das Tool, das wir bei der Behandlung brauchen, ist ein ganz anderes, wofür ELGA bisher konzipiert war.

Das heißt, es gibt nun Gespräche mit dem Gesundheitsminister?

Es gibt eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern von Medizinern, Sozialversicherung, Gesundheitsministerium und der ELGA GmbH. Es wird versucht herauszufinden, welches elektronische Hilfsmittel den Arbeitsprozess verbessert, und nicht behindert. Durch unsere Bemühungen kommen wir einen Schritt weiter.

Wann kann man mit einem Ergebnis dieser Arbeitsgruppe rechnen?

Da gibt es zwei Anschauungen. Die des Ministeriums ist: so früh wie möglich, und unsere: so gründlich wie notwendig.

Die Umsetzung von ELGA wird also noch dauern – 2013 tritt aber ein anderes Projekt in Kraft: Die Gesundheitsreform. Sie haben diese als Mogelpackung bezeichnet.

Ja, denn sie berücksichtigt den wesentlichsten Punkt nicht, der jede Gesundheitsreform beinhalten muss: den Bezug zur Krankheit und zur demografischen Entwicklung. Mich interessiert als Arzt: Was unternimmt der Staat, um eine bestehende Erkrankung zu behandeln – und was unternimmt er, um prognostizierte Krankheitsentwicklungen rechtzeitig zu erkennen? Das verstehe ich unter einer Gesundheitsreform. Nicht eine aus ökonomischen Gründen getriebene Systemreform.

Ihr Vorgänger Walter Dorner kritisierte vor allem, dass die Gesundheitsausgaben an das BIP gekoppelt werden.

Ja, denn das BIP ist ein Parameter, der steigen oder fallen kann. Die Entwicklung der Krankheiten ist davon aber unabhängig. Man muss schon hellseherische Fähigkeiten haben, um zu glauben, so eine seriöse Gesundheitsreform machen zu können.

Falls sich die Länder nicht an die Sparmaßnahmen halten, sind Sanktionen vorgesehen. Details sind noch offen. Wie sollte das gehandhabt werden?

Jemanden zu zwingen, ein Budgetziel bis 2016 einzuhalten – ohne die Krankheiten, die noch auftreten werden, zu kennen -, das ist unseriös. Wen will ich bestrafen, nur weil ich im Jahr 2015 Menschen behandle, die zu behandeln sind, aber das BIP nicht gestiegen ist?

Das heißt, der Erfolg, den Bund, Länder und Sozialversicherung bei der Einigung gefeiert haben, ist keiner.

Gefeiert wurde nur, dass die drei Partner partnerschaftlich auseinandergegangen sind. Das ist kein Erfolg. Wenn das schon gefeiert wird – das spricht nicht gerade für das System.

Um das System reformieren zu können, haben Sie dafür plädiert, den Ländern die Spitäler wegzunehmen. Das wird wohl nicht passieren.

Die Länder sind wesentliche Träger der Spitalslandschaft: Ihnen gehört das Krankenhaus, sie betreuen es, sie erbringen die Leistungen, und sie machen die Spielregeln. Sie haben aber auch ein großes Problem: In Österreich werden zu viele Behandlungen in den Krankenhäusern erbracht. Wir haben im EU-Vergleich viele Betten pro Einwohner. Und wir haben einen Run auf die Ambulanzen, der die Ärzte zu Leistungen treibt, die unzumutbar sind. Aber es gibt ja auch noch den niedergelassenen Bereich.

Der aber von den Österreichern nicht so stark genutzt wird.

Ja, dazu brauchen wir bessere Strukturen. Wenn die Krankenhäuser mit der Auslagerung von Patienten zum Hausarzt Mittel einsparen, dann braucht man diese Mittel aber im niedergelassenen Bereich. Das ist meine Sorge: Wenn Länder für die Krankenhäuser die wirtschaftliche Verantwortung tragen, wird es ihnen schwerfallen zu sagen: Jetzt habe ich die Patienten nach außen verlagert, jetzt gebe ich ihnen auch noch die Mittel mit.

Die Reform sieht aber einen gemeinsamen Topf zur Finanzierung von Spitälern und Praxen vor.

Wir haben ja seit 2005 einen virtuellen Topf in Österreich, den sogenannten Reformpool. Man hat sich aber tunlichst bemüht, ihn virtuell sein zu lassen. Denn jeder hat ge-wusst: Wenn ich da Geld hineingebe, dann kriegt es möglicherweise ein anderer.

Das bedeutet, es wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Ich fürchte nein. Das zeigt das Beispiel aus der Vergangenheit: Da ist sieben Jahre lang nichts passiert.

Themenwechsel: Kritiker werfen Ihnen vor, als Arzt in Tirol den Aufgaben eines Chefs der Ärztekammer nicht nachkommen zu können, weil sie dafür zu wenig anwesend sind.

Ich bin ein begeisterter Föderalist. Aber dass es für einen Tiroler schwieriger ist, ist klar. Es ist vor allem für einen Tiroler, der gleichzeitig auch noch Tiroler Präsident sein muss und eine freie niedergelassene Kassenpraxis in Innsbruck führt, noch einmal schwieriger. Es ist mir aber schon bewusst, worauf ich mich eingelassen habe.

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