Warum Flucht aus dem Heim? Ein Erfahrungsbericht von Verena Weidner

Verena Weidner leidet an Multipler Sklerose und musste aufgrund fehlender Betreuung im Familien- und Freundeskreis in ein Heim. Dies will sie wegen Missständen und weil sie ein selbstbestimmtes Leben wünscht, keines im Heim, verlassen. Im Folgenden beschreibt sie ihre Erfahrungen. Verena Weidner betreibt eine Website und bittet um Unterstützung.

Der erste Eindruck als ich ein paar Tage vor dem Einzug das Ganze angeguckt habe war fürchterlich und auch der Geruch, der mich hier empfing, war kaum zu ertragen. Am liebsten wäre ich sofort wieder nach Hause und nicht hier hergezogen.

Ich hatte jedoch eine angebliche Freundin, die sich meiner Angelegenheiten angenommen hat solange bis sie feststellte, dass sie eigentlich die Zeit gar nicht hat mir zu helfen. Ich wurde von ihr regelrecht bedrängt in ein Heim zu gehen, wo sie auch meiner Mutter und meinem Lebensgefährten dazu brachte auf mich dahin gehend einzuwirken.

Ich möchte mich jetzt nicht wirklich an alles was mir hier wiederfahren ist erinnern. Für mich war es die erste Zeit (ein, zwei Jahre) die Hölle. Was wir nachträglich unter uns Behinderten festgestellt haben war dies: sobald du unten die Schwelle ins Heim überschreitest, bist du automatisch entmündigt. Meine Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Meinungsfreiheit kamen mir irgendwie abhanden. Ich löste meine Wohnung auf und meine sogenannten Freunde räumten meine Wohnung als wäre ich schon gestorben. Es wurde fast Alles weggeschmissen, ein Teil kam zu meiner Mutter, die den Frächter zahlen musste, nur um dann meine teils neuen Sachen herzuschenken.

Zu Anfang kam ich mit dem Pflegepersonal überhaupt nicht auf gleich. Es war für mich absolut nicht verständlich was mit mir hier geschah. Ich wurde teilweise im Bett gewaschen und auch mein Stuhlgang wurde komplett verändert. Hier musste ich, sollte ich nachmittags das Bedürfnis haben auf die große Seite zu müssen, auf eine Unterlage im Bett meine Notdurft verrichten.  Danach wurde ich mit einem Waschschlappen und etwas Wasser gereinigt, was für mich einfach nicht genügte. Ich war es von zu Hause gewöhnt mich nach der Toilette in einem Lavor mit Seife zu waschen, wonach ich mich, im Gegensatz zum Heim, wohl fühlte.

In der ersten Zeit wurde sogar teilweise meine Post geöffnet, was ich mit sehr viel Unmut erst klar stellen musste, dass dies nicht sein darf da es Datenschutz gibt der dadurch verletzt wird. Sie glaubten hier, sie müssen meine Briefe öffnen, es könnte ja sein, dass ich irgendeine Zahlungen oder sonst irgendetwas Wichtiges übersehen hätte. Auch hier kam es zu einer lautstarken Diskussion.

Auch wurde mir nach einigen Wochen mein Deckenfluter, der ein super Licht abgab, weggenommen und durch einen energiesparenden Leuchter ersetzt. Das einzige Problem dabei: das Licht, das ich jetzt zur Verfügung habe, hat sich auf meine Augen nicht gerade positiv ausgewirkt.

Ich muss von meinen mickrigen Taschengeld von 200,- € im Monat Dinge bezahlen, die ich eigentlich hier im Heim bekommen müsste. Dadurch wurde ich von Anfang an gezwungen zu sehen wo ich zusätzliches Geld her bekam. Heute ist es so, dass ich mich gezwungen sehe um Geld zu betteln, was ein äußerst schwieriges Unterfangen darstellt, da gerade diejenigen die nicht jeden Cent dreimal umdrehen müssen, ein tolles Leben führen und sich all ihre Wünsche erfüllen können ohne lange nachzudenken, am geizigsten sind.

Im Zimmer liege ich mit einer älteren Dame, die zwar sehr nett aber auch sehr anstrengend ist, da sie auch schon ein wenig dement ist und 3 Töchter hat, die auch nicht unbedingt immer wissen wie man sich benimmt, es ist völlig egal was ich gerade mache, es wird einfach geplappert und keine Rücksicht genommen.

Vor ca. 2 Jahren wurde mir mein elektrischer Rollstuhl von der WGKK weggenommen, da sich bei Aufenthalt im Heim dieses für Heilbehelfe und diverse andere Sachen zuständig ist. An dem Ganzen ist mein ehemaliger Verkäufer des Rollstuhls schuld, da wir zwecks Adaption einen KV bei der WGKK einreichten, der denen zu teuer war und sie deshalb einen reduzierten, billigeren KV von diesem Herrn verlangten. Mittlerweile hat sich dieser jedoch entschlossen meine Betreuung nicht weiter zu betreiben, was die Wegnahme meines Rollis zur Folge hatte. Mir erwuchs dadurch ein Riesennachteil, da ich ab diesen Zeitpunkt eben ca. vor 2 Jahren, ans Bett gefesselt war, weil es keiner der Mühe wert fand mich in einen anderen ausgeborgten Rollstuhl zu setzen. Mittlerweile bin ich stolzer Besitzer eines ausgeborgten manuellen Rollstuhls J J, weswegen ich immer erst irgendwelche Zehen küssen muss damit mich einer hineinsetzt. Man kann sich wenn man mit der Materie noch nichts zu tun hatte einfach nicht vorstellen wie es ist im Rolli herumgeschoben und dann irgendwo geparkt zu werden. Hier haben wir wieder mal die typische Heimatmosphäre: Selbstbestimmung nicht vorhanden, angesehen wird man wie ein exotisches Tier und der Spaßfaktor geht auch völlig verloren. Wenn ich jetzt einen Termin habe, muss ich erst die Ergotherapie bitten mich hinein zu setzen, jemanden der mich herumführt zu finden und immer erst wieder ins Bett kann, wenn die Ergo Zeit hat. Dann kann es passieren, dass ich sehr lange auf die Lagerung warten muss. Dadurch dass ich 2 Jahre nicht aus dem Bett kam, konnte ich auch nicht mit meinem Motomed fahren (passive Durchbewegung der Beine), was wiederum die MS verschlechterte.

Ein kleines Erlebnis am Rande: ich hatte einen Augenarzttermin, unsere Stationsschwester hat einen Krankentransport organisiert und ein Bekannter von mir, der mich begleiten sollte, war auch hier. Der Clou an dem Ganzen: die Rettung kam 1 ½ Stunden zu spät und das allerlustigste war, dass ich in ihr Auto mit meinem Rollstuhl nicht hineingepasst hätte. Fazit: alles für die Katz.

Ein weiterer Schlechtpunkt hier bedeutet das Essen. Es ist alles auf eher alte Leute ausgerichtet: weich, fast bis gar nicht gewürzt und ziemlich zerkocht. Ich als relativ junger Mensch habe noch meine eigenen Zähne, wenn ich aber nicht bald etwas zu beißen bekomme, fürchte ich auch um diese.

Noch etwas was das Geld betrifft: Kaffee, Natreen und sonst noch einige Kleinigkeiten sowie die Leute die mir am Computer helfen, da ich ja selbst nur mehr meines Kopfes, Gehirns und meiner Klappe Herr bin, muss ich selbst bezahlen. Ach ja, noch etwas für meine private Physiotherapeutin habe ich pro 10 Therapieeinheiten einen Selbstbehalt von 100,- €. Auch meine Internet- und Telefonrechnung darf ich selber zahlen J. Eine Zeit lang ließ ich mir von Draußen Kleinigkeiten zum Essen bringen, was ich mir mittlerweile auch nicht mehr leisten kann. Momentan hätte ich einige wichtige Anschaffungen zu machen wozu mir zur Zeit die finanziellen Mitteln fehlen: Augengläser, Telefon, elektrischer Rolli, Diktiergerät, Headset damit ich auch selbständig arbeiten kann.

Auch mit dem Telefonieren ist das so eine Sache: bekomme ich einen Anruf kann es sein, dass es längere Zeit dauert bis mir jemand hilft, da viele andere Sachen wichtiger sind, auch die die es nicht sind.

Noch etwas in meinen Augen besonders Lustiges: wir haben eine Terrasse mit Schiebetüre nach innen und dreiteiligem Fenster nach außen und jetzt der Scherz. Wir sind stolze Inhaber einer ⅔ Jalousie  und das untere Drittel lässt die Sonne schön herein und treibt uns die Schweißperlen ins Gesicht. Ich weiß nicht ob es bekannt ist, dass MS-Kranke sehr bei starker Hitze leiden, deswegen versuchten wir für das untere Drittel eine Lösung zu finden (Folie oder Vorhang). Bis jetzt hat die Stationschefin einen Kostenvoranschlag bekommen, das war‘s aber dann schon. Und so werden wir weiter schwitzen. Bleibt nur zu wünschen, dass mal einer einen Kreislaufkollaps bekommt, vielleicht fängt man dann endlich an zu denken. Für mich ist die Hitze im Gegensatz zu den anderen Patienten äußerst unangenehm, da ich sämtliche, nicht gute, Zustände bekomme sowie physisch und psychisch gehandicapt werde.

Nachdem meine Meinung zwar nicht zählt, ich jedoch meine Klappe absolut nicht halten kann, sage ich trotzdem was mir nicht passt. Damit habe ich mir leider auch sehr viele Feinde gemacht und bekomme öfter zu hören: zu dir will ja keiner rein gehen. Das Personal ist meines Erachtens psychologisch eher schlecht geschult, denn es wäre für sie manchmal einfacher einzulenken als Öl ins Feuer zu gießen. Ich musste mir schon öfter anhören, ich solle lieb zum Personal sein, denn auch diese sind nur Menschen was auf der anderen Seite umgekehrt genauso der Fall ist. Durch den Personalschlüssel, von wem auch immer dieser aufgestellt wird, ist es für mich ein einziges Chaos mit viel Hektik verbunden, was bekanntlich für die MS auch nicht sehr zuträglich ist. Es wird einfach nicht verstanden, dass ich dagegen selbst nichts tun kann, da auch das zur Krankheit gehört. Hier fehlt komplett das Verständnis.

Ich würde gerne die Leute, die sich diesen Beitrag ansehen, bitten mich ein klein wenig finanziell zu unterstützen. Dazu meine Homepage http://verena1959.square7.ch (inkl. E-Mail-Adresse). Auch hier sage ich gleich dazu, dass ich mich mit meiner Bitte nur an Leute wende, die nicht jeden Cent 3 Mal umdrehen müssen bevor sie etwas kaufen. Aber soweit ich informiert bin gibt es in Österreich sehr viele betuchte Leute, die sich all ihre Wünsche und mehr erfüllen können. An diese richtet sich meine Bitte.

Ich weiß nicht ob sich jemand in meine Lage versetzen kann und die Diskriminierung hier sowie die Entmündigung und oft menschenverachtende Behandlung verstehen und sich vorstellen können. Aber diese Personen würde ich gerne hierher einladen um am Alltag etwas teilzuhaben. In den Medien tendiert man leider dazu alles schön zu reden und die nicht so guten Sachen unten den Teppich zu kehren.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

8 Antworten zu “Warum Flucht aus dem Heim? Ein Erfahrungsbericht von Verena Weidner

  1. verena wei

    Hallo ihr Leute von Solidarisch G´sund ich finde es ja toll, dass ihr mir diesen Artikel nicht wirklich angekündigt habt. Ich hätte mir gewünscht, dass ich gefragt worden wäre, da dies mein geistiges Eigentum ist und unter den Datenschutz fällt! Jetzt ist es zwar schon geschehen, aber ich würde trotzdem nicht böse sein, wenn ich dafür, sowie es bei einem anderen Artikel von mir in einer Zeitschrift war, ein Honorar bekommen würde!!
    Ich weis über euren Verein relativ gar nichts, da ich erst heute euren Artikel von mir gefunden habe!
    Sowie oben beschrieben, hätte ich mir den Vorgang einen Artikel zu Veröffentlichen, vorgestellt!
    Im Nachhinein fällt mir dazu nur eines ein, nachdem man an der Bekanntmachung nichts mehr ändern kann, dass sie mir ein Honorar zukommen lassen. Dazu meine HP: verena1959.square7.ch

  2. Hallo ihr Leute von Solidarisch G´sund ich finde es ja toll, dass ihr mir diesen Artikel nicht wirklich angekündigt habt. Ich hätte mir gewünscht, dass ich gefragt worden wäre, da dies mein geistiges Eigentum ist und unter den Datenschutz fällt! Jetzt ist es zwar schon geschehen, aber ich würde trotzdem nicht böse sein, wenn ich dafür, sowie es bei einem anderen Artikel von mir in einer Zeitschrift war, ein Honorar bekommen würde!!
    Ich weis über euren Verein relativ gar nichts, da ich erst heute euren Artikel von mir gefunden habe!
    Sowie oben beschrieben, hätte ich mir den Vorgang einen Artikel zu Veröffentlichen, vorgestellt!
    Im Nachhinein fällt mir dazu nur eines ein, nachdem man an der Bekanntmachung nichts mehr ändern kann, dass sie mir ein Honorar zukommen lassen. Dazu meine HP: verena1959.square7.ch, in der Sie auch meine Kontonummer finden!
    Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Vorschlag bei Ihnen Gehör finden würde!
    Vielen Dank und freundliche Grüße
    Verena Weidner

  3. WICHTIG!!
    Meine Homepage, die Sie angegeben haben, stimmt nicht mehr, wie Sie oben ersehen können!!!!

  4. Hallo Leute,
    bitte korrigiert meine HP-Adresse in obigem Beitrag! Die neue Adresse lautet: http://verena1959.square7.ch
    Danke!
    Verena

  5. Liebe Verena, Da liegt ein Missverständnis vor. Ich hatte Dich gefragt, ob wir den Text veröffentlichen dürfen und klargelegt, dass wir über kein Budget, keinerlei Einnahmen verfügen. Wir betrachten die Veröffentlichung als einen Akt politischer Solidarität. Wir nehmen Deinen Text selbstverständlich wieder aus dem Netz, wenn Du dies wünschst. Ich kontaktiere Dich noch separat über Facebook, LG Andreas

  6. Lieber Andreas,
    zusätzlich zu Facebook auch an Dich eine Antwort:
    danke für Dein Schreiben – selbstverständlich könnt ihr meinen Artikel auf Eurer HP lassen! Seid mir bitte nicht böse, aber ich sitze momentan so derart in der Sch… Unsere ganzen Ämter, Behörden und die dazugehörigen Politiker gehen mir so derartig auf den Keks, dass ich das normalerweise mit Worten gar nicht ausdrücken kann. Ich kämpfe seit über 4 Jahren gegen Windmühlen. Unsere Ämter sind ja dafür bekannt, dass der Amtsschimmel ganz laut wiehert! Aus Verzweiflung probiert man einfach alles, denn von einem guten Leben in ein Heim ist es ein sehr großer Schritt, der auch damit verbunden ist, dass man absolut kein Geld mehr hat (€200,–/Monat).
    Ich denke, ich werde mir Eure HP mal gründlich durchlesen. Zurzeit bin ich nur fürchterlich beschäftigt, da ich endlich aus diesem Heim in eine eigene Wohnung ziehen kann, meine Selbständigkeit, Mündigkeit, Selbstbestimmung usw. endlich leben kann.
    Ich werde mich in einiger Zeit wieder melden, d.h. wenn ich meine Mails endlich erledigt habe.
    Vielen Dank,
    Verena

    PS.: BITTE ändert DRINGEND meine HP in http://verena1959.square7.chhttp://www.verena-weidner.wg.am/ ist nicht mehr aktuell!

  7. Hallo Leute, ich versuche so eben eine neue Homepage zu basteln, da meine alte einfach verschwunden ist. Ich weiß nicht wie das passiert ist und kann mir auch nicht vorstellen, wer diese gelöscht haben könnte. Ich melde mich sobald ich mit der Homepage fertig bin und hoffe, dass ich diese bei euch wieder posten kann. Bald weiß ich nicht mehr was ich noch alles veranstalten muss, um aus diesem Chaos zu entfliehen. Es hat sich zwar einiges geändert, der Druck von Oben auf das Personal ist jedoch stärker geworden. Es wird eigentlich überhaupt nichts dagegen unternommen, dass zu wenig Personal vorhanden ist. Nachdem ich eine der Wenigen bin, deren Kopf noch in Ordnung ist, fällt mir das Ganze auch wesentlich mehr auf. Ihr könnt mir einst weilen eure Antworten und Kommentare an meine Mail-Adresse senden: verena.weidner@tmo.at

    Liebe Grüße

    Verena Weidner

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