„Steuern einem gravierenden Ärztemangel entgegen…“

Grabner, Claudia: „Steuern einem gravierenden Ärztemangel entgegen…“
Kärntner Tageszeitung, 27. 5. 2012, 8f

Die Sparpolitik hat ihre Spuren hinterlassen: Josef Huber, neuer Kärntner Ärztekammer-Präsident, warnt vor einem beängstigenden Ärztemangel. Zudem kritisiert er eine „dramatische Verschlechterung“ bei der Medizin-Ausbildung. Dr. Huber im Interview mit der KTZ über notwendige Maßnahmen.

Claudia Grabner

KTZ: Ihr Amtsantritt ist zufälligerweise mit dem Neustart im Kärntner Gesundheitswesen, der von allen Parteien beschlossenen Gesundheitscharta, zusammengefallen. Und schon gab es Grund für den ersten Ärger: Sie bemängeln, dass die Ärzteschaft nicht eingebunden wurde und in keinem Gremium vertreten ist…

Josef Huber: Ich kann eine gesundheitspolitische Entwicklung nicht begrüßen, die unter Ausschluss der Ärzteschaft passiert. Was auf Landesebene geschieht, geschieht leider auch auf Bundesebene – man redet permanent von Gesundheitsreformen, schließt allerdings die Ärzte aus. Ich denke mir doch, dass Ärzte ein nicht unwesentlicher Bestandteil unseres Gesundheitssystems sind … Veränderungen und sinnvolle Maßnahmen werden also nur möglich sein, wenn ich sie mit ins Boot hole. Grundätzlich ist die Kärntner Gesundheitscharta aber zu begrüßen, weil es damit wieder die Politik ist, die Verantwortung übernehmen kann, und nicht irgendwelche Kommissionen, die man in den letzten Jahren erfunden hat. Das war wirklich nicht zielführend. Ich bin glücklich darüber, dass man das nun korrigiert hat. Wir werden in Zukunft die Probleme gemeinsam und im Konsens zu lösen haben.

Eines dieser Probleme ist offensichtlich der Personalmangel in den Spitälern: Wie sehr hat die Sparpolitik der vergangenen Jahre die Versorgungsqualität beeinträchtigt?

Huber: Ich glaube, dass Ärzte eine Berufsgruppe sind, die sehr viel kompensieren kann. Eine Gefährdung der Versorgungsqualität haben die Ärzte dadurch verhindert. Eine weitere personelle Ausdünnung wäre aber nicht verkraftbar. Diese Sparpolitik, die man betrieben hat, hat sich als absolut unrealistisch und realitätsfern herausgestellt – so, wie wir es schon im Vorfeld prophezeit haben.

Ihre erste zentrale Forderung wird demnach wohl eine Stellenerweiterung in den Spitälern sein?

Huber: Auf alle Fälle. Eine weitere Belastung ist weder für Ärzte noch für das Pflegepersonal zumutbar. Sie sind am Rande ihrer Belastbarkeit. Ob die von der Politik angekündigten neuen Stellen von 20 Ärzten und 50 Pflegern ausreichend sein werden, bleibt natürlich die Frage. Aber es ist zumindest ein erster Schritt.

Sie selbst sind Allgemeinmediziner und als solcher Wahlarzt, warten also auf eine Kassenstelle. Werden Kassenstellen in Kärnten zu spärlich vergeben?

Huber: Aus Sicht des Wartenden ist das auf jeden Fall so. Allerdings haben wir ein anderes Problem: Es wird in Zukunft schwer sein, die Stellen, die derzeit vorhanden sind, zu besetzen. Es zeichnet sich ein beängstigender Ärztemangel ab, wir sehen das jetzt schon – Stichwort Heiligenblut, wo es sehr schwer war, einen Arzt zu finden. Und worüber wir sicherlich auch reden müssen, ist die Frage, ob unsere Reihungskriterien noch adäquat sind: In Kärnten kann man sich ausschließlich für einen bestimmten Ort reihen lassen, in allen anderen Bundesländern reiht man sich für einen ganzen Bezirk.

Sie sprechen von einem sich abzeichnenden gravierenden Ärztemangel: Warum gehen Österreich die Mediziner aus?

Huber: Wir haben empfindliche Änderungen im Studium, mit denen wir nun schon seit einigen Jahren konfrontiert sind – also viel strengere Aufnahmekriterien, weniger Studierende, und schließlich eine doch nicht unwesentliche Zahl von ausländischen Studierenden, die nach ihrem Abschluss nicht in Österrreich bleiben – wie man sich vielfach erhofft hat -, sondern sehr wohl wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Zudem heißt es ja, dass immer mehr heimische Ärzte nach Deutschland abwandern – dort sollen die Stellen attraktiver und der Verdienst besser sein. Ist dem so?

Huber: Exakt, das ist das zweite Problem. Die Dinge haben sich – vor allem für Jungärzte – in einer Art und Weise verschlechtert, dass es immer mehr vorziehen, ins benachbarte Ausland abzuwandern. Etwa die lange Wartezeit für eine Turnusstelle – das wird immer schlimmer. Aber auch für ältere Fachärzte wird die Situation zusehends belastender, Stichwort Zeitfaktor.

Würden Sie so weit gehen und sagen: Die Lage ist dramatisch?

Huber: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht, aber ich sehe sehr wohl diese Gefahr. Wenn nicht bald gegengesteuert wird, IST es dramatisch. Dramatisch verschlechtert hat sich – und da passt das Wort dramatisch wirklich – die Ausbildung der Turnusärzte. Früher ist es dabei wirklich zur Sache gegangen, heute besteht die Arbeit eines Turnusarztes darin, Blut abzunehmen, Infusionen anzulegen. Die Arbeit am Patienten ist so gut wie nicht mehr gegeben. Es ist auch schlichtweg die Zeit nicht mehr vorhanden. Turnusärzte sind heute Systemerhalter. Zudem ist die Zahl der Turnusärzte eklatant gesunken. Die Ausbilung leidet also. Mit der Folge, dass mitunter Ärzte auf den freien Markt kommen, die sich in gewissen Situationen gar nicht mehr zurechtfinden.

Das klingt alles andere als aufbauend. Wie aufbauend halten Sie übrigens den Plan, auf dem Klinikum-Areal in Klagenfurt eine Privat-Medizinuniversität anzusiedeln?

Huber: Bevor wir darüber nachdenken, haben wir andere Probleme vorab zu lösen. Diese Privatuniversität könnte mit den vorhandenen Ressourcen, wie wir sie am Klinikum haben, sicher nicht nebenher betrieben werden. Das ist eine völlige Illusion. Eine Medizin-Uni in Klagenfurt ist zwar sicher ein reizvoller Gedanke, eine Vision, aber man braucht dazu neue Ressourcen, neue Quellen. Von dem, was da ist, kann man nichts mehr umschichten. Unmöglich.

Zur Entlastung der Spitäler fordern Sie deshalb ja auch einen Ausbau der medizinischen Versorgung außerhalb der Krankenhäuser. Was schwebt Ihnen da konkret vor – Ärzteambulanzen, Gruppenpraxen?

Huber: Es müssten vor allem neue Zusammenarbeitsformen zwischen Ärzten forciert werden. Derzeit gibt es das nur bei den Radiologen, dieses durchaus erfolgreiche Modell ist auch für andere Fachärzte wünschenswert. Dadurch könnte man zum einen das Leistungsangebot erweitern, zum anderen würde es bessere Öffnungszeiten geben.

Apropos Leistung: Sie selbst sind mit Arbeit ziemlich „eingedeckt“: Arztpraxis, Notfallmediziner – und nun Ärztekammer-Präsident. Werden Sie jetzt notgedrungen die Notfallmedizin reduzieren müssen?

Huber: Ich hoffe nicht. Es wäre mein Wunsch, weiterhin als Notfallmediziner tätig sein zu können. Das ist nicht nur mein Beruf, das ist wirklich Berufung, mein Hobby.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesundheits-News

Eine Antwort zu “„Steuern einem gravierenden Ärztemangel entgegen…“

  1. Peter Maier

    Was heißt hier “Steuern einem gravierenden Ärztemangel entgegen…”? Wir HABEN bereits einen gravierenden Ärztemangel in Kärnten! Man muß hier in Kärnten Monate (!) auf einen Facharzttermin warten. Das ist eine absolute Frechheit und Verantwortungslosigkeit gegenüber den Beitragszahlern. Wer ist für diesen Mißstand verantwortlich?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s