„Arzt-Arbeitsplatz attraktiver machen“

Geistler-Quendler, Michaela: „Arzt-Arbeitsplatz attraktiver machen“
Kärntner Tageszeitung, 26. 3. 2012, 6ff

Vom Sparstift bis zum Ärztemangel: Die Kandidaten für die Kammerwahl am 30. März, Othmar Haas (Ärzteforum), Josef Huber (Wahlärzte und Spitalsärzte Kärnten) und Heinz Leipold (Ärzte & Zukunft) im Gespräch.

Michaela Geistler-Quendler

Laut einer Wiener Umfrage würde jeder dritte Turnusarzt wegen schlechter Arbeitsbedingungen nicht mehr Medizin studieren. Wie prekär sieht da die Lage in Kärnten aus?

Othmar Haas: Die Situation in Kärnten ist noch angespannter als im Bundesdurchschnitt. Da zeichnet sich eine hohe Burn-out-Gef ährdung bei den Kollegen ab. Bei der Personaldichte, dem Verhältnis Ärzte pro Bett, liegt Kärnten an letzter Stelle. Ältere Kollegen haben wenig Zeit, sich um die jungen zu kümmern. Daher gibt es Mängel in der Ausbildung. Die Arbeitsbelastung der Einzelnen ist höher als im Bundesdurchschnitt. Die Personalsituation ist zugespitzt. Das ist mit ein Fehler der Finanzierung des Kärntner Gesundheitssystems. Man hat sich, als wenig Geld da war, ein Klinikum neu geleistet und musste daher sehr viel in Baumaßnahmen investieren. Aufgrund dieser Tatsache und der gleichzeitigen Schuldenproblematik des Landes ist das Geld sehr knapp, und am meisten kann man beim Personal einsparen. Das betrifft Ärzte, aber teilweise auch die Pflege.

Josef Huber: Wir reden hier seit 20 Jahren über die gleichen Probleme. Warum hat die Ärztekammer nie etwas dagegen unternommen? Das wäre relativ einfach in den Griff zu bekommen, wenn man ein Turnusärzte-Tätigkeitsprofil umsetzen würde. Tätigkeiten wie zum Beispiel eine Infusion anzuhängen oder Blut abnehmen sind delegierbar. Wenn man diese Tätigkeiten von den Turnusärzten wegbringen würde, dann wären enorme Zeitressourcen verfügbar, sodass sie sich vermehrt ihrer Ausbildung widmen könnten. Sie sollten Tätigkeiten im Krankenhaus machen, wo die nötigen Inputs für ihre Ausbildungsstandards hereinkommen – das heißt Teilnahme an Visiten, Einschulung in Untersuchungsprozesse.

Haas: Ich gebe schon zu bedenken, dass der gleiche Personalabbau auch teilweise bei den Schwestern erfolgt ist. Wenn niemand da ist, an den ich delegieren kann, weil auch die Schwestern überlastet sind, ist das auch eine Schwierigkeit.

Heinz Leipold: Ich würde überhaupt das Ausbildungsschema verändern. Ein Riesenproblem ist die Perspektivlosigkeit, die zu einem Burn-out führt. Wenn ich heute damit rechnen muss, dass ich zwei Jahre länger für den Turnus brauche, weil ich viele Stehmonate habe – und das zur ganzen Arbeit dazu, dann macht mich das fertig. Daher muss man die Ausbildung in der Form verändern, dass man wirklich eine Karriereplanung macht, damit es eine Perspektive gibt.

Das heißt, man soll sich früher festlegen, welche Fachrichtung man einschlägt?

Leipold: Ja, natürlich. Die Österreichische Ärztekammer warnt vor einem massiven Ärztemangel. Muss sich Kärnten jetzt schon auf eine schlechtere Versorgung vor allem in ländlichen Gebieten einstellen?

Leipold: Das Problem ist sicher da. Aber so seltsam das klingt, das ist auch eine gewisse Chance für uns. In der Ökonomie wird einem immer erklärt, dass, wenn man wenig Ressourcen hat, diese besser nutzen kann und der Preis steigen wird. Das wird mit den „human ressources“ nicht anders sein. Wir müssen auf jeden Fall ein neues Ausbildungssystem haben – wir hätten gestern schon damit beginnen sollen, eine zielgerichtete Ausbildung zu machen. Damit werden wir diesem Ärztemangel entgegenarbeiten können.

Huber: Wir stehen vor einer riesengroßen Pensionierungswelle. Arztstellen müssen in den nächsten fünf bis maximal zehn Jahren zu einem hohen Prozentsatz ausgetauscht werden. Wenn wir nicht schauen, dass die Ärzte, mit denen die Stellen besetzt werden sollen, rechtzeitig ausgebildet werden, haben wir ein großes Problem. Wenn die Versorgung im niedergelassenen Bereich zu bröckeln beginnt, wird der Druck auf die Krankenhäuser noch größer werden. Was die frühe Entscheidung für ein Fach betrifft, teile ich die Ansicht des Kollegen Leipold nicht ganz. Solange nicht wirklich ein adäquater Ersatz dafür gefunden wird, bin ich schon ein Verfechter des Turnus. Das ist eine Grundausbildung, die keinem Arzt schadet. Aber es muss gewährleistet sein, dass man sie in der vorgeschriebenen Zeit absolviert und dass man wirklich das lernt, was der Ausbildungskatalog vorsieht. Und da ist es eine Kernaufgabe der Ärztekammer, diese Ausbildungsordnung zu kontrolllieren.

Haas: Eine der entscheidendsten Ursachen für den Ärztemangel ist der deutlich erschwerte Zugang zum Medizinstudium. Und wir haben Abwerbungstendenzen von anderen Ländern. Wir haben ja seit Jahren gefordert, dass der Arzt-Arbeitsplatz in Kärnten dringend attraktiver gemacht werden muss. Dazu gehört nicht nur Geld, sondern auch andere Faktoren wie Wertschätzung und dergleichen. Wenn ich in der Medizin plötzlich keine Landärzte mehr habe, habe ich ein großes Problem in der Gesundheitsversorgung. Es gibt zunehmend einen sektoralen Ärztemangel, das heißt in einzelnen Fächern. Und langfristig wird man manchen Ärzten im niedergelassenen Bereich Zulagen geben müssen, damit sie an eine entlegenere Stelle gehen. Und man wird manche Fächer in den Spitälern wieder attraktiver machen müssen.

Vielfach wird massive Kritik an dem Reihungssystem für Ärzte geübt. Wo besteht denn da ein Reformbedarf?

Leipold: Man muss das Reihungssystem transparenter machen und Kriterien wie Berufserfahrung hineinnehmen. Was sicher nie sein darf, ist, dass Kassenverträge verkaufbar gemacht werden.

Haas: Uns wird unterstellt, wir wollen das System verkaufbar machen. Das ist aber nie unsere Absicht gewesen. Die Reihung ist ein völlig objektives, von außen unbeein-flussbares System. Es hat nur zur Folge, dass das zu einer Überalterung führt. Es findet eine Flucht der älteren Fachärzte in die Praxis statt.

Huber: Ob man Qualifikation in die eine oder andere Richtung stärker gewichtet, wird der Diskussionsprozess zeigen. Ein Punkt wäre aber am Kärntner System zu verändern. In Kärnten reiht man sich für Allgemeinmedizin an einem bestimmten Ort. Man kann zehn Jahre auf dieser Reihungsliste oben stehen, und dann kommt einer vor einem dran, und dann ist die Stelle wieder für die nächsten 20 Jahre blockiert. In anderen Bundesländern reiht man sich hingegen für einen Bezirk, wo man dann einfach bei mehreren vakant gewordenen Stellen die Chance hat hineinzukommen.

Die Politik forciert Kooperationsmodelle für Mediziner. Wie sollen hier effiziente Strukturen aus der Sicht der Ärzte aussehen?

Haas: Wenn man in die Richtung geht, dass der niedergelassene Bereich mit Gruppenpraxen und dergleichen mehr Aufgaben übernehmen soll, dann muss der Leistung auch das Geld folgen. Wenn ich sage, ihr habt mehr Aufgaben, dann muss ich auch mehr Geld dafür zur Verfügung stellen. Außerdem müssen ärztliche Organisationsformen ausschließlich in ärztlicher Hand bleiben. Wir wollen nicht, dass eine Firma hergeht und sagt, ich stelle eine Million Euro zur Verfügung, und dann machen wir ein Ärztezentrum, und da stellen wir drei, vier Ärzte an. Das wollen wir sicher nicht. Die andere Sache ist, dass man Kollegen nicht zwingen kann, rein aus der Reihung zusammenzuarbeiten. Ich muss einen Betrieb haben, wo alle an einem Strang ziehen; da muss die Chemie stimmen, da muss der Fachschwerpunkt stimmen. Und dann gibt es Kollegen, die in der Praxis mitarbeiten, aber nicht das volle wirtschaftliche Risiko tragen wollen, sondern in Teilzeit hineingehen. Diese Leistung muss fair im System bewertet werden. Die individuelle Entscheidung, wie man diese Dinge zusammenführt, ist sehr wichtig. Und das ist eine der Aufgaben, wo die Kammer jetzt gefordert ist.

Huber: Wir werden ein duales System erhalten müssen, weil Kooperationsformen am Land oft aus wirtschaftlichen Gründen nicht funktionieren können. Ich könnte mir vorstellen, dass man Ärzte verschiedener Fachrichtungen an einer Örtlichkeit bündelt, die dann aber trotzdem wieder selbstständig dort arbeiten, einfach um die Kommunikation zwischen den Fächern und somit mehr Möglichkeiten zu schaffen, Patienten auch außerhalb des Krankenhauses adäquat zu versorgen. Zusammenarbeitsformen im städtischen Bereich sind sicher zu forcieren. Eine Anstellung wäre sicher im städtischen Bereich eine Option, aber es muss gewährleistet sein, dass jene, die in einer GmbH Gesellschafter sind, Ärzte sind.

Leipold: Wir müssen jetzt wirklich aufpassen, dass wir als Sieger aus diesen Verhandlungen hervorgehen. Die Politik wird versuchen, in den Krankenhäusern einzusparen – mit verringerten Nachtdiensten und beim Pflegepersonal. Nur – das Geld, das sie dort einsparen, müssen wir zu einem großen Teil zurückholen. Wenn wir dieses System übernehmen, dass wir die Krankenhausambulanzen abfedern – was Sinn macht -, dann muss das auch entgolten werden.

Sie treten am 30. März zur Ärztekammerwahl an. Was muss eine moderne Standesvertretung Ihrer Meinung nach angesichts all dieser Herausforderungen leisten?

Leipold: Das Wichtigste an einer Standesvertretung ist meiner Ansicht nach, dass sie von ihren Mitgliedern akzeptiert wird. Und das ist zurzeit das große Problem. Ich muss mich als Arzt gut vertreten fühlen. Und wir können nur stark sein, wenn wir geeint auftreten. Wenn wir uns gegenseitig anpatzen, ist das für eine moderne Standesvertretung sicher nicht gut. Huber: Da haben wir gewaltigen Reformbedarf. Das Image der Standesvertretung war noch nie schlechter. Für mich war die Aktion „Wir machen keine Politik, wir machen Sie gesund“ ein entscheidender Fehler. Das Ganze hat dazu geführt, dass die Ärzte des Klinikums Klagenfurt in der Öffentlichkeit als frustrierte, schlecht ausgebildete und überforderte Kollegen dargestellt wurden.

Für mich ist es auch so, dass die Ärztekammer einen großen Serviceauftrag hat. Wir sind die zweitteuerste Ärztekammer, und da besteht meines Erachtens auch Handlungsbedarf, dass man diese Strukturen effizienter und schlanker gestaltet, gleichzeitig aber auch die Serviceleistung erhöht.

Haas: Ich glaube, wir bieten den Kollegen ein gutes Service. Wenn sie anrufen, werden sie immer gut beraten. In Kärnten wurde ja eine Gesundheitsreform durchgezogen, die politisch ein großes Thema ist. Und ich glaube, es ist schon gelungen, die Probleme aufzuzeigen und die Bevölkerung zu sensibilisieren. Ich höre auch, dass die Leute sagen, ihr tut wenigstens was und sagt, wenn es den Leuten nicht gut geht. Dass die im Klinikum Klagenfurt tätigen Ärzte hervorragende Arbeit leisten, haben wir immer betont. Aber irgendwann muss man den Leuten sagen, dass ihr Arzt zusammenbricht, wenn er so weiterarbeitet und einfach nicht mehr kann. Die Sachen nicht schönzureden, etwa wenn Kollegen ins Burn-out kommen, das ist die Verpflichtung der Standespolitik. Es ist die Aufgabe der Kammer, sich dafür einzusetzen, dass die Kollegen für eine sehr hochwertige Aufgabe, für einen aufopferungsvollen Beruf entsprechend benefiziert werden. Und da geht es nicht nur um Geld, sondern um Freizeit und anderes mehr.

„Kärntner Tisch“

Am 30. März wird die Ärztekammer gekürt. Die Kandidaten der einzelnen Listen diskutierten am „Kärntner Tisch“ über eine Themenpalette vom Ärztemangel bis hin zu Gruppenpraxen: Ärztekammerpräsident Dr. Othmar Haas („Ärzteforum“), Dr. Josef Huber („Wahlärzte und Spitalsärzte Kärnten“) und Doz. Dr. Heinz Leipold („Ärzte & Zukunft“).

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