„Die Verwaltung ist viel zu groß“

Pfeiffenberger, Alfred: „Die Verwaltung ist viel zu groß“
Salzburger Nachrichten, 21. 3. 2012, 3

Gesund. Das österreichische Gesundheitswesen ist vor allem deshalb in großen finanziellen Nöten, weil viel zu viele Organisationen mitentscheiden können.

ALFRED PFEIFFENBERGER

Die Reform des österreichischen Gesundheitswesens wird wieder einmal intensiv diskutiert. Was notwendig ist, damit die Österreicherinnen und Österreicher auch in Zukunft medizinisch gut versorgt sind, darüber sprachen die SN mit Gerhard Pöttler, dem Geschäftsführer der Privatklinik Rudolfinerhaus in Wien.

SN: Wieder einmal wird intensiv über die Reform des Gesundheitssystems nachgedacht. Wo liegen ihrer Meinung nach die Probleme?

Pöttler: Seit Anfang der 1970er-Jahre wird in regelmäßigen Ab ständen von nahezu jedem Minister eine Gesundheitsreform gemacht. Grundlegend geändert hat sich aber nichts. Nach wie vor gibt es im Gesundheitssystem zu viele Mitspieler. Angefangen vom Bund bis zu den Ländern, von der Ärztekammer bis zu den Rettungsorganisationen. Das ist das größte Problem, weil jeder vor allem seine eigenen Interessen vertritt.

SN: Was soll man konkret ändern?

Pöttler: Eines der Hauptprobleme ist, dass die Koordination zwischen den Spitälern und den niedergelassenen Ärzten fehlt. Das soll ja nun durch eine gemeinsame Planung in den Gesundheitsplattformen der Länder verbessert werden. Tatsache ist aber, dass das Spital Patienten, die in die Ambulanzen kommen, aufgrund der gedeckelten Pauschalen gern zu den niedergelassenen Ärzte verschieben würde. Die Krankenkassen, die für den niedergelassenen Bereich zuständig sind, sehen es gern, wenn die Patienten in die Spitalsambulanzen gehen. Weil sie dadurch Kosten sparen. Nur besonders sinnvoll ist das alles nicht, vor allem nicht für die Patienten.

SN: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Pöttler: Die Ambulanzen der Spitäler sind für die Akutversorgung da, nicht dazu dass jeder mit jedem Wehwehchen dort hingehen kann. Sind die Patienten aber erst einmal dort, dann kann man sie nicht mehr wegschicken, dann müssen sie auch vollständig untersucht werden. Das ist gesetzlich so geregelt. Gut wäre es, wenn man den Ambulanzen eine Portalklinik vorschalten würde. Dort müssten Ärzte entscheiden, ob die Patienten in ein Spital oder zu einem niedergelassenen Arzt gehen sollten. Dann würde man im Spital in den Ambulanzen viel weniger Personal benötigen und das spart Geld. Die Frage ist: Wer würde eine solche Einrichtung bezahlen?

SN: Aber das sind wohl nicht die einzigen Einsparungspotenziale, die es in den Spitälern gibt?

Pöttler: Sicher nicht. Meiner Ansicht nach sind die Verwaltungen in den Krankenhäusern viel zu groß. Dort zu reduzieren wäre eine Möglichkeit. Bei den Personalkosten für Ärzte und die Pflegekräfte ist das kaum möglich. Hier ist es ja so, dass es bereits derzeit schwer ist, ausreichend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Ich bin mir aber sicher, dass es machbar ist, das medizinische Niveau beizubehalten, das es in Österreich gibt, ohne dass die Kosten weiter ansteigen.

SN: Es wird aber für eine Gesundheitsreform wahrscheinlich nicht reichen, nur in den Krankenhäusern zu sparen?

Pöttler: Natürlich nicht, dafür ist viel mehr nötig, etwa dass die Krankenhäuser ihr Angebot aufeinander abstimmen. Es darf nicht jeder dasselbe machen. Jedes Spital sollte Schwerpunkte setzen. Außerdem muss man endlich daran gehen, Akutbetten zu Pflegebetten umzuwandeln. Aber das weiß man eh alles schon seit langer Zeit, man muss es nur endlich tun. Und man muss die Krankenhäuser auch auf die zukünftigen Herausforderungen vorbereiten. Da die Bevölkerung immer älter wird, werden bestimmte Fächer mehr Ressourcen benötigen, etwa die Geriatrie, die Neurologie, die Orthopädie. Andere Abteilungen müssen dafür reduziert werden.

SN: Viel ist auch die Rede davon, dass durch Präventionsmaßnahmen die Kosten im Gesundheitssystem gesenkt werden könnten, weil die Menschen dann länger gesund bleiben würden.

Pöttler:Das ist sicherlich richtig. Es gibt ja bereits ein breites Ange bot an Vorsorgeuntersuchungen. Aber diese kommen schon viel zu spät. Wenn man wirklich will, dass die Bevölkerung gesünder ist, dann muss man schon in den Schulen anfangen. Schauen, dass die Kinder ausreichend Bewegung machen. Wer die Turnstunden reduziert, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Kinder dann später keinen Sport betreiben und übergewichtig werden. Und diese Einstellung zieht sich dann durch das ganze Leben. Mit der Folge, dass viele Menschen viel zu früh krank werden. Und das kostet enorm viel Geld, das man eigentlich leicht einsparen könnte.

Gerhard Pöttler hat über die Hintergründe und Reformmöglichkeiten des Gesundheitswesen in Österreich ein Buch geschrieben.

Das Buch erscheint im Goldegg Verlag und heißt „Gesundheitswesen in Österreich“. Infos auch unter: http://www.gerhard-poettler.at

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