Gleichheit – Schlüssel zum guten Leben?

von Andreas Exner

[via Volksstimme, Nr. 45, Februar 2012]

Die Professoren Subramanian und Kawachi befassen sich mit Fragen der öffentlichen Gesundheit. Was sie erforschen, vergleichen sie mit einem Giftstoff. Ein eigentümlicher Stoff, in der Tat. Mit chemischen Methoden ist er nicht zu messen. Doch sind seine Auswirkungen auf den Menschen umso eindeutiger. Der Giftstoff lautet Ungleichheit. Nicht allein sie stießen bei der Erforschung der Bestimmungsfaktoren menschlicher Krankheiten, der Epidemiologie, auf den Kapitalismus.

Sozusagen an vorderster Linie der epidemiologischen Forschung stehen Richard Wilkinson und Kate Pickett. Ihnen kommt auch das Verdienst zu, ein ebenso gut verständliches wie tiefgehendes Buch geschrieben zu haben. Mit Hilfe der inzwischen fast schon überwältigenden Fülle an Einzelstudien und Daten, die ihre Theorie des Zusammenhangs von sozialer Ungleichheit, Gesundheit und Wohlstand stützen. Ja, mehr noch. „The Spirit Level. Why Equality is Better for Everyone“, das 2009 erschien, ist ein Bestseller. Einer, der für eine Gesellschaft der Gleichen und Freien argumentiert, und zwar radikal im besten Sinn. Dies aus der Mitte der Gesellschaft zu hören überrascht.

Die Evidenz

Das Buch wartet mit einer ganzen Serie von Belegen dafür auf, wonach Ungleichheit der Gesundheit und dem Wohlstand schadet. Und zwar in bedeutendem Ausmaß. Dass Fettleibigkeit, die auch in Österreich zunimmt, etwas mit der Armut zu tun habe, vermuten viele. McDonalds sei eben billiger, da gäbe es viel Kalorien um wenig Geld. Auch ohne Wissenschaft ist klar, dass es der Gesundheit keinen guten Dienst erweisen kann, in billigen Wohnungen inmitten von Lärm und Gestank zu leben.

Soweit so schlecht. Eine ganze Reihe von Krankheiten und sozialen Missständen zeigt einen sozialen Gradienten. Sie sind bei ärmeren Menschen häufiger als bei Reicheren. Dazu zählt die Fettleibigkeit, dazu zählen aber auch Kindersterblichkeit, Herzattacken und vieles mehr. Letztlich leben Arme kürzer. Und mit jeder Stufe, die ein Mensch auf der Einkommensleiter erklimmt, lebt er im statistischen Durchschnitt etwas länger. So sieht die tödliche Realität des Kapitalismus aus.

Daraus zu schließen, es brauche Wirtschaftswachstum, damit auch die Armen mehr vom Leben hätten, wäre jedoch falsch. Tatsächlich entscheidet nicht der absolute Reichtum über die öffentliche Gesundheit, sondern die Ungleichheit. In relativ reichen Ländern ist für den Gesundheitszustand der Menschen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf bedeutungslos. Das Ausmaß der Einkommensungleichheit dagegen bestimmt, wie lange Menschen leben und wie viele psychisch erkranken. Sie bestimmt, wie viele Kinder sterben und wie viele Fettleibige und Übergewichtige es im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gibt. Armut ist ein soziales Verhältnis. Und das ist mörderisch.

In armen Ländern verbessere mehr wirtschaftlicher Output durchaus den allgemeinen Gesundheitszustand. Die Lebenserwartung steige, meinen Wilkinson und Pickett. Wobei, das sei kritisch angemerkt, ihre eigenen Statistiken eigentlich zeigen, dass auch in armen Ländern keinerlei Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und BIP existiert.

In reichen Ländern jedenfalls gebe es nicht nur keinen statistisch signifikanten, sondern schlicht gar keinen Zusammenhang zwischen Gesundheitsindikatoren und dem durchschnittlichen Einkommensniveau einer Gesellschaft. Dagegen ist die Häufigkeit vieler Krankheiten und die Lebenserwartung auf der einen Seite mit der Einkommensungleichheit auf der anderen frappierend eng und mitunter fast linear, auf jeden Fall statistisch signifikant korreliert.

Japan und die skandinavischen Länder zeichnen sich durch eine hohe Einkommensgleichheit aus und stechen in diesen Vergleichen immer positiv hervor. Dagegen schneiden die USA, Portugal und etwa Großbritannien, im Spitzenfeld der Ungleichheit, durchgehend am schlechtesten ab.

Die Vorteile der Gleichheit sind umfassend. Sie gelten ebenso für die Reicheren. Zwar nützt eine erhöhte Gleichheit insbesondere den Ärmeren, doch leben auch die einkommensstärkeren Schichten in gleicheren Gesellschaften länger und die Sterblichkeit ihrer Kinder ist geringer.

Die Theorie

Empirische Evidenz ist die eine Seite. Doch eine Korrelation, und sei sie noch so schlagend, ist noch keine Erklärung. Die Spuren zu ihrer Theorie finden Wilkinson und Pickett erneut in reichen empirischen Befunden. Nicht nur der allgemeine Gesundheitszustand ist eng mit der Einkommensungleichheit korreliert. Dieser Zusammenhang gilt ebenso für eine Reihe sozialer Indikatoren. In ungleicheren Gesellschaften sitzen mehr Menschen im Gefängnis, geschehen häufiger Morde, gibt es eine höhere Rate an Schwangerschaften im Teenage-Alter, ist das Ausmaß an Vertrauen geringer und liegt das Bildungsniveau niedriger – auch bei den Reicheren.

Viele Untersuchungen haben inzwischen gezeigt: Menschen mit einem hohen Maß an Vertrauen leben länger. Mehr noch. Die Einbindung in soziale Netzwerke reduziert nachweislich die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und beschleunigt die Genesung  nach Herzinfarkten. Der bedeutende Einfluss solcher vermeintlich weicher Indikatoren für den Gesundheitszustand einer Gesellschaft wurde sogar in einem frappierenden Experiment demonstriert. Menschen mit Freunden erkranken seltener an einem Schnupfenvirus als Menschen ohne Freunde, die dem gleichen Virus ausgesetzt werden. Und nicht nur das. Die Resistenz gegen die im Experiment provozierte Infizierung korreliert mit der Anzahl der Freundschaften. Je mehr Freundschaften, desto geringer das Ansteckungsrisiko. Auch Wunden heilen umso schneller, je besser die intimen Beziehungen sind.

Solche Befunde belegen, dass der Gesundheitszustand eng mit der sozialen Lage eines Menschen zusammenhängt. Doch wie lautet nun die kausale Erklärung?

Man hat festgestellt, dass nicht nur ein niedriger soziale Status und die soziale Isolation eines Menschen seinen Gesundheitszustand maßgeblich beeinflussen. Auch im Mutterleib erfahrener Stress beeinflusst die Gesundheit des Erwachsenen erheblich, noch Jahrzehnte später. Dauerhafter Stress beeinträchtigt die Gesundheit in hohem Ausmaß, das ist an sich bekannt. Ebenso weiß man, dass für die Stressreaktion vor allem das Hormon Cortisol verantwortlich zeichnet. Stress ist daher im Experiment leicht zu untersuchen. Man misst das Cortisol-Niveau vor und nach einem Stressor. So ist festzustellen, welche Faktoren einen Menschen mehr und welche weniger unter Druck bringen.

Sally Dickerson und Margaret Kemey unterzogen 208 solcher wissenschaftlicher Untersuchungen einem Review. Ihr Ergebnis: Es ist das Gefühl der Bedrohung des sozialen Status und der Selbstachtung (die mit dem Statusniveau zusammenhängt), das Menschen am stärksten unter Stress setzt. Damit drängt sich eine Erklärung für den eigenartigen Befund, dass Menschen früher sterben, wenn die soziale Ungleichheit zunimmt, auf: „Größere Ungleichheit scheint die Angst der Menschen vor sozialer Bewertung zu erhöhen, indem der soziale Status wichtiger wird“, schließen Wilkinson und Pickett.

Nicht die bloß materielle Benachteiligung schädigt den Menschen im Kapitalismus, sondern die Angst vor sozialem Statusverlust, davor, nicht als vollgültiges menschliches Wesen anerkannt zu sein. Zumindest ab einem bestimmten Reichtumsniveau, das der globale Norden längst erreicht hat. Ebenso beeinträchtigt die soziale Abwertung, die mit der Statushierarchie gesetzt ist, den objektiven Gesundheitszustand.

Solidarische Postwachstumsökonomie statt Kapitalismus…

…so lautet die Lösung, die Wilkinson und Pickett der staunenden Leserin für die Problematiken der Ungleichheit anbieten. Damit mündet das Buch schlussendlich in eine wissenschaftliche Grundlegung für eine Gesellschaft des Dregrowth auf Basis Solidarischer Ökonomien, die sich fortschreitend demonetarisiert. Zwar verwenden Wilkinson und Pickett diese drei Begriffe nicht, doch plädieren sie genau dafür. Sie sprechen sich nicht gegen eine Erhöhung bloßer Verteilungsgerechtigkeit aus. Im Gegenteil: auch kleine Schritte tun da große Wirkung, wie ihre Forschung zeigt. Doch müsse soziale Gleichheit in der Grundstruktur der Gesellschaft verankert werden, in der Sphäre der Produktion.

Denn man könne sich „dem Schluss schwer entziehen, dass das hohe Ausmaß an Ungleichheit in unseren Gesellschaften die Konzentration der Macht in unseren ökonomischen Institutionen widerspiegelt. Die Institutionen in denen wir arbeiten sind letztlich die Hauptquelle der Einkommensungleicheit“, schreiben Wilkinson und Pickett und betonen: „Hier ist der Ort, wo wir am augenfälligsten einer nach Rängen geordneten Hierarchie unterworfen sind, mit niedriger und höher Gestellten, mit Bossen und Untergebenen.“ Sie plädieren daher für „demokratisches Belegschaftseigentum“ an den Betrieben und einer limitierten Einkommensspanne. Entscheidend sei die demokratische, gleichberechtigte Leitung der Betriebe durch die dort Tätigen. Ein Grundprinzip, das auch den Kern Solidarischer Ökonomien ausmacht.

Zugleich legen Wilkinson und Pickett großes Augenmerk auf die ökologische Dimension der Transformation zu einer Gesellschaft der Gleichen. Für die reichen Länder erteilen sie der Orientierung an wirtschaftlichem Wachstum eine klare Absage. Der wirtschaftliche Output müsse konstant bleiben. Im Kapitalismus sei das nicht möglich, geben Autorin und Autor zu verstehen, indem sie die Position des US-amerikanischen Öko-Anarchisten Murray Bookchin dazu zitieren – ohne Kommentar. Zugleich verweisen sie auf eine Untersuchung des WWF, wonach von allen Staaten der Welt allein Kuba sowohl ein hohes Niveau menschlicher Entwicklung als auch einen ökologischen Fußabdruck aufweise, der nicht mehr Fläche bzw. Ressourcen in Anspruch nehme, als allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung gestellt werden könnten.

Anzumerken ist, dass Wilkinson und Pickett große Hoffnungen in den technischen Fortschritt und folglich in die Erhöhung der Ressourceneffizienz setzen. Das ist nicht nur aufgrund zunehmender Ressourcenverknappungen kritisch zu sehen. Die Fortschrittsorientierung selbst steht in Kontrast, vielleicht sogar Widerspruch zu ihrem häufigen Verweis auf die sozial egalitären Gesellschaften der Steinzeit und der heutigen Jäger- und Sammlerkulturen. Positiv zugute zu halten ist, dass sie kein fertiges Modell einer Solidarischen Postwachstumsökonomie präsentieren, sondern explizit auf die dafür notwendigen Experimente und Entwicklungsprozesse verweisen. Dass dies ohne Klassenkampf auskommt, wie Autor und Autorin suggerieren, scheint jedoch fraglich. Schließlich belegen ihre eigenen Beispiele zur Vorgeschichte der heute relativ gleichen Gesellschaften das Gegenteil.

Die Perspektive einer Postwachstumsökonomie und der umfassenden Wirtschaftsdemokratie verbinden Wilkinson und Pickett mit einem Weg der Demonetarisierung: „Vielleicht bringt uns die Logik [der technischen Entwicklung, d. Aut.] zu einer Gesellschaft, worin der Zugang zu einer immer breiteren Palette an Gütern nicht mehr eng durch das Einkommen rationiert ist, und wo unsere Besitztümer aufhören, eine so wichtige Rolle für die soziale Differenzierung zu spielen. Wir würden hoffen, dass wir beginnen, uns selbst vor allem als Mitglieder derselben Gesellschaft zu erleben, ohne Rangordnung, die in unterschiedlichen Kombinationen zusammenkommen, je nach unseren verschiedenen geteilten Interessen.“ Früher hieß das Kommunismus.

Tips zum Handeln

Richard Wilkinson, Kate Pickett und andere haben den Equality Trust gegründet, der die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschung verbreiten und soziale Gleichheit erhöhen will. Die Plattform „Solidarisch G’sund“ – Initiative für ein öffentliches Gesundheitswesen – ist nun offiziell eine lokale Gruppe des Equality Trust in Österreich. Wer bei „Solidarisch G’sund“ mitmachen will, schreibt einfach an solidarischgsund ÄT hotmail.com oder unterzeichnet die Petition.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Gleichheit – Schlüssel zum guten Leben?

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