Offener Brief: kein Verhandlungserfolg für die Pflege muss Streik bedeuten!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich verfolge die Nachrichten über die Maßnahmen der Gewerkschaft mit großem Interesse und möchte der Gewerkschaft meine Unterstützung – auch aus dem fernen Ausland – bezüglich Streik und Durchsetzung der Forderung im Pflege und Sozialbereich ausdrücklich zusichern. Eine Beschäftigung in der Pflege ist als qualifizierte Arbeitskraft reine Sklaverei und kann in Wien nur deswegen so ausgeübt werden, weil es genügend Angebot an Billigarbeitskräften aus dem Osten gibt, weswegen der Beruf für Österreicherinnen kaum attraktiv ist.  In den westlichen Bundesländern sowie in Skandinavien und in der Schweiz ist die Pflege wesentlich besser organisiert und es ist dem Staat offenbar auch ein Wert, in diese Bereiche zu investieren. Wien und ganz Österreich wird sich in absehbarer Zeit Gedanken machen müssen, wie die steigende Anzahl an Personen, die nicht in unpersönlichen Pflegeheimen, sondern zu Hause gepflegt werden wollen, auf höchstem Niveau versorgt werden sollen. In diese Bereiche muss investiert werden, da das Ergebnis nicht erfolgreicher Verhandlungen nur flächendeckenden Streik bedeuten kann. Erst dann wird ersichtlich, was die Arbeit der Pflege leistet. Denn offenbar ist es den Geldgebern, die auch einmal zu Pflegefällen werden können, heute noch egal, ob eine bettlägrige Person regelmäßig gelagert wird, Medikamente erhält, Verbände gewechselt werden, Ausscheidungen entfernt, Körperpflege durchgeführt, Essen gegeben u.s.w. und – was finanziell leider überhaupt nicht berücksichtigt wird – Ansprache erhält. Auf die besonderen Bedürfnisse und Erschwernisse in der Hauskrankenpflege muss in Kollektivvertragsverhandlungen gesondert Rücksicht genommen werden.

Ich erwarte eine angemessene Durchsetzung von Forderungen seitens der Gewerkschaft, die allen Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich gerecht werden, da auch Österreich vor der Herausforderung steht, wie die wachsende soziale Ungleichheit in Zukunft bewältigt werden kann und muss, wenn es eine Zukunft für jung und alt geben soll.

Mit freundlichen Grüßen
Mag. Alexandra Prinz

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

3 Antworten zu “Offener Brief: kein Verhandlungserfolg für die Pflege muss Streik bedeuten!

  1. Martin Herzberger

    Liebe Frau Mag.a Prinz,
    sie haben es anscheinend, so wie viele andere auch, noch nicht ganz kapiert, wie die Durchsetzung von ArbeitnehmerInnenforderungen funktioniert. Wenn von 100.000 Beschäftigten nur 6.000 zu Protestveranstaltungen (am 1. Februar 2012) antanzen, dann können sie sich sicher auch vorstellen, wie viele sich dann an einem Streik beteiligen. Ihr offener Brief richtet sich daher meines Erachtens an die Falschen.
    mfg
    Martin Herzberger
    (ein Betriebsratsvorsitzender, der schon mal einen Streik organisiert und mit Unterstützung der Gewerkschaft durchgeführt hat)

  2. Alexandra Prinz

    Sehr geehrter Herr Herzberger,
    das tut mir fuer Sie als Betriebsratsvorsitzenden sehr leid, wenn das mit dem Streik nicht geklappt hat. An mich hatten Sie sich nicht gewandt, ich haette Sie gerne unterstuetzt. Aber ich geben Ihnen sehr recht, dass das Pflegepersonal an vielen seiner schlechten Rahmenbedingungen selbst schuld ist. Das aendert aber nichts an der Tatsache, dass ich persoenlich es trotzdem wichtig finde, mich fuer bessere Rahmenbedingungen in der Pflege, zu unserer aller Gunsten, einzusetzen.
    mfg AP

  3. Lieber Martin!

    Ich habe großen Respekt vor Deiner Arbeit. Als m.W. einziger in Österreich hast Du einen erfolgreichen Streik im Gesundheitsbereich initiiert und warst die treibende Kraft dahinter. Das kann man kaum hoch genug würdigen. Vor allem weil das eine sehr frustrierende Angelegenheit ist.

    Meiner Meinung nach zeigt die Erfahrung, wenn man sich Arbeitskämpfe weltweit ansieht, zweierlei:

    (1) in einer schwierigen Situation ändern immer nur kleine Gruppen etwas, oft in kleinen Schritten. Es gibt Betriebe, die binnen einiger Jahre von einer völlig gewerkschaftsfeindlichen Belegschaft zu Fabrikbesetzungen gelangt sind (Bsp. Mitsubishi-Werk in Barcelona, Venezuela). Das ist ein extremes positives Beispiel.

    Lothar Galow-Bergemann hat bei „Gegen das Kranksparen“, woran Du dankenswerterweise teilgenommen hast, berichtet, dass im Krankenhaus Stuttgart eine sehr kleine Gruppe von Streikenden sehr viel erreicht hat. Wesentlich war seiner Meinung nach eine kämpferische Gewerkschaftsführung, die beharrlich die Belegschaft motiviert hat (siehe: http://solidarischgsund.org/2011/10/12/ich-bin-ab-jetzt-im-streik-bericht-von-der-solidarisch-gsund-veranstaltung-gegen-das-kranksparen/). Nur 300-400 der rund 6.500 Bediensteten traten in Streik!

    (2) muss ich Alexandra in jedem Fall unterstützen, die Gewerkschaftsführung offen zu kritisieren. Wie Du selbst bei „Gegen das Kranksparen“ dargestellt hast, wird nicht gestreikt und das Management durch die Gewerkschaft unterstützt, weil sich sozusagen alle Akteure wechselseitig aufeinander ausreden: die Gewerkschaft tut nichts, weil die BR nichts tun, die wiederum tun nichts, weil die Gewerkschaft und die Belegschaft nichts tun, die wiederum nichts tut, weil die BR und die Gewerkschaft nichts tun.

    Wo also ansetzen?

    Ich glaube nicht, dass es irgendeinen privilegierten Punkt gibt, diesen Teufelskreis der Verantwortungslosigkeit aus den Angeln zu heben. Man kann überall ansetzen und muss das angesichts des Ernstes der Lage auch.

    Mit offener Kritik an der Gewerkschaftsführung legt man ihren Teil der Verantwortung frei und ihre Inaktivität bloß. Es ist meiner Meinung nach kein legitimes Argument für eine Gewerkschaft, sich auf die Passivität der Mitglieder auszureden. Denn wir sind alle selbst für uns verantwortlich. Eine Gewerkschaftsfunktionärin, die nicht für eine bessere Arbeitswelt (und die Überwindung des Kapitalismus eintritt), ist genauso zu kritisieren, wie ein Kapitalist. Das Argument der Passivität der Mitglieder wäre vielleicht dann eines, wenn es eine demokratische Gewerkschaft gäbe.

    Ich glaube jedoch, dass Du selbst weißt, dass die Gewerkschaft nicht demokratisch organisiert ist. Ihre Führung trägt daher eine weit größere Verantwortung für ihr handeln als unter anderen Umständen. Sie entscheidet auch sonst fast alles alleine.

    Oder würdest Du die Kritik an der Bundesregierung unterlassen, mit dem Argument, dass doch viele Leute diese Regierung gewählt haben?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s