„Das Spital kann nicht alles leisten“

Heigl, Andrea: „Das Spital kann nicht alles leisten“
Der Standard, 28. 12. 2011, 3

Wilhelm Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), will von der Kasse bezahlte Ärzte in Ambulanzen arbeiten lassen, um die Spitäler zu entlasten. Ärzte und Pfleger schneiden bei Patientenbefragungen gut ab – im Gegensatz zum Essen, sagte Marhold im Gespräch mit Andrea Heigl.

Standard: Was sind denn die häufigsten Beschwerden, die Sie über KAV-Spitäler hören?

Marhold: Wir haben im Jahr 7000 lobende Erwähnungen und 5000 Beschwerden – bei 400.000 stationären Aufnahmen und 3,5 Millionen ambulanten Betreuungen. Die medizinische Betreuung und die Pflege werden immer sehr gut bewertet, das Essen immer schlecht. Wir haben schon auch Beschwerden aus dem Ambulanzsystembereich – aber da sind wir Opfer eines Systems. Wo sollen die Menschen hingehen in der Nacht und an den Wochenenden?

Standard: Alle im Gesundheitssystem betonen immer, wie gutzusammengearbeitet werde. Wie kann es dennoch sein, dass an den Spitälern so viel hängenbleibt?

Marhold: Wir arbeiten gut zusammen, zum Beispiel bei der Dialyse-GesmbH. Das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen: Die Wiener Gebietskrankenkasse gründet mit dem KAV eine Gesellschaft, die Barmherzigen Brüder halten daran zwei Prozent und stellen den Geschäftsführer. Errichtet haben wir das Dialysezentrum auf einem Grundstück der Stadt Wien neben dem Donauspital. Es wäre gut, wenn wir auch dort kooperieren, wo die Menschen einfach ins Spital kommen, weil es zu der Zeit keine andere Versorgung gibt, weil die Ordinationen zu sind. Ein bisschen mehr Kundenorientierung könnte man sich auch da – wie bei der Dialyse-GmbH – von der Gebietskrankenkasse schon erwarten.

STANDARD: Muss man auch die Ärzte mehr in die Pflicht nehmen, damit sie ihre Ordinationen auch zu Randzeiten aufmachen?

Marhold: Ja, und ihnen auch den Aufwand abgelten. Aber ich habe einen anderen Vorschlag: Man muss sich überlegen, Erstversorgungszentren – ähnlich wie bei der Dialyse – gemeinsam zu betreiben, anstatt die Kosten hin und her zu schieben.

Standard: Heißt das, Sie möchten in der Nähe von Spitälern Erstversorgungszentren errichten?

Marhold: Wir bauen derzeit ohnehin aus. Ich will nur haben, dass die Finanzierung dieser Leistungen, von denen ja 50 bis 60 Prozent in jeder Ordination gemacht werden können, gemeinsam erfolgt. Es wäre nur recht und billig, zu sagen, das Spital stellt die Infrastruktur und klärt mit Ärztekammer und GKK, wer etwas dazu beiträgt -sei es Finanzierung, sei es ein Pool von niedergelassenen Ärzten.

Standard: Das heißt, niedergelassene Ärzte sollen Dienste in Ambulanzen übernehmen, die dann von der Kasse bezahlt werden?

Marhold: Auch. So sollten wir von der Überbelastung in den Ambulanzen wegkommen, denn die Menschen müssen schon sehr lange warten. Unser Personal ist da sehr belastet, obwohl wir laufend aufstocken, aber irgendwann ist Schluss, das Spital kann nicht dauernd alles leisten und finanzieren. Der Patient ist nie schuld – der hat ein Problem und sucht Hilfe. Ein bisschen spielt auch die Migration eine Rolle, viele Zuwanderer kennen das System der niedergelassenen Ärzte gar nicht. In ihrer Heimat ist das oft nur für ganz reiche Leute möglich.

Standard: Es brauchte also auch mehr Aufklärung.

Marhold: Ich denke, dass es gut ist, wenn man den Menschen sagt, dass sie die Leistungen im niedergelassenen Bereich in Anspruch nehmen sollen. Ich halte aber nichts davon, die Menschen zwangszubeglücken.

Standard: Wo wollen Sie solche Erstversorgungszentren ansiedeln ?

Marhold: Im Krankenhaus Hietzing, in der Krankenanstalt Rudolfstiftung, im Wilhelminenspital, im Donauspital und im AKH. Im Krankenhaus Nord wird es eine große Erstversorgung mit 30 Betten geben, wo die Patienten bis zu 24 Stunden aufgenommen werden. Das Spital der Zukunft wird eine große Erstversorgung haben: rasche Diagnostik, rasche Therapie, rasch wieder nach Hause. Ich unterstelle, dass nicht nur junge Menschen schnell aus dem Spital rauswollen, auch ältere Menschen wollen wieder in ihre gewohnte Umgebung.

STANDARD: Die rasche Entlassung hat ja auch ökonomische Gründe, weil die Spitäler seit Einführung des LKF-Systems nicht mehr nach Liegedauer der Patienten, sondern nach der Diagnose entlohnt werden. Vor allem die Ärzte beklagen, dadurch entstünde oft ein regelrechter Drehtüreffekt.

Marhold: Wir haben jetzt schon 30 Entlassungsmanager und wollen diese Zahl auf 71 ausbauen. Wir tun viel, um den Patienten den Übergang in ihr soziales Umfeld zu erleichtern. Aber weniger invasive Eingriffe und dadurch schnellere Entlassungen sind der Trend der Medizin, und diesen Fortschritt muss man auch ökonomisch abholen. Sonst wäre es in Wien gar nicht möglich, Akutbetten zu reduzieren und Pflegebetten aufzubauen.

STANDARD: Heuer gab es zwei große Protestaktionen von medizinischem Personal, einmal von der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, einmal von den Ärzten im AKH. Ist da etwas im Umbruch?

Marhold: Wenn die Wirtschaftssituation enger wird, dann werden Verteilungskämpfe deutlicher sichtbar. Dass sich die Gewerkschaft zu Wort gemeldet hat, ist ihr gutes Recht, und jetzt sind wir dabei, uns die Hotspots genauer anzuschauen.

Standard: Fanden Sie auch den Aufschrei der AKH-Ärzte gerechtfertigt?

Marhold: Ich hab’s verstanden. Es kann ja wohl nicht sein, dass ein Partner – nämlich der Wissenschaftsminister – seiner Zahlungsverpflichtung nicht nachkommt.

STANDARD: Ist es nicht trotzdem legitim, zu sagen, auch im AKH solle nachgeschaut werden, wo man einsparen kann?

Marhold: Effizienzsteigerung steht jedem gut an. Vielleicht beschleunigt diese öffentlich gewordene Debatte auch, dass man sich mehr mit den Betriebsabläufen im AKH zwischen Med-Uni und Stadt Wien auseinandersetzt. Es kann ja nicht sein, dass der ärztliche Direktor dieses riesigen Spitals nicht einmal die Dienstlisten der Ärzte hat, um nur ein ganz plakatives Beispiel zu nennen. Da gibt es jede Menge Abstimmungsbedarf.

Das lange Warten auf das richtige Bett

45 Minuten können eine Ewigkeit sein. So lange saßen Rettungssanitäter bei einem Einsatz im niederösterreichischen Schwechat im Auto – mit einer 33-jährigen Frau, die sie erfolgreich reanimiert hatten. Nun mussten sie herumtelefonieren auf der Suche nach einem Bett auf einer Intensivstation. Das fand sich weder in Wien noch in Eisenstadt noch in einem der umliegenden niederösterreichischen Spitäler, also wurde die Frau nach St. Polten transportiert – und starb am darauffolgenden Tag. Man wisse zwar nicht, ob die Frau überlebt hätte, wäre man nicht 45 Minuten lang mit ihr auf der Straße gestanden, meinen die Sanitäter; hilfreich sei die Wartezeit aber sicher nicht gewesen.

Städtische Arbeitsteilung

Es könne in Einzelfällen Versorgungsengpässe entlang der Landesgrenze von Wien und Niederösterreich geben, räumt man hüben wie drüben ein, grundsätzlich laufe die Kooperation aber reibungslos. Regelmäßig würden niederösterreichische Rettungswagen die Leitstelle in Wien auf der Suche nach einem Bett kontaktieren, sagt Jochen Haidvogel, Rettungsdienstleiter der Wiener Rettung. Sie erhalten dann eine sogenannte Kasus-Nummer, mit der sie ein bestimmtes Spital anfahren können, ohne diese Zuordnung gehe aber nichts. Innerhalb der Stadt gibt es Arbeitsteilung: Die städtische MA 70 übernimmt Notfälle, Krankentransporte bleiben dem Samariterbund, dem Roten Kreuz und anderen Organisationen überlassen.

In Niederösterreich ist man gerade dabei, die rechtliche Grundlage dafür zu schaffen, dass tschechische Notarzthubschrauber über die Grenze fliegen können, wenn es etwa im Waldviertel zu neblig für einen Einsatz des Christo-phorus ist. Allerdings gibt es in diesem Bereich schon jetzt ein rein inländisches Finanzproblem: Stirbt ein Patient trotz Hubschraubereinsatzes vor Ort, darf er nicht abtransportiert werden – und der ÖAMTC bleibt auf den Kosten sitzen.

(hei)

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