„Ein Politikum“

Meinhart, Edith: „Ein Politikum“
Profil, 12. 12. 2011, 30ff

Interne E-Mails der Uniklinik Innsbruck zeigen: Seit Jahren warnen Ärzte vor gefährlichem Pfusch, der leicht zu verhindern gewesen wäre.

Von Edith Meinhart

Die ärztliche Direktorin der Tilak (Tiroler Landeskrankenanstalten GmbH), Alexandra Kofler, brauchte neun Minuten, um ihre Abfuhr zu texten: „Lieber Arnulf, danke für deine Nachricht (…) Da es sich bei diesem Fall mittlerweile um ein ,Politikum‘ handelt, läuft alles nur noch über mich (…).“

Es war nicht irgendwer, der an höherer Stelle eine recht deutliche Warnung deponiert hatte, sondern Arnulf Benzer, geschäftsführender Oberarzt der Anästhesie an der Uniklinik in Innsbruck, der am 25. März 2010 aus dem Urlaub mailte. Der Anlass: Die Patientenanwaltschaft wollte Genaueres zum „Beschwerdefall Strobl Nadina“ wissen, der die Anästhesie schon seit mehr als zwei Jahren beschäftigte.

Das Mädchen war im Alter von sechs Wochen an den Leisten operiert worden. Vor dem Eingriff im Jänner 2008 war es gesund und normal entwickelt. Danach war ein großer Teil seines Gehirns für immer zerstört. Seither jagen die Eltern einer Erklärung hinterher. „Man hat uns immer nur im Kreis geschickt“, sagt Mutter Indira Strobl (profil berichtete).

Was die Frau aus Kufstein nicht weiß: Intern gingen die Wogen hoch. In dem erwähnten E-Mail an die ärztliche Direktorin der Tilak schreibt Oberarzt ! Benzer, die geforderte Stellung-i nähme könnte „insofern zum Problem werden, als bei Nadina u. a. auch Ultiva (Remifentanil) zum Einsatz gekommen ist und die Anwendung von Ultiva in dieser Altersgruppe vom Hersteller ,nicht empfohlen‘ wird“.

Den Einsatz von Medikamenten für Patienten oder Altersgruppen, für die es keine Studien und keine Zulassung gibt, nennt man „off label use“. In der Kinderheilkunde arbeiten Ärzte nicht selten in dieser Zone. Allerdings, darauf pocht Benzer in seinem E-Mail, sei dies an Auflagen gebunden: Aufklärung und sorgfältige postoperative Überwachung etwa – und damit „wären wir beim alten Problem, nämlich meiner Kritik der Nichteinhaltung der postoperativen Überwachungsstandards (…)“.

Vergangene Woche wurden Stellen aus dem Mail-Verkehr öffentlich. Gabriele Fischer von „Elternverein Kinderklinik“ hatte die Korrespondenz zugespielt bekommen und daraus – zunächst eher sparsam und ohne Namen zu nennen – zitiert. Die ärztliche Direktorin Kofler wehrte sich gegen den Vorwurf, man habe auf Kritik im Haus nicht reagiert, sprach von „aus dem Zusammenhang gerissenen Passagen“ und einer „Kampagne gegen meine Person“. Der Leiter der Anästhesie, Karl Lindner, versicherte in der ORF-Sendung „Tirol heute“, es gebe keinerlei „Fehlverhalten, dass sich jemand an irgendwas nicht hält, sondern es ist eigentlich alles klar geregelt, und unser Vorgehen entspricht dem Facharztstandard“.

Nun liegen profil 14 Seiten Korrespondenz vor, die das massiv in Zweifel ziehen. Elternvereins-Sprecherin Fischer wird das brisante Konvolut am Montag – gemeinsam mit einer Sachverhaltsdarstellung – der Staatsanwaltschaft Innsbruck übergeben. In Summe seien „die Versäumnisse so enorm, dass sich die Frage stellt, ob das nicht auch strafrechtlich relevant ist und die Tilak sich auch als Organisation schuldig gemacht hat“.

Der Mail-Verkehr beginnt ein halbes Jahr nach Nadinas Operation. Anlass war damals ebenfalls eine Stellungnahme an die Patientenvertretung. Sie wird mit jenen Informationen abgespeist, die der Krankengeschichte zu entnehmen sind. Und das sind nicht viele, wie der deutsche Kinderanästhesist Jochen Strauß später in einem Gutachten im Auftrag des Patientenentschädigungsfonds scharf kritisiert: „Die Dokumentation ist sehr lückenhaft. (…) Nach vorliegenden Unterlagen wurde das Kind über lange Zeiträume nicht oder nicht ausreichend überwacht.“

Was offenbar weder zur Patientenvertretung noch zu Nadinas Eltern durchdringen sollte, war, dass diese Praxis offen nach oben rapportiert wurde. In einem E-Mail vom 17. Juli 2008 weist der Anästhesie-Oberarzt Benzer „unmissverständ-lich“ darauf hin, „dass sowohl die fehlende Dokumentation (…), die zeitlichen Dokumentationslücken und auch die offensichtlich fehlende fachspezifische Nachvisitierung bei eingetretener Komplikation (…) sicherlich nicht den Standards unseres Fachgebiets gerecht werden“. Die Passage war – in großen, fetten Buchstaben mit dem Hinweis „nur für internen Gebrauch“ überschrieben – ebenfalls der ärztlichen Direktorin zugegangen.

Auch das dürfte die Tilak nicht sehr beeindruckt haben. Zwei Jahre später, am 23. März 2010, greift Benzer erneut in die Tasten. Unter dem Betreff: „Kinderanästhesie-Manual“ schreibt er: „Wenngleich ,off label use‘ im Kinder(anästhesie)bereich mangels Studien/Ersatzpräparaten nicht selten ist, kann daraus keinesfalls ein Gewohnheitsrecht abgeleitet werden. (…) Ich denke, man sollte auf diese Limits, die von der Pharmaindustrie im Beipackzettel auch klar definiert werden, auch im Manual konkret hinweisen und dieses ehebaldigst anpassen.“

Wenige Wochen später unternimmt Benzer einen neuerlichen Anlauf in Sachen „off label use“. Am 2. Mai 2010 notiert er, mit leicht bitterem Unterton, der „off label use in unserem Kinderdepartment geht trotz meiner bereits im März geäußerten Bitte, diese Praxis (z. B. Ultiva, Propofol) an die gesetzlichen Vorgaben anzupassen, munter weiter, das Risikobewusstsein ist offensichtlich leider nicht vorhanden“. Der erfahrene Anästhesist schlägt vor, aus „generalpräventiven Erwägungen“ alle Ärzte, nicht nur jene im Kinderdepartment, mit einer Info-Mail auf vorsichtigeren „off label use“ einzuschwören und den Kollegen klarzumachen, dass die ärztliche Verantwortung und persönliche Haftung „dramatisch ansteigen“.

Man möchte meinen, in Kenntnis des Falls Strobl wäre die ärztliche Direktorin von Benzers Vorschlag entzückt. Noch dazu, wo sie laut Paragraf 31 b des Tiroler Krankenanstaltengesetzes als Mitglied der Arzneimittelkommission für die Auswahl der Medikamente und deren fachgerechte Anwendung zuständig ist. Oberarzt Benzer bittet um „ein kurzes Okay“ für seine Aufklärungsoffensive. Doch er holt sich erneut eine Abfuhr: „Hallo Arnulf, grundsätzlich finde ich deine Mail gut – solange die Angelegenheit . Nadina Strobl‘ jedoch nicht geklärt ist, könnte eine solche Aussendung kontraproduktiv sein.“ Diese Passage raubt Elternvertreterin Fischer fast den Atem: „Da wurden auf dem Rücken von Patienten Qualitätsstandards missachtet. Nur um einem Schuldeingeständnis zu entgehen, hat man Verbesserungen nicht umgesetzt, die mit Minimalaufwand umgesetzt werden hätten können.“ Vergangene Woche sollte in Innsbruck das Zivilverfahren im Fall Nadina Strobl gegen die Tilak beginnen. Der Prozess wurde wegen eines Richterwechsels vertagt.

Anfang Juli 2010 berichteten Medien über eine neunzigjährige Frau, der im Krankenhaus in St. Johann in Tirol das falsche Bein amputiert worden war. Der Kunstfehler animierte den Anästhesisten Benzer zu einem E-Mail mit dem Betreff „Qualitätsverbesserung 2“. Dieses verschickte er am 15. Juli an die ärztliche Direktorin sowie – in Cc – an weitere Tilak-Manager und Kollegen der Anästhesie. Offenbar erkennt Benzer Parallelen zu einem bisher nicht bekannten Fall aus Innsbruck:

„Wenn man Chirurg durch Anästhesist und operieren durch anästhesieren ersetzt, sind wir 1:1 bei dem uns allen nur zu vertrauten Fall W. F. (geb. 1930). Für die Patientin in St. Johann hat das arztseitige Informationsdefizit ,nur‘ zum Verlust eines Beines geführt, für Herrn W hat dies tödlich geendet.“

In St. Johann würde nun ein System eingeführt, welches „wir schon vor Jahren einzuführen versucht haben. Nämlich, dass die Ärzte nachvollziehbar und persönlich in die Krankenakten der ihnen anvertrauten Patienten Einschau halten und die weitverbreitete Untugend der mündlichen Informations( nicht (weitergäbe endlich ein Ende findet. (…) Zumindest im Jahr 2007 bin ich in diesen Bemühungen (…) grandios gescheitert.“ Von jedem Patienten werde verlangt, dass er mit seiner Unterschrift bestätige, die Aufklärungs- und Einwilligungsbögen gelesen zu haben:

„Im Gegenzug muss aber kein Arzt nachweisen, dass er vor Beginn der Behandlung in die Krankenakten des Patienten Einblick genommen hat; dieses Ungleichgewicht und der daraus resultierende Laisser-faire-Stil führen geradewegs zu den geschilderten Katastrophen, welche mit Minimalstaufwand zu verhindern wären.“

Am Schluss setzt Benzer fast einen Notruf ab: Auch der Fall Nadina beziehe „wesentliche Probleminhalte (off label use) aus genau demselben Ursachenkomplex, d. h. Ignorieren von Informationen durch Ich-lasse-mir-nichts-vorschreiben-Ärzte‘, auch hier leben wir jeden Tag mit dem Risiko, dass sich ein ähnlicher Fall wiederholt bzw. der Fall Strobl sich noch ausweitet.“ Wie der Hilfeschrei aufgenommen wurde, ist nicht klar. Benzer selbst war nicht zu einem Gespräch bereit. Er schickte nur ein von der Tilak abgesegnetes Statement, dem zufolge die „nachweisliche Einsicht“ letztendlich als offizielle Vorgabe der ärztlichen Direktion realisiert worden sei: „Wir haben als Anästhesie damals wieder einmal Schrittmacherfunktion gehabt, das war mühsame Arbeit, und darauf sind wir auch ein bisschen stolz.“

Am 28. Oktober 2010 beklagte sich auch Benzers Chef, Klinikdirektor Karl Lindner, noch in einem Schreiben: „Unser Kinderanästhesieteam vertritt die Meinung, dass sich im Rahmen eines Auf klärungsgespräches über ,off label use‘ häufig Probleme ergeben. Da sich nicht vorhersagen lässt, wie die Eltern der Kinder reagieren, wenn sie aufgeklärt werden (…).“ Er, Lindner, wolle von der Tilak wissen, ob auch bei off label use aufgeklärt werden müsse: „Falls ja, möchte ich die Direktion bitten, unser Kinderanästhesieteam ausdrücklich daran zu erinnern, dass (…) die Erziehungsberechtigten aufzuklären sind.“

Die Tilak war nicht zu einer Stellungnahme bereit. Klinikchef Lindner bemühte sich um Sprecherlaubnis und bekam sie auch, weil er „in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck erwecken möchte, dass die Klinik nicht sicher ist. Wir sind hier offen und transparent.“ Den erwähnten Brief im Oktober 2010 habe er bloß geschrieben, um „sicherzugehen“, und die Tilak habe das „bei uns gültige Vorgehen bestätigt“. Elternvertreterin Gabriele Fischer drehte sich beim Lesen der E-Mails allerdings der Magen um: „Die Vertuschungen gehören aufgeklärt, sonst geben wir keine Ruhe.“

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