Kommerz im Spital: der richtige Start des Babykunden

von Andreas Exner

Nicht selten erlaubt eine Geburt ungewöhnlich gewöhnliche Einsichten in das österreichische Krankenwesen.

Überfüllte Kreißzimmer, die eher an Büroräume gemahnen oder an die Hektik der Börse als an den Beginn eines neuen Lebens. Zimmer, worin der Druck der neoliberalen Kürzungskeule die sehr engagierten und großteils freundlichen Hebammen durch die Gänge treibt. Bürokratische Prozeduren, in deren Verlauf der wohlinformierte Vater einer Ärztin gegenüber erklären muss, dass, nein, bei einem Kaiserschnitt in der Tat nach dem Willen der Eltern keine Augentropfen verabreicht werden sollen. Warum? fragt erstaunt die Doktorin. Antwort: Weil das Kind ohnehin nicht über den natürlichen Geburtsweg infiziert werden kann… was freilich, das sei angemerkt, auch bei natürlicher Geburt nicht drohte. In unseren Breiten hat bekanntlich fast niemand mehr die Syphilis – und falls doch, so bleibt sie (oder eine etwaige andere Geschlechtskrankheit) bei der Gynökologin wohl schwerlich unentdeckt.

Aber ein paar Euro für den Augentropfenhersteller, das wird ja wohl noch drinnen sein, so lautet offenbar die Logik des Systems. So ein Babyäuglein, das verträgt schon ein paar Tropferl Medizin…

Am Ende des Aufenthalts, ein paar Tage nach der glücklichen Geburt mit einem tatkräftigen Arzt, der sich auch sichtlich müde noch Zeit für ein gefühlvolles Gespräch nimmt, verabschiedet sich die Krankenanstalt mit einem Präsent.

Der Vater ist überrascht. Ein Geschenk, für uns? Wie großzügig!

Darauf steht in großen rosa Lettern

Mutter Kind Box – Family Service – Baby’s erstes Jahr

Eine rosa Sonne erhebt sich über ein Babygesicht, das lacht.

Noch größer ist die Überraschung, als den Eltern nach dem Öffnen des Pakets nicht etwa Infobroschüren, sondern ein Haufen Werbematerial entgegenprangt: Tübchen, Sälbchen, Pröbchen. Duftig fein von allerlei Synthetika. Und wie erstaunlich vollständig die Propagandapalette auch ist! Wer dachte, ein Kind brauche Ruhe, ein schönes Umfeld, liebevolle Eltern und soziale Unterstützung, die und der hat weit gefehlt. Ganz etwas Anderes ist für das Glück des jungen Erdenbürgers nun erfordert:

Babywalz, KinderHotels, JAKO-O, HIPP, milupa und Nestlé nämlich.

Auch Rauch ist mit dabei.

Und Pampers sowieso.

Da sind sie also alle, unsere lieben Konzerne für die lieben Kleinen. Auf dass sie gleich vom vierten Tag an wissen, was es mit dieser Gesellschaft auf sich hat. Babymarketing ist eine wirklich ganz tolle Sache.

Die netteste Überraschung allerdings erwartet den geeichten Vater.

Das „Family Service“ des LKH Graz hat ihm in fürsorglicher Vorsehung ein ganz besonderes Präsent verpackt.

Papa only

steht da drauf.

Was kann das sein? Ein Verhüterli der Firma Durex?

Nein, es ist…

Alles Auto

Die Zeitschrift freilich lässt das Herz eines glühenden Ökologen gleich noch deutlich höher schlagen. Und wie schön, sich in seiner männlichen Identität so klar bestätigt zu sehen. Gott lob uns doch das Kapital. Das weiß halt noch, wo Mann und Frau im Leben hingehören. – Ich hinter’s Lenkrad.

Im LKH Klagenfurt setzt man dagegen dem Vernehmen nach auf eine Dose Bier.

Prost!

Auf’s kapitalistische Leben.

Post Sricptum:

Liebe Landeskrankenhäuser, stellt das ab. Und zwar sofort. Geld holt man sich von den Reichen, nicht über Werbemüll. Euer Papa.

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