Patientenwaschgeschwindigkeit. Warum der Pflegeberuf unattraktiv ist – und was sich ändern müsste

In Österreich sind tausende Stellen im Pflegebereich unbesetzt. Die Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester/Pfleger dauert drei Jahre und ist nach erfolgreicher Absolvierung des 10. Schuljahres möglich.  Obwohl der Arbeitsmarkt über Lehrstellenmangel klagt, sind die Schulen für Krankenpflege nicht immer ausgelastet. Die Pflege hat in Österreich einen äußerst schlechten Stellenwert. Ein Versuch, die Gründe für den kontinuierlichen Mangel an Pflegekräften aufzulisten.

von Alexandra Prinz

Die Ausbildung an einer Schule für Gesundheits- und Krankenpflege ist sehr intensiv, umfasst mindestens 40 Wochenstunden, die sowohl theoretisch (in der Schule) als auch praktisch direkt auf den Stationen absolviert werden. Dazu kommt ein recht intensives Lernprogramm in Anatomie, Pathologie, Pflegewissenschaften etc. Demgegenüber steht ein Prüfungskalender, der neben den 40 Stunden positiv absolviert werden muss. Nach drei negativen Prüfungen muss das Schuljahr wiederholt werden.

SchülerInnen, die den ersten Tag auf der Station verbringen, werden danach beurteilt, wie viele PatientInnen sie in kürzester Zeit gewaschen haben. Beurteilt werden sie von Personen, die nicht mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Bei Hebe- und Pflegetätigkeiten wird darauf Wert gelegt, dass man diese aufgrund des fehlenden Personals möglichst ohne Hilfe durchführen kann. Wer nicht rasch genug arbeitet und zu viel Zeit den PatientInnen widmet, wird als unrentabler Kostenfaktor aussortiert. SchülerInnen ersetzen in der Regel fehlendes Personal, das Geld für eigens ausgebildete PraxisanleiterInnen fehlt. Oberschwestern haben Zahlen zu erfüllen. Bei schlechtem Personalstand müssen drei Pflegepersonen 24 schwer bettlägrige PatientInnen betreuen – bei 12 Stunden Dienstzeit.

Für Frauen, die in diesem Beruf die Mehrheit bilden, ist diese Ausbildung neben familiären Pflichten und geringem Entgelt kaum machbar. Trotzdem finden sich auch immer mehr Alleinerziehende in dieser Berufsausbildung, die während der Ausbildungszeit einen Grenzgang zwischen Selbstaufgabe und extremer  finanzieller Einschränkung absolvieren und zusätzlichem Druck von Seiten der Schule/Station ausgesetzt sind. Auf Betreuungspflichten (auch Nachtdienste müssen absolviert werden) wird keinerlei Rücksicht genommen.

 «Bedrohung» durch akademisiertes Personal

Da die Akademisierung der Pflege in Österreich erst in den Kinderschuhen steckt – der erste Lehrgang am FH Campus Wien begann 2008 – waren AkademikerInnen vor dieser Zeit noch gezwungen, die Ausbildung an einer regulären, einem Krankenhaus zugehörigen Schule zu absolvieren. Das führt zu  einer recht  inhomogenen Zusammensetzung von Klassen, in denen FrisörInnen, KosmetikerInnen, MaturantInnen, StudienabbrecherInnen und AkademikerInnen miteinander lernen. Sowohl für LehrerInnen als auch für die betroffenen SchülerInnen ist dies eine Herausforderung, bei der sich die meisten überfordert, manche aber auch unterfordert fühlen. Auf den Stationen werden AkademikerInnen sofort als Gefahr erkannt. Diese werden allein schon aufgrund einer grundsätzlich anderen Umgangsweise mit Menschen und einer anderen Fragestellung argwöhnisch betrachtet. Stationsschwestern und Oberschwestern fühlen sich von akademisiertem Pflegepersonal bedroht.

LehrerInnen an einer Schule für Gesundheits-und Krankenpflege haben heute einen zweijährigen post-graduate Universitätslehrgang zu absolvieren, an vielen Schulen des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) sind jedoch auch LehrerInnen beschäftigt, die nach einem heute nicht mehr adäquaten System ausgebildet wurden und die Skripten ausgeben, die darauf schließen lassen, dass die Grundregeln der Rechtschreibung nicht ausreichend beherrscht werden. Willkür bei Prüfungen ist an der Tagesordnung. Überlange Prüfungsdauer, veraltete Lehrinhalte, unvorbereitete LehrerInnen, nicht standardisierte Prüfungsmodi, fehlende Kontrolle beim Prüfungsablauf sind Teil eines nicht modernen Ausbildungssystems. Auf einem maschingeschriebenen Skriptum, das sichtbar in den letzten 20 Jahren nicht redigiert wurde, finden sich Worte wie „Neger“.  Diese Wortwahl  ist auch unter langgedienten ÄrztInnen durchaus zu hören. In der Hierarchie der Medizin sind es aber gerade jene, die den Ton angeben.

Hoffnung besteht unter den jungen MedizinerInnen, die die Zusammenarbeit mit der Pflege durchaus suchen würden. Die Pflege ist zwar der Medizin seit dem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz 1997 gleichgestellt, jedoch sind die heute dominierenden EntscheidungsträgerInnen in der Pflege wie in der Medizin  in einem System großgeworden, in dem die Pflege noch der Medizin unterstand. Im KAV ist kaum eine Führungsperson in Amt und Würden, die nicht die Laufbahn innerhalb des KAV durchlaufen hat. Die in Studien oft zitierte Aufschulung von Führungskräften in der Pflege hat in den meisten Fällen noch nicht stattgefunden. Abweichende bzw. kritische Meinungen bezüglich Organisation, MitarbeiterInnenführung, Personalmangel, Ausbildungs- bzw. Weiterbildungswünschen werden im Keim erstickt bzw. mit gravierendem Mobbing geahndet. Bestausgebildete MitarbeiterInnen werden so lange schikaniert, bis sie selbst das Handtuch werfen.

Wo bleibt die Interessensvertretung-Organisation?

Weiterbildung ist in der Pflege ein gering geschätztes Thema und die geringen Aufstiegsmöglichkeiten ein oft genannter Grund für den Berufsausstieg. Kein Wunder – bei einer Fortbildungsverpflichtung von 40 Stunden in 5 Jahren. Internationale Austauschprogramme wie das von der EU geförderte HOPE sind nur Führungskräften zugänglich. Da stellvertretende DirektorInnen oft keine Ahnung über diverse Austauschprogramme haben, werden sie diese kaum MitarbeiterInnen weiterempfehlen.

Die meisten Wiener Krankenhäuser könnten ohne  Zuwandererpersonal ihre Dienstleistung nicht in erforderlichem Ausmaß erbringen. Solange der Lohnniveauunterschied zum nahen EU- Ausland (Tschechien, Slowakei, Ungarn) entsprechend hoch ist und der Bedarf durch einheimisches Personal nicht ausreichend gedeckt werden kann, wird Lohndumping vorherrschen. Viele ÖsterreicherInnen können es sich schlicht nicht leisten, von einem Gehalt als Krankenschwester zu leben. Zudem kommt, dass die Pflege sehr anstrengend ist und als Teilzeitberuf viel besser bezahlt werden müsste (Beispiel Schweiz, Niederlande). Derzeit wird die Pflege auch weiterhin für Hochqualifizierte kein attraktives Betätigungsfeld sein, obgleich der Bedarf an akademisch gebildetem Pflegepersonal in Österreich immens ist.

Damit das aber nicht so bleibt, ist mit der Einführung des Bachelor-Lehrganges für Gesundheits-und Krankenpflege am Wiener FH-Campus ein Grundstein gelegt.  Allerdings sind die Investitionen für gutausgebildetes Personal ein Kostenfaktor, den sich in der Wirtschaftskrise niemand leisten will. Laut Auskunft von Stadträtin Wehsely erhalten AbsolventInnen der Fachhochschule dasselbe Salär wie SchulabgängerInnen nach der 10. Schulstufe, die die konventionellen Pflegeschulen besucht haben. Hinzu kommt, dass der KAV keinerlei Vordienstzeiten anrechnet, weder berufseigene noch berufsfremde.

Eine Krankenschwester, die in Linz 15 Jahre in einem privaten Krankenhaus gearbeitet hat, beginnt bei der Gemeinde Wien genauso bei der Stufe 2 wie eine Akademikerin mit 10 Jahren Berufserfahrung in einem pflegefremden Umfeld. Ein Teilzeiteinkommen in der Pflege (20 Stunden) beträgt inklusive Wochenend- und Nachtdienstzulagen ca. 870 Euro.  Eine Sekretärin verdient bei weit weniger körperlicher Anstrengung und regelmäßigen Arbeitszeiten ein Drittel mehr- auch hierbei wäre die Offenlegung der Gehälter absolut wünschenswert. Diese Art der Bezahlung erklärt unter anderem, warum sich sehr wenig Männer (jedoch zahlreiche Zuwanderer) in der Pflege befinden – und wenn, dann erklimmen sie rascher die Führungspositionen.

Zum Teil sind Beschäftigte in der Pflege an diesem Dilemma selbst schuld. Bis heute gibt es keine bundeseinheitliche, rechtlich und gesetzlich anerkannte berufliche Vertretung (Kammer) in Österreich.  Eine im vergangenen Frühjahr von Franz Allmer ins Leben gerufene Bürgerinitiative zur Gründung einer  Pflegekammer  hat bisher keine Früchte getragen. Wie weit es auch das Interesse der Ärztekammer ist, dass eine selbstbewusste Pflege die Gesundheitsversorgung in Österreich neu ausrichten könnte (mehr Prävention und Gesundheitsförderung, die ein eigenständiges Gebiet der Pflege ist- anstatt hochtechnisierter Apparatemedizin), bleibt dahingestellt.

Bei der zu erwartenden demografischen Entwicklung ist unbedingt anzudenken, wie man einen Beruf, der seit Jahrzehnten unter Mangel an Nachwuchskräften leidet, attraktiver gestalten kann. Ansonsten stellen sich  Fragen wie:  warum wird ein Beruf, der derart gebraucht wird, immer mehr von Zuwanderern ausgeübt? Sind Demenz, Depression und ADHS (Aufmerksamdefizitsyndrom) nicht auch eine Antwort von Menschen, die sich in eine Welt zurückziehen bzw. schaffen, weil Menschsein in allen Stadien (Kinder, Jugendliche, Alte) nicht nur als Kostenfaktor gesehen werden kann?

[ursprünglich erschienen in: Augustin, Nr.282 von 22.9-5.10.2010]

 

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

5 Antworten zu “Patientenwaschgeschwindigkeit. Warum der Pflegeberuf unattraktiv ist – und was sich ändern müsste

  1. Max

    Pflege ist eines der großen Zukunftsberufe und wir werden wahrscheinlich fast alle, eines Tages Hilfe von einer Pflegekraft benötigen. Sie werden wichtiger sein als Ärzte und Krankenschwestern. Sie müssen daher auch sehr gut bezahlt werden, denn wenn das nicht zutrifft, sparen wir an uns selbst in einem Stadium, wo wir hilflos sein werden.

  2. Isabella

    Überall wird geklagt das es zu wenig Pflegepersonal gibt.
    Ich fange ab nächsten Monat eine Ausbildung in der Pflege an.
    Mir wird jedoch weder vom AMS, von Stiftungen oder vom Arbeitgeber
    in keinerleiweise geholfen. Da ich in einem Dienstverhätniss stehe fühlt sich das AMS für mich nicht zuständig und wenn ich kündigen würde un d arbeitslos wären dann würde ich zu hören bekommen das ich im Gastgewerbe gut vermittelbar bin und Sie mir deshalb leider nicht helfen können…

  3. chris

    Nach 15 Jahre im Pflegeberuf ist auch meine Belastbarkeit am Ende.Ich arbeitete selbst in einer Führungsposition in der Pflege. Es ist unvorstellbar welche Missstände heute in der Pflege herrschen.Es wird Qualität am Papier angehoben das in der Praxis aber nicht durchführbar ist.Der Diplomierten Anteil wird lt. Gesetz reduziert.Pflegeausbildungen (PH,HH) sind auf teilweise auf niedrigen Ausbildungsstand.Wie lässt es sich erklären das es sehr viele für den Pflegeberuf ungeeignete Pflegepersonen gibt.Arbeitsanforderungen werden immer mehr und der Mensch steht schon lange nicht mehr im Mittelpunkt. Wichtger sind Pflegedokumentation,Richtlinien,Standards geworden.Wir müssen aufpassen das wir den eigentlichen Auftrag der Pflege nicht verlieren und das wir nicht im Papier nicht ersticken. Sicher ist die Dokumentation ein wichtiger Aspekt der nicht zu vernachlässigen ist.! Im Pflegeberuf sind Körperliche,Psychische Belastungen extrem angestiegen weil auch die Angehörigen sehr hohe Erwartungen haben.Diese können nicht erfüllt werden weil ständig zu wenig Personal vorhanden ist. Bin selbst aus der Führung gemoppt worden weil ich zu viel Verständnis für mein Personal hatte.
    Ich versucht die Belastungen zu minimieren und Hilfestellung in allen Bereichen zu geben. Es wundert mich nicht wenn Pflegepersonen das Handtuch werfen und sich Beruflich anders Orientieren. Unzumutbare Zustände wie z.B Nachtdienste für 40 und mehr Heimbewohnern und das alleine.(Qualität?) 10 Patienten/Heimbewohner für 1 Pflegeperson im Tagdienst?? Ausbeutung ohne Ende…….Es kann sich niemand vorstellen was es heißt 11 Stunden Dienst zu tätigen.Wer in der Pflege arbeitet ist arm. Liebe Politiker! Bitte tut etwas …………………sonst Pflegen euch selbst mal Leute die auf eure Bedürfnisse nicht eingehen oder nicht verstehen können.

  4. Da sieht man, dass es auf den Schulen schon nur auf Schnelligkeit und „Technik“ ankommt, anstatt sich um den Pflegebedürftigen richtig zu kümmern, ihm zuzuhören und sich ein bisschen Zeit für ihn zu nehmen. Erschreckend!
    Wundert mich nicht, dass das immer weniger Leute machen wollen. Für mich erfüllen diese Anforderungen nicht die Kriterien eines Pflegers. Ich wollte so nicht behandelt werden!

    LG,
    Moni von Krankenpfleger

  5. MagicMav

    JAJA die lieben Politiker…
    glaubst nicht das die genug Geld haben um sich eine 24 Stundenpflege in ihrer Villa leisten zu können? Die bekommen etwas mehr als ein Maurer oder Pfleger der sein ganzes Leben damit zugebracht hat schwer und engagiert zu arbeiten. z.b.: Mein Großvater bekommt 300€ Pension für 43 Jahre als Maurer bzw. Polier ^^
    Die gemeine Bevölkerung wahr schon immer versklavt und wirds auch immer bleiben. Reichtum-Armut-Krieg-Armut-Reichtum. AND SO ON:
    Das ist die Menschheit XDDD Menschlich und so XDDD

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