Gesundheitspolitscher Nonsens

Wiener Zeitung, 5. 10. 2011, 3

Rezeptblock von Ernest G. Pichlbauer

Niemand, der politische Ansagen kritisch hinterfragt, niemand, der Akteure zwingt, perverses Schönreden einzustellen und reale Reformen umzusetzen.

In den „Pinzgauer Nachrichten“ wird ein wohl nicht ganz unpolitisch agierender Mitarbeiter des seit lahren von der Schließung bedrohten Mittersiller Spitals zitiert: „Das Krankenhaus ist gut unterwegs. Das belegt eindrucksvoll die Statistik der ersten acht Monate 2011. Die Belagstage wurden im Vergleich zu 2010 um mehr als 15 Prozent gesteigert.“ Aha! Offenbar ist die Qualität der Versorgung dadurch belegbar, dass Spitäler ihre Auslastung steigern. Komisch, irgendwie sehen andere hinter hohen Auslastungszahlen sinnlose Aufenthalte. Daher zählen sie „vermeidbare Spitalsaufenthalte“, mit dem Ziel, Ansätze zu finden und diese zu senken – weil sie der Ansicht sind, dass weniger mehr ist. Aber die haben halt keine Ahnung, worum es geht, und wir das weitbeste Spitalswesen.

In einem Interview mit der „Presse“ erklärt Ärztekammerpräsident Walter Dorner: „Die Krankenversicherungsbeiträge wurden seit zehn lahren nicht mehr erhöht. Ich fordere aber schon wegen der Inflation eine Anhebung um zwei bis drei Prozent.“ Aha! Offenbar entwertet die Inflation das Geld im System. Komisch, aber andere sehen das wohl anders. Krankenversicherungsbeiträge sind als Prozentsatz fixiert, daher würde diese Ansage bedeuten, dass diese nun statt wie aktuell etwa sieben eben neun bis zehn Prozent des Bruttolohns betragen sollen; wie das mit der Inflation zusammenhängt, erschließt sich nicht. Und dass die Gesundheitsausgaben, die zu den höchsten der Welt zählen, schneller steigen als die reale, also inflationsbereinigte Wirtschaftsleistung, deutet auch auf etwas anderes hin, als“ dass die Inflation hier einen erodierenden Effekt hätte.

Aber die, die so denken, haben keine Ahnung, worum es geht. Deshalb werden die präsidialen Aussagen stehen bleiben und vermutlich auch Applaus ernten – in den eigenen Reihen. Sozialminister Rudolf Hundstorfer wiederum erklärt, „dass der Ist-Zu-stand im Pflegewesen in Österreich ein sehr guter“ sei. Österreich sei beim Pflegegeld „Weltmeister“, nirgendwo würden so viele Personen Pflegegeld beziehen wie bei uns. Aha! Offenbar ist auch hier Quantität ein Beweis für Qualität – und je mehr Menschen pflegebedürftig sind – Pflegegeld erhält nur, wer pflegebedürftig ist, wenigstens theoretisch -, desto besser ist das Pflegewesen.

Komisch, irgendwie sehen das andere anders. Schließlich sind Pflegeprävention und geriatrische Rehabilitation international keine hohlen Phrasen und die dahinter stehenden Programme dazu gedacht, Menschen so selten und spät wie möglich pflegebedürftig werden zu lassen. Aber die haben halt alle keine Ahnung, worum es geht, weil wir die Weltmeister sind. Ach ja, Weltmeister: Wer erinnert sich nicht an das medial verbreiterte Programm Maria Rauch-Kallats (erstellt 2006 vor der Wahl, eingestellt 2006 nach der Wahl), das uns mit Zielen bis 2010 zu „Gesundheitsweltmeistern“ machen sollte? Kleiner Trost: Es gibt nichts Vergänglicheres als politische Ansagen – das gibt Hoffnung und lässt es fallweise ertragen, das erschütternd niedrige Niveau der Gesundheitspolitik und die Tatsache, dass niemand da ist, der diesen Narreteien ein Ende setzt. Mehr leider auch nicht.

rezeptblock@wienerzeitung.at;

Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter:

http://www.wienerzeitung.at/rezeptblock

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