Kassenpatienten warten länger

Salzburger Nachrichten, 25. 8. 2011, 3

Große Unterschiede. Die Wartezeiten auf eine Graue-Star-Operation liegen je nach Spital oder Versicherung zwischen vier und 40 Wochen.

Wer eine private Zusatzversicherung hat, bekommt in der Regel für nicht akute Operationen schneller einen Termin als ein Kassenpatient. Das hat eine Umfrage des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) zu Wartezeiten in heimischen Spitälern ergeben. Auf die Frage einer anonymen Testperson, ob sie mit einer Privatversicherung rascher einen Termin bekommen könnte, boten 18 von 29 Einrichtungen mit Augenabteilungen eine teils deutliche Verkürzung der Wartezeiten an. Vier Spitäler machten sogar ein besonderes Angebot: Die Wartezeit könnte sich verkürzen, wenn vor dem Eingriff ein Besuch in der Privatordination des Primars erfolge, hieß es – gegen entsprechende privat zu begleichende Kosten.

Bei der parallel dazu erfolgenden offiziellen Anfrage des VKI waren die Spitäler wesentlich zurückhaltender. Zehn verweigerten die Auskunft überhaupt.

Hintergrund der Untersuchung: 2012 soll eine Gesetzesnovelle in Österreichs Spitälern eine auch für Patienten transparente Vergabe von OP-Terminen bei planbaren Eingriffen – etwa dem Einsetzen eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenks – sorgen.

Bundesländer-Unterschiede

In der Umfrage ging es konkret um die einfache Kataraktoperation (Grauer Star), die mit rund 58.000 Eingriffen pro Jahr die österreichweit häufigste Operation ist. Für den Austausch einer getrübten Linse durch eine künstliche ist nur ein äußerst kurzer Spitalsaufenthalt vonnöten – die Operation kann sogar ambulant durchgeführt werden.

Die Erhebung ergab aber nicht nur enorme Unterschiede bei den Wartezeiten von Privat- und „Normal“-Patienten, sondern auch zwischen einzelnen Krankenhäusern: Sie betragen je nach Patient und Ort zwischen zwei und 40 Wochen.

In vier Kliniken (Barmherzige Brüder Linz, Allgemeines KH Linz, KH Hietzing, KH der Barmherzigen Schwestern in Ried) hätten demnach Kassenpatienten maximal fünf Wochen auf einen Eingriff warten müssen. Die längsten Wartezeiten ergaben sich bei den Barmherzigen Brüdern Wien, beim Klinikum Klagenfurt, beim Landesklinikum Wiener  Neustadt sowie beim KH Zams. Hier müssten die Patienten die längste Wartezeit – also rund zehn Monate – in Kauf nehmen, so der VKI.

Auch bundesländerweise gibt es eine unterschiedliche Handhabung: „Während die Kataraktoperation etwa in der Augenklinik Innsbruck für nicht dringliche Fälle vier bis sieben Monate beträgt, werden im LKH Graz drei bis sechs Monate als angemessen betrachtet“, schreibt der VKI.

Dänen halbierten Wartezeit

Übereinstimmend wird dazu regelmäßig von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger festgestellt, dass eine Privatversicherung für den Versicherten in Spitälern eine bessere „Hotelkomponente“ (Ein- oder Zweibettzimmer, Essen etc.) betreffen könnte, nicht aber die medizinische Versorgung. Rechtlich gibt es allerdings keinen ganz eindeutigen Passus, der festlegt, dass Privatpatienten nicht medizinisch bessergestellt werden dürfen, wie die Konsumentenschützer kritisieren.

In Dänemark, wo seit 2007 das Gesundheitssystem radikal reformiert wurde, hatte man sich etwas Besonderes überlegt, um die OP-Wartenzeiten für Patienten zu verkürzen: Nicht akuten Patienten wurde die Zusage gemacht, dass sie sich nach Abwarten einer bestimmten Frist auf öffentliche Kosten in Privatspitälern operieren lassen könnten. Das hat die Wartelisten schnell halbiert, wie der früherer dänische Gesundheitsminister Jakob Axel Nielsen dieser Tage in Alpbach ausführte.

Der Reformbedarf ist riesig

ALPBACH (SN). Eine grundlegende Reform des österreichischen Gesundheitswesens ist dringend notwendig, aber wenig wahrscheinlich. Zu diesem Ergebnis kamen Experten und Politiker bei den diesjährigen Gesundheitsgesprächen im Tiroler Alpbach. Wobei die Experten für das „dringend notwendig“ zuständig waren, die Politiker für das „wenig wahrscheinlich“.

Der Problemaufriss der Experten umfasste im Kern folgenden vier Punkte:

Die Patienten haben zu wenig Kostenbewusstsein und Eigenverantwortung. Beides könnte nur durch Selbstbehalte hergestellt werden. „Fehlverhalten oder positives Verhalten bleiben für den Patienten finanziell weitgehend ohne Konsequenz“, kritisierte ein Diskutant in Alpbach. Die Folge ist eine Selbstbedienungsmentalität. Die Obfrau der Unfallversicherung AUVA, Renate Römer: „Die Tatsache, dass ich eine Feuerversicherung habe, berechtigt mich nicht dazu, das Haus anzuzünden“ Die Österreicher liegen zu viel im Spital. „Wir haben 29 Spitalsaufenthalte pro 100 Einwohner und Jahr“, sagte Josef Probst, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbands. „Da wirst ein Schwammerl! In Europa sind es durchschnittlich 17,8 Spitalaufenthalte.“

Die Österreicher gehen zu oft in die teuren Spitalsambulanzen. Wobei die Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse, Ingrid Reischl, die Patienten in Schutz nahm. Nur zehn Prozent kämen von sich aus in die Ambulanzen, der Rest mit ärztlicher Überweisung. Reischl: „Spitäler und niedergelassener Bereich hebeln sich gegenseitig hoch.“

Die Finanzierung des Gesundheitswesens ist völlig intransparent. Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) sprach sich deshalb in Alpbach für eine bundesweite Rahmenplanung der ärztlichen Versorgung aus. Die konkreten Entscheidungen sollten dann die Länder treffen.

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