Nicht reagieren gefährdet unsere Gesundheit

Salzburger Nachrichten, 25. 8. 2011, 1

Zimmermann, Maria

Großbaustelle Gesundheitsreform: Damit endlich etwas weitergeht, werden alle Beteiligten Macht abgeben müssen.

MARIA ZIMMERMANN

Der frühere dänische Gesundheitsminister Jakob Axel Nielsen brachte es in Alpbach auf den Punkt: Nimmt der Staat die Debatte über Finanzierungsprobleme nicht ernst, stehen unsere Grundwerte – etwa der, dass jeder den gleichen und freien Zugang zu Spitälern hat – auf dem Spiel. „Ernst nehmen“ aber heißt verändern, wo Strukturen sich ver-selbstständigt haben und ohne Nutzen für die Patienten Milliarden verschlingen.

Dänemark – skandinavischer Vorzeige-Wohlfahrtsstaat mit 5,5 Mill. Einwohnern – nahm diese Debatte bereits vor Jahren ernst. Die Hälfte der 40 Akutspitäler wurde geschlossen, der niedergelassene Bereich ausgebaut, um die Qualität der Versorgung und die Nähe zum Patienten zu sichern. Nielsen hatte dafür das Pou-voir erhalten, die vernünftigsten Expertenvorschläge umzusetzen.

Auch im Acht-Millionen-Land Österreich ist der Reformbedarf enorm – wenn auch niemand das Schließen von 80 der 160 öffentlichen Krankenhäuser fordert. Doch die Spitalskosten explodieren, die Staatskasse aber ist leer.

Der Befund, woran das Gesundheitswesen krankt, liegt seit Jahren auf dem Tisch: Kommen in Österreich auf tausend Einwohner sechs teure Akutbetten, sind es im EU-Schnitt nur drei – dafür mangelt es an Pflegebetten. Weil Länder und Kassen ihre Bereiche eifersüchtig hüten, gibt es zwischen Spitälern und niedergelassenen Ärzten keine Naht-, sondern eine Schnittstelle. Daher sind Doppelbefundungen die Regel und zu viele Menschen laufen in die Ambulanzen, statt erst Haus- oder Facharzt zu konsultieren. Zudem landet die Hälfte der verschriebenen Medikamente im Müll, weil ein Medikamentenmanagement fehlt.

Das alles kostet Geld. Fachleute weisen auch daraufhin, dass die Behandlungsqualität in einem Spital, in welchem ein Eingriff 100 Mal im Jahr erfolgt, besser ist als in einem, wo er nur drei Mal pro Jahr durchgeführt wird. Trotzdem werden munter neue Kleinspitäler gebaut.

So wird Jahr für Jahr weiter Geld in ineffiziente Strukturen gepumpt – weil Landespolitiker politisches Kleingeld machen, weil Bundespolitiker nicht den Mut haben, Reformschritte zu setzen, weil Ärztekammer oder Sozialversicherung aufschreien. – Ja, unser Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt. Damit das so bleibt, werden alle Macht abgeben müssen. Das sind schlechte Aussichten für Reformen – und damit schlechte Aussichten für uns Patienten.


Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesundheits-News

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s