Das Skalpell sitzt oft zu locker

Böhmer, Christian, Kurier, 25. 8. 2011, 15

Diskussion

Auch in Österreich wird zu viel operiert, kritisiert eine Gruppe deutscher Ärzte. Sie wollen heimische Patienten beraten.

VON CHRISTIAN BÖHMER, GABRIELE KUHN, ERNST MAURITZ

„In Deutschland, aber auch in Österreich wird zu viel operiert.“ Mit dieser Aussage hat der pensionierte Heidelberger Knie-Spezialist Hans Pässler eine Diskussion ausgelöst. Er hat ein „Zweitmeinungsportal“ im Internet gestartet: Interessierte Patienten können ihre Röntgenbilder und Laborbefunde einschicken, außerdem einen umfangreichen Fragebogen. Einer von derzeit 16, zumeist seit Kurzem pensionierten, Spezialisten erstellt dann ein Gutachten – um 200 bis 600 Euro. Gegenüber dem KURIER gab Pässler jetzt erstmals bekannt, dass auch Österreicher diese Plattform nutzen können.

„Ganz grob gesprochen ist beim Knie etwa jeder zweite operative Eingriff nicht notwendig. Durch das Einholen einer zweiten Meinung konnte eine deutsche Krankenkasse die Zahl der

Eingriffe am Knie um 40 Prozent senken.“

Großes Lob für die deutsche Initiative kommt von Hans Jörg Schelling, dem Vorsitzenden im Hauptverband der Sozialversichungsträger.

„Alles, was mehr Transparenz ins Gesundheitssystem bringt, ist zu begrüßen“, sagt Schelling zum KURIER.

Unerklärlich / Schelling vermutet, dass auch in Österreich mitunter zu viele operative Eingriffe vorgenommen werden: „Unsere internen Zahlen zeigen, dass es beispielsweise bei Katarakt-Operationen (grauer Star, Anm.) auffallende Schwankungen zwischen einzelnen Regionen bzw. Spitälern gibt. Wieso ist die Zahl der Katarakt-OPs in manchen Regionen um 30 Prozent höher als anderswo? So unterschiedlich kann der Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung doch nicht sein.“

Ähnlich der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer: „Es ist hinlänglich bekannt, dass wir in unseren Spitälern zu viel operieren.“ Das liege aber am System selbst: „Jedes Spital kämpft um seine Rechtfertigung und Existenz. Und ein Mittel ist, ausreichend viele Eingriffe vorweisen zu können.“

Nun sei es zwar nicht so, dass die Operationen generell schädlich seien: „Ich will niemandem unterstellen, dass er Patienten vorsätzlich schadet. Allerdings ist unser Gesundheitssystem darauf ausgerichtet, sich möglichst früh für eine OP zu entscheiden.“

Als Beispiel bringt Pichlbauer die Arthroskopien. „Wir schauen unglaublich oft und schnell ins Knie. Der therapeutische Nutzen bleibt dabei aber vielfach zu hinterfragen.“

„Außerdem müssen die Ärzte und Spitäler auf Mindestfallzahlen kommen, um Richtlinien einzuhalten“, sagt der frühere Chirurgie-Primär Franz Stöger. „Deshalb sind große Zentren besser als viele kleine Spitäler.“

Prim. Josef Hochreiter, Präsident der Gesellschaft für Orthopädische Chirurgie, weist die Kritik zurück: „Es wird sicher nicht zu viel operiert. Ein guter Arzt hat zunächst eine Hypothese, die sich dann durch weitere Untersuchungen bestätigt oder nicht.“ Davon hänge auch ab, ob eine Operation gerechtfertigt sei. Darüber hinaus gebe es einen ständigen Wandel in der Chirurgie, was sinnvoll sei oder nicht. „Wir wissen heute, dass die ,Knie-Toilette‘ (das Knie wird ausgespült, der Knorpel geglättet, Anm.) keinen Langzeiteffekt hat. Dafür erleben andere Verfahren – etwa die Hüftarthroskopie – einen Aufschwung, weil sie einen Effekt zeigen.“

Hochreiter sieht die neue Internet-Plattform sehr skeptisch: „Das führt nur zu einer Verunsicherung der Patienten.“ Für Prim. Rudolf Roka, Präsident der Gesellschaft für Chirurgie, ist – ebenso wie auch für Hochreiter – eine Ferndiagnose unzulässig: „Man muss sich ein gesamtheitliches Bild des Patienten machen.“ Überdies würden die Kosten von 200 bis 600 Euro pro Zweitmeinung zu einer Zwei-Klassen-Medizin führen.

„Nichts Schlechtes“ / Grundsätzlich sei aber ein Zweitmeinungssystem nichts Schlechtes, sagt Roka. „Auch bei weniger wesentlichen Dingen im Alltag verlässt man sich selten auf nur eine Meinung. Das System muss nur so gestaltet sein, dass es zu keiner Verunsicherung führt.“ In der Onkologie gehe der Trend bereits in die Richtung, dass Ärzte verschiedener Fachrichtungen in „Tumorboards“ gemeinsam über die Behandlung entscheiden: „Einsame Entscheidungen sind zumindest bei anspruchsvollen Tumorerkrankungen nicht mehr zulässig.“

Wichtig sei bei der ärztlichen Aufklärung „ein faires Gespräch über alle Für und Wider“ eines Eingriffs.

Der österreichische Schulterspezialist Rudolf Reschauer, u. a. früherer Leiter der Unfallchirurgie im AKH Linz, gehört zu den Experten der neuen Plattform: „Als Gutachter erlebe ich häufig, dass Patienten sagen: ‚Hätte ich gewusst, dass es diese oder jene Komplikation geben kann, hätte ich dem Eingriff nicht zugestimmt‘. Wir wollen uns sicher nicht in die Therapie einmischen, sondern den Patienten ergänzende Informationen und Hilfe anbieten.“

http://www.vorsicht-operation.de

Eingriffe mit großen Nachteilen

Nachgefragt

Univ.-Prof. Martin Friedrich, Leiter der Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie am Krankenhaus Speising, über unnötige Operationen,

KURIER: In Deutschland behaupten Chirurgen, es werde zu oft operiert – u. a. an der Wirbelsäule. Ist das in Österreich auch so?

Univ.-Prof Friedrich: Diesen Eindruck habe ich definitiv. Globalisieren und verallgemeinern darf man zwar nie, aber es ist schon so.

Was sind die Ursachen für den Griff zum Skalpell? Das hängt auch mit der Ausbildung zusammen. Kein Vorwurf – aber wer in die chirurgische Richtung ausgebildet ist und von den anderen Methoden (z. B. interventionelle Schmerztherapie) weniger weiß, wird natürlich versuchen, diesen Weg zu gehen.

Mit welchen Folgen für die Patienten?

Das kann große Nachteile haben. Speziell im Bereich der Kreuz-Operationen gibt es überdurchschnittlich viele Fehlschläge, wo es entweder zu keiner Besserung oder gar zu einer Verschlechterung kommt. Da sind die Erfolge nicht da. Diese Patienten sind arm, die landen dann bei uns – das ist keine leichte medizinische Aufgabe.

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