„Nach dem Studium wird man ins Leere geworfen“

Pechar, Brigitte: „Nach dem Studium wird man ins Leere geworfen“. Wiener Zeitung, 5. 8. 2011, 5.

Von Brigitte Pechar

Erfahrungen österreichischer Medizin-Absolventen.

„Für eine Praxis wird man gar nicht ausgebildet.“

Wien. „Nach dem Medizinstudium wird man in Österreich ins Leere geworfen“, sagt Philipp Stix (32). Er absolviert gerade seine Ausbildung zum Facharzt der Psychiatrie in der Schweiz. Warum er sich für eine Berufsausbildung im Ausland entschlossen hat, kann er sehr genau sagen: „In Österreich wird man als Neueinsteiger in die Medizin nicht gefördert. Die Ausbildung hat keinen guten Ruf.“

Allen Nicht-Wienern, die nach dem Studium ins Ausland gehen, ist gemeinsam: Es gibt in Wien nur Spitalsausbildungsplätze für Wiener. Absolventen aus anderen Bundesländern sind praktisch chancenlos. Außerdem liegen die Wartezeiten bei zwei bis drei Jahren. Sabine Leitner (Name geändert, 31) kann den schlechten Zustand der postgradualen Ausbildung in Österreich aus eigener Erfahrung bestätigen. Sie war nach dem Medizin-Abschluss (2007) ein Jahr in Schottland. Den Ausbildungsplatz hatte sie noch vor ihrem Abschluss zugesagt bekommen. „Ich habe in Schottland in einem Jahr drei Mal die Abteilung gewechselt und hatte dort immer einen Ansprechpartner.“ Der habe sich erkundigt, wie die Arbeit für sie sei und ob sie selbst Verbesserungsvorschläge hätte. „Ich hatte in Schottland von Anfang an Kontakt mit Patienten, konnte selbständig arbeiten und Verantwortung übernehmen“, sagt Leitner. Nach einem Jahr hat sie ihre Ausbildung in Linz fortgesetzt – aus privaten Gründen. Der Unterschied zu Großbritannien war augenfällig: „Man verbringt viel Zeit mit Infusionen anhängen, Briefe schreiben und so weiter. Aber man hat keine Ahnung, warum der Patient eine bestimmte Untersuchung erhalten soll. Es gibt keine Betreuung.“

Dass die Mediziner-Ausbildung anderswo ernst genommen wird, bestätigt auch Stix. „Das Ausbildungsklima in der Schweiz ist gut, die Betreuung bestens und auch die Bezahlung“, sagt er. Aber dafür sei auch das Leben in der Schweiz viel teurer – und es mangle an Urbanität. Deshalb wechselt Stix im Herbst, nachdem er drei Jahre Facharztausbildung absolviert hat, nach Wien zurück. Denn jetzt kann er seine Facharztausbildung auch hier fortsetzen – weil er bereits Erfahrung hat. Ansonsten ist der übliche Weg, zuerst den sogenannten Turnus für die Allgemeinmedizin zu machen und erst dann die Facharztausbildung zu beginnen.

Und dort scheint die Betreuung besser zu sein. Das bestätigt auch Leitner. Sie hat in Salzburg eine Ausbildung als Anästhesistin begonnen. „Hier fühle ich mich wohl. Die Facharztausbildung läuft schon ganz anders.“ Aber nach dem Turnus hätte sie niemals eine Praxis als Allgemeinmedizinerin eröffnen können. „Für eine Praxis wird man gar nicht geschult. Eine Praxis nach der Allgemeinmedizinerausbildung zu eröffnen, wäre für mich jedenfalls verantwortungslos gewesen“, sagt Leitner.

Sowohl Leitner als auch Stix haben ihr Medizin-Studium noch vor Einführung der Medizin-Aufnahmetests begonnen. „Uns wurde immer nur gesagt, es gebe danach keine Jobs, die Ausbildung sei lang und uns wurde suggeriert, wir werden gar nicht gebraucht, weil wir zu viele seien. Und die Betreuung an der Uni war demzufolge schlecht.“

Das dürfte sich mit dem Aufnahmeverfahren geändert haben. Denn Philipp Goriupp (24) fühlt sich an der Uni gut betreut. Er hat zwar erst sein halbes Studium hinter sich, dennoch weiß er schon jetzt, dass er danach eine Facharztausbildung für Innere Medizin im Ausland absolvieren will. In Deutschland, sagt Goriupp, erhalte man sehr rasch eine Assistenzarztstelle, in Österreich müsse man nach dem Studium Hilfsarbeiten leisten.

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