Viele neue Ärzte braucht das Land

Pechar, Brigitte: Viele neue Ärzte braucht das Land. Wiener Zeitung, 5. 8. 2011, 4f.

Nach zehnjähriger Debatte ist die Reform der Ärzteausbildung auf gutem Weg – Mehr Praxis für Allgemeinmediziner

Von Brigitte Pechar

Streit um Finanzierung der Ausbildung in Lehrpraxen. Allgemeinmediziner sollen Fachärzte werden. Reform könnte langfristig Kosten des Systems senken.

Wien. „Wenn es heuer nicht gelingt, eine Einigung über die Reform der Ärzteausbildung zu schaffen, dann wird das ein Begräbnis erster Klasse.“ So schätzt der oberösterreichische Ärztekammerpräsident Peter Niedermoser die derzeitige Situation ein. Und dann könnte in zehn Jahren ein veritabler Mangel an Allgemeinmedizinern über Österreich hereinbrechen.

Es geht vor allem darum, den sogenannten Turnus (postgraduale Ausbildung an den Spitälern) zu verbessern. „Turnusärzte dürfen nicht als Sklaven behandelt werden“, sagt Ärztekammer-Präsident Walter Dorner. Die Ärztekammer hat ein großes Interesse daran, die Ärzteausbildung zu reformieren und vor allem den Allgemeinmedizinern eine bessere Qualifikation und damit einen höheren Stellenwert innerhalb der Profession zu verschaffen.

Denn derzeit schließen die Allgemeinmediziner nach dem dreijährigen Turnus ab, die Fachärzte machen in der Regel erst im Anschluss daran ihre sechsjährige Facharztausbildung. Allerdings werden die Allgemeinmediziner im Spital für die Praxis gar nicht ausgebildet.

„In österreichischen Spitälern werden Turnusärzte als billige Arbeitskräfte gesehen. Sie hängen Flaschen an, nehmen Blut ab, nehmen Patienten auf“, sagt Gesundheitsexperte Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien. „Turnusärzte erledigen den Papierkram.“ Die Ausbildung müsse sich radikal ändern, fordert der Experte – und das am besten sofort. Denn das Gesundheitswesen werde nicht billiger. „In den nächsten 20 Jahren laufen uns die Kosten davon“, gibt Czypionka zu bedenken. Dagegen hätte man schon vor zehn Jahren ankämpfen müssen.

So lange wird nämlich um eine neue Ärzteausbildung bereits gerungen. Im Gesundheitsministerium entschuldigt man die lange Verhandlungsdauer mit den divergierenden Interessen der Beteiligten. Aber Gesundheitsminister Alois Stöger hat eine Arbeitsgruppe dazu eingerichtet. Vertreter der Ärztekammer, der Länder und der Krankenkassen arbeiten Vorschläge aus, der Endbericht soll im Herbst vorliegen.

Auch im Wissenschaftsministerium gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Verbesserung der universitären Ausbildung beschäftigt. „Gerade auch in Hinblick auf andere Länder müssen wir an der Weiterentwicklung der universitären Ärzteausbildung arbeiten. Nur so bleiben wir wettbewerbsfähig“ , erklärte dazu Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Derzeit feilt die Gruppe am Endbericht. Ein Aspekt dabei ist eine Verstärkung der klinisch-praktischen Ausbildung. Denn in zahlreichen anderen Ländern gibt es bereits ein klinisch-praktisches Jahr, das noch mehr Praxisorientierung bietet.

Oberösterreichs Ärztekammerpräsident Niedermoser ist in der Arbeitsgruppe des Gesundheitsministeriums, die sich mit der postpromotionellen Ausbildung befasst. „Wir sind uns in vielen Dingen schon sehr nahe. Nach einer zehnjährigen Debatte könnte es jetzt klappen“, zeigt er sich zuversichtlich. Als einen noch offenen Punkt nennt Niedermoser die Ausbildung der Jungärzte in einer Lehrpraxis. Mindestens ein Jahr sollen angehende Allgemeinmediziner dort lernen. Der Streit geht darüber, wer diese Ausbildung bezahlen soll. Aus Sicht der Ärztekammer können die Ausbildungskosten nicht von den Ärzten alleine getragen werden. „Da haben die Sozialversicherung, der Bund und die Länder Verantwortung zu übernehmen“, sagt der Ärztevertreter.

Die Lehrpraxis ist für die Ärzteschaft zentraler Bestandteil einer Ausbildungsreform, und sie wird auch von der Wissenschaft unterstützt: „Dort werden die Jungmediziner mit den alltäglichen Gegebenheiten konfrontiert. Die Ausbildung ist viel breiter als in einem Krankenhaus. Die Praxis in der Praxis muss ein stärkeres Gewicht bekommen“, sagt Czypionka. Denn immerhin arbeiten 90 Prozent der ausgebildeten Allgemeinmediziner in einer Praxis. Nur wenige bleiben im Krankenhaus als Stationsärzte. In manchen Ländern Europas gebe es im niedergelassenen Bereich (also außerhalb der Spitäler und Kliniken) nur Allgemeinmediziner – etwa in Spanien, England oder Schweden.

Laut Niedermoser könnte die Ärzteausbildung in Zukunft so aussehen:

• Medizinstudium – keine Approbation gleich nach dem Studium.

• Daran anschließend ein praktisches Jahr für alle an einer Klinik.

• Entscheidung für fünfjährige Ausbildung zum Facharzt als Allgemeinmediziner oder zu einem Sonderfacharzt. Allgemeinmediziner müssen ein Jahr in einer Lehrpraxis absolvieren.

• Insgesamt darf die Facharztausbildung nur sechs Jahre dauern.

Für die Allgemeinmediziner verlängert sich damit ihre Ausbildung. Allerdings haben sie dann den Vorteil, dass sie Gleiche unter Gleichen sind und innerhalb der Profession ernst genommen werden. Der Hausärzteverband fordert aus diesen Gründen schon lange eine Facharztausbildung.

Wichtig ist Niedermoser, dass die Vielzahl an arztfremden Tätigkeiten in der Ausbildung wegfällt. „Wir müssen weg vom Computer, hin zu den Patienten kommen“, sagt er.

Die bessere Ausbildung hat für den Gesundheitsökonomen Czypionka aucheinen sehr profanen Hintergrund. Allgemeinmediziner, die ihre Patienten an Ort und Stelle versorgen, sparen dem monetär angeschlagenen Gesundheitssystem auf längere Zeit Geld. Zwar würde die neue Ausbildung das System kurzfristig verteuern, aber auf lange Sicht nimmt es den Kostendruck heraus. Denn entscheidend sei die Erstbetreuung. Wenn diese qualitativ hochwertig sei, könnte das Spätfolgen verhindern und damit Kosten sparen.

Aber noch ein weiterer Aspekt spricht für eine möglichst rasche Reform: Österreich könnte ein Ärztemangel drohen. Zahlen dazu gibt es noch nicht. Die Gesundheit Österreich GmbH erstellt derzeit eine Ärztebedarfsstudie, die im Herbst vorliegen soll. Dennoch gibt es Erfahrungswerte. Niedermoser berichtet etwa, dass das durchschnittliche Alter der Allgemeinmediziner in Oberösterreich bei 56 Jahren liegt. „In zehn Jahren gehen viele Kollegen in Pension, und es fehlt der Nachwuchs.“

Czypionka sieht das ähnlich. „Mittelfristig sehe ich keinen Ärztemangel, aber langfristig könnte das der Fall sein.“ Er macht dafür die schlechten Ausbildungsbedingungen an den Spitälern verantwortlich. Jene Studierenden, die bereits einen Aufnahmetest für die Uni absolviert haben, sind es gewohnt, besser betreut zu werden. Sie sind leistungsorientiert und karrierebewusst, und sie fordern eine bessere Betreuung ein. Auch die Mobilitätsbereitschaft sei sehr viel höher, sagt Czypionka.

Viele Jungmediziner gehen jetzt schon nach dem Studium ins Ausland. Es gibt dafür aber keine profunden Zahlen. 2500 österreichische Ärzte arbeiten in Deutschland, 285 in Großbritannien (in beiden Fällen sind das nicht nur Jungärzte), in Dänemark sind etwa 30 Turnusärzte aus Österreich, nach Schweden gehen jährlich 5 bis 10, in der Schweiz haben allein heuer 41 österreichische Ärzte begonnen.

„Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass der Arbeitsmarkt nicht Österreich, sondern zumindest der deutschsprachige Raum ist“, gibt Czypionka zu bedenken. Österreich könne sich nicht mehr auf den Standpunkt stellen, „wir produzieren für den eigenen Bedarf. Diese Zeiten sind vorbei.“ In Zukunft könnten noch viel mehr Uni-Absolventen Österreich verlassen. Denn in Deutschland oder der Schweiz fänden die Jungmediziner bessere Arbeitsbedingungen.

Mängel in der postpromotionellen Ausbildung sieht Czypionka auch im kulturellen Bereich. „Bei uns ist es nicht erwünscht, Fragen zu stellen. In anderen Ländern freut man sich über das Interesse der Auszubildenden.“ Wissen werde ungern weitergegeben. „Spitalserhalter betrachten Turnusärzte hauptsächlich als billige Arbeitskräfte“, sagt auch die Ärztekammer. Diese Mentalität müsse schleunigst beendet werden.

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