Der tägliche Schmerz

NN: Der tägliche Schmerz. Kurier, 28. 7. 2011, 14.

Runder Tisch: Fast zwei Millionen Österreicher leiden unter chronischen Schmerzen. Werden sie gut versorgt? Eine Diskussion

Jeder fünfte Österreicher leidet unter chronischen Schmerzen, drei Viertel davon sind ständig auf der Suche nach neuen Behandlungsmethoden. Wie ist es in Österreich um die Versorgung von Schmerzpatienten bestellt? Erlauben die Rahmenbedingungen eine „State-of-the-art“-Therapie?

Eine hochrangige Experten-Runde traf sich zu einem runden Tisch:

KURIER: Herr Dr. Schelling, während in den vergangenen Jahren in Nachbarländern wie Deutschland eine Reihe neuer Medikamenten im Bereich der Schmerzbehandlung zugelassen worden sind, finden sich Arzneimittel wie die Lidocain-Pflaster nicht im österreichischen Erstattungskodex. Zufall – oder gehen wir einen anderen Weg?

Schelling: Grundsätzlich gehen wir sicher einen anderen Weg, weil wir den Erstattungskodex genau evaluiert haben. Zu den Zahlen: Wir haben derzeit 10 Millionen Verordnungen, die Wirkstoffgruppen mit Schmerzbehandlung beinhalten. Der Kostenfaktor beläuft sich auf mehr als 126 Millionen Euro pro Jahr. Bei undifferenzierten Krankheitsbildern müssen wir aber fragen, ob teurere Innovationen immer Fortschritte bringen – das ist nicht zwingend so. Insgesamt ist die Schmerzbehandlung ohne Zweifel ausreichend, wenn auch im Detail verbesserungsfähig – vor allem was die Behandlungsart anbelangt. Zum Beispiel bei den psychischen Erkrankungen müssen wir uns die Frage stellen, ob das für den Patienten immer klug ist, was verschrieben wird.

Herr Univ.-Prof. Bernatzky, ist Österreich ausreichend aufgestellt, was die medikamentöse Behandlung im Schmerz-Bereich anbelangt?

Bernatzky: Das Angebot ist groß – an medikamentöser wie auch an nicht-medikamentöser Therapie. Ein Problem ist aber die Unzufriedenheit vieler Schmerz-Patienten, und hier müssen wir analysieren, warum sie unzufrieden sind. Ich glaube nicht, dass es an den Medikamenten oder der Therapie liegt. Sehr viele sind unzufrieden, weil sie entweder zu spät zum Arzt gehen oder weil sie starke Vorurteile gegenüber der Schmerztherapie oder den gängigen Opiaten pflegen. Die Meinung von Bekannten bestärkt Vorurteile, und dann kommt es zum „Nocebo“-Effekt (Erwartungshaltung wirkt negativ auf die Wirkung, Anm.). Da, glaube ich, können wir viel beitragen, dass wir auch in Richtung Ökonomie einiges tun.

Herr Univ.-Prof. Ilias, teilen Sie diese Einschätzung?

Ilias: Zum Teil. Das Problem ist meines Erachtens, dass es sich hier verhält wie beim Sparen: Man spart nicht, indem man gar nichts kauft, sondern indem man Ressourcen zielführend einsetzt. Lassen Sie mich ein Beispiel bringen: Wir tun uns als Ärzte schwer, wenn wir eine Ablehnung von einem transmukosalen Medikament bekommen, das kurze Anschlagzeiten und eine gute Wirkung hat, aber mit dem Argument abgelehnt wird, dass die Patientin sich weiter ein Arzneimittel spritzen soll. Natürlich funktioniert das. Aber langfristig müssen wir fragen, ob es nicht riskanter ist, wenn sich eine Patientin selbst immer wieder injiziert. Wir Ärzte stehen zwischen der Begehrlichkeit der Patienten und der berechtigten Sparsamkeit.

Herr Univ.-Prof. Bach, Schmerz und Psyche haben einen engen Konnex. Wird dieses Wechselspiel zu wenig berücksichtigt?

Bach: Aus Sicht der Psychiatrie ist es auffallend, dass der chronische Schmerz nach wie vor sehr somatisch gesehen wird – obwohl ausreichend Evidenz dafür besteht, dass das ein psychosoziales oder psychosomatisches Krankheitsgeschehen ist, wo körperliche und seelische Aspekte eine Rolle spielen. Die sind bei jedem Menschen unterschiedlich gewichtet. Wir wissen zum Beispiel, dass 50 Prozent der chronischen Schmerzpatienten irgendwann eine Depression entwickeln; umgekehrt haben 50 Prozent aller Depressiven irgendwann Schmerzen. Diese Henne-Ei-Diskussion ist bei chronischen Kranken mühselig. Es muss uns klar sein, dass ein chronisches Krankheitsbild auch nach einer bestmöglichen Therapie oft bestehen bleibt.

Herr Dr. Pöltner, stimmt es, dass ein großer Teil der Frühpensionierungen auf chronischen Schmerzen basiert?

Pöltner: Richtig ist: Im psychischen Bereich nehmen die Invaliditätspensionen stark zu. Vergleicht man 1995 bis jetzt, so hat sich das nahezu verdreifacht. Das Problem ist, dass wir in unseren Statistiken Schmerzpatienten per se nicht anführen. Bei Schmerzpatienten sehe ich aus anekdotischer Evidenz, dass es sowohl in der Arbeit als auch im privaten Bereich zu Mobbing kommt, weil etwa keine klare Ursachen erkennbar ist und das Umfeld des Patienten sagt: „Naja, der zaht scho‘ wieder owe!“ In weiterer Folge kann das zu psychischen Problemen führen – und letztendlich mündet das in Arbeitslosigkeit oder die Invaliditätspension. Wir haben als Ministerium zuletzt aber ein Umdenken in der Invaliditätspension geschaffen. Wir sagen: Weg vom alten Sozialstaat, der wartet, bis das Risiko eintritt, und dann Geldleistungen leistet, und hin zum Bestreben, dass dieses Risiko möglichst nicht oder spät eintritt.

Frau Univ.-Prof. Kozek-Langenecker, Sie haben nun lange zugehört. Was fehlt Ihnen an der bisherigen Diskussion?

Kozek-Langenecker: Ich würde gerne zurückkommen auf das ureigentliche Thema. Als physiologische Schmerztherapeutin muss ich sagen: Die Medikamente, die jetzt „high-end“ sind – wie das genannte Lidocain-Pflaster -, die gehen mir in der Diskussion und im klinischen Alltag ab. Gerade bei den Medikamenten, die wir nicht im Repertoire haben, sollten wir nachziehen.

Herr Univ.-Prof. Watzke, sehen Sie das ähnlich?

Watzke: Wenn man ein Schmerzmedikament verschreibt, dann braucht man dazu auch ein Verkaufsgespräch des Arztes. Jeder Arzt, der nicht mit dem Patienten über das Medikament spricht, verschenkt die Wirkung des Präparats. Dazu braucht er Zeit und die muss er auch bekommen. Wo wir bei der Schmerztherapie noch nicht so gut aufgestellt sind, ist das Problem der intravenösen Opioide, die durch mobile Palliativteams gespritzt werden.

Experten-Debatte: Die Diskutanten

Renommierte Experten aus dem Gesundheitsbereich trafen einander zur Diskussion über die Schmerzversorgung in Österreich. Die Teilnehmer: Dr. Walter Pöltner, Sozialministerium; Dr. Hans Jörg Schelling, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger; Mag. Peter McDonald, Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft; Prim. Univ.-Prof. Dr. Wilfried Ilias, Österreichische Ärztekammer; Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky, Österreichische Schmerzgesellschaft; Dr. Reinhold Glehr, Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin; Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Bach, Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie; Prim. Univ.-Prof. Dr. Sibylle Kozek-Langenecker, Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin; Prim. Univ.-Prof. Dr. Heinrich Resch, Österreichische Gesellschaft für Knochen und Mineralstoffwechsel; Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke, Österreichische Palliativgesellschaft

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