Arbeitskampf ohne Streik: So funktionieren Überlastungsanzeigen

In Deutschland treten die Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitsbereich vielfach vehementer für ihre Rechte und damit auch die ihrer Klient*innen und Patient*innen ein als dies bis jetzt in Österreich der Fall ist. Sie streiken, wie etwa an der Charité Berlin, und sie überlegen sich, wie man andere Kampfformen einsetzen kann. Die Möglichkeit von Überlastungsanzeigen wird im Rundbrief unten dargestellt.

von Andreas ExnerRundbrief der Unabhängigen Betriebsgruppe am Klinikum Bremen Mitte

Die Arbeitsbedingungen auf pflegerischer und ärztlicher Seite haben sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. So wurden die Pflege– und Ärztestellen auf den einzelnen Stationen drastisch gekürzt. Im Auftrag des neuen Managements hat die Pflegedirektion – ohne den eigentlichen Bedarf zu berücksichtigen – die Besetzungen pro Schicht heruntergeschraubt.

Hintergrund ist der Umbau der allgemeinen Gesundheitsversorgung zu einem profitablen Wirtschaftsunternehmen. Gesundheit wird zur Ware und das Geschäft mit ihr soll sich rechnen – auf Kosten von uns Beschäftigten und den Patienten. Leider haben die Gewerkschaften es seit den Neunziger Jahren verpasst, ein deutliches Stop-Signal zu senden. So wurde massenhaft, oft mit Zustimmung von Betriebsräten wie im KBM Bremen, Personal abgebaut, bis zum „geht-nicht-mehr“. Die Arbeitsbelastung und Arbeitsverdichtung hat derart zugenommen, dass eine normale Erledigung der Aufgaben und eine ausreichende Versorgung der Patienten unmöglich geworden ist. Die „Qualität“ des Krankenhausbetriebs wird offenen Auges aufs Spiel gesetzt. Von uns wird gefordert, alles zu geben um die Folgen der Personalnot aus zu bügeln. Bis zum Umfallen. Zwangsläufig wird mensch krank oder gekündigt.

Aber wie es real auf den einzelnen Stationen zugeht, kümmert das Management wenig. Die Geschäftsführung und leider auch der Betriebsrat haben den Bezug zur Wirklichkeit verloren – nur die Zahlen über Kostensenkung oder steigenden Umsatz sind in ihrem Blickfeld.

Ein kurzes Beispiel:

Auf der medizinischen Intensivstation gab es vor gut 20 Jahren noch eine Schichtbesetzung von 8 Pflegekräften im Frühdienst, 7 im Spätdienst und 6 im Nachtdienst bei 8 Beatmungsbetten. Heute arbeiten pro Schicht 5 Pflegekräfte bei bis zu 14 Beatmungsbetten bei insgesamt 16 Betten. Und dann wird auf höherer Ebene auch noch diskutiert, ob nicht eine 4er Besetzung pro Schicht (teilweise schon Realität) ausreichend ist… eine bodenlose Frechheit! Eine Mindestbesetzung von jeweils 7 Pflegekräften im Früh- und Spätdienst und 6 im Nachtdienst sowie eine Schichtbesetzung auf ärztlicher Seite von 3 – 2 – 1 ist die Voraussetzung, dass die Patientengrundversorgung  wieder gewährleistet ist.

Was aber können wir zurzeit tun?

Da wir einen Streik nicht aus dem Ärmel schütteln können, sollten wir Mindest-Soll-Besetzungen pro Schicht aufstellen und den Mut haben, Überlastungsanzeigen zu schreiben. So machen wir die Vorgesetzten darauf aufmerksam, dass wir die Verantwortung nicht übernehmen, weil die fachgerechte Patientenversorgung unter den jeweiligen Bedingungen nicht möglich ist. Jeweils ein Durchschlag geht an die Stationsleitung, an die Pflegeleitung und an den Betriebsrat. Für die ärztlichen KollegInnen gilt, dass der OA informiert und ein Fax an die ärztliche Geschäftsführung und den Betriebsrat geschickt werden muss. Es ist wichtig, eine Kopie für euch selbst zu machen und zu kontrollieren, dass der Sachverhalt bestätigt wird. Eine Überlastungsanzeige dient insbesondere der eigenen rechtlichen Absicherung und zeigt, dass wir diese unerträglichen Bedingungen nicht länger schweigend hinnehmen. Sie sind umso wirkungsvoller, je mehr KollegInnen Überlastungsanzeigen schreiben. Wer eine Überlastungsanzeige schreibt, verweist damit nicht auf eine persönliche Schwäche, sondern beweist Mut und Verantwortungsbewusstsein. Wir müssen uns davon frei machen, dass wir persönlich für Missstände verantwortlich sind. Wenn die da oben mit dieser Verantwortung leben können, bitte sehr. Wir gehen nicht mit einem schlechten Gewissen nach Hause. Arbeitsbedingungen fallen nicht vom Himmel und nur wir Beschäftigten können sie verändern. Macht diese bei euren Teambesprechungen zum Thema.

Zu diesen Punkten wollen wir uns am 27. Juni 2011 um 19.30 Uhr in der Gaststätte Gerken, Feldstr. 77 treffen und weiteres besprechen.

Uns reicht`s, unabhängige Betriebsgruppe am KBM Bremen sowie Beschäftigte aus verschiedenen Krankenhäusern in Bremen

Kontakt: uns.reichts.bremen@t-online.de

www.betriebsgruppen.de/bgunsreichts/ und www.bmf.blogsport.de


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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

Eine Antwort zu “Arbeitskampf ohne Streik: So funktionieren Überlastungsanzeigen

  1. Seerose

    wär bei uns auf der Psychiatrie dringend notwendig!

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