„Pflegegeldeinstufung kein Privileg der Ärztekammer“. Offener Brief an die Ärztekammer

Die Ärztekammer möchte gerne das Privileg zur Pflegegeldeinstufung behalten. Die ÄrztInnen haben noch nicht verstanden, dass es seit 1997 ein GUKG gibt, das es Pflegekräften ausdrücklich erlaubt, in der Einschätzung des Betreuungsbedarfs sowie in der Gesundheitsvorsorge tätig zu sein.

Als diplomierte Pflegeperson in der Hauskrankenpflege verbringt man täglich viel Zeit mit den PatientInnen und weiß sehr genau, welcher Bedarf an Pflege und Betreuung notwendig ist, um eine entsprechende Lebensqualität für die Betroffenen zu gewährleisten. Diese Lebensqualität ist nicht nur durch von ÄrztInnen verschriebene Medizin herzustellen, sondern vor allem durch die äußerst gering entlohnte Tätigkeit und Präsenz von hochqualifizierten Pflegekräften.

Einziger Haken an der Sache: Pflegekräfte sind so schlecht bezahlt, dass man ihnen diese Arbeit der Einstufung mit dem erbärmlichen BAGS-KV nicht auch noch zumuten sollte. Und Pflegekräfte haben in Österreich aufgrund des bisher sehr niedrigen Ausbildungsniveaus (keine berufliche Organisation, keine Artikulationsfähigkeit, wenig einheimisches Personal) ein zu geringes Selbstbewusstsein, mit dem sie ihre Rechte auch einfordern könnten.

Silvia Kovacics

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

3 Antworten zu “„Pflegegeldeinstufung kein Privileg der Ärztekammer“. Offener Brief an die Ärztekammer

  1. Prim. Univ. Prof. Dr. Thomas Leitha

    Auch Hybris beweist ein gestörtes Selbstbewusstsein!
    So wie ohne Zweifel manche meiner Berufskollegen Minderwertigkeitskomplexe, Frust, Unwissen oder alles zusammen hinter einer „Gott in Weiss“ Fassade versteckten, so halte ich die in den letzten Jahren aufbrechende Selbstüberschätzung des Pflegeberufes für eine ebenso gefährliche Hybris, die sich aus den selben Quellen speist.

    Formulierungen wie: „Lebensqualität ist nicht nur durch von ÄrztInnen verschriebene Medizin“ sind demaskierend in ihrer Einseitigkeit und Polemik.
    Und wenn Sie zugeben, dass „Pflegekräfte in Österreich ein sehr niedriges Ausbildungsniveau“ haben, dann geben Sie eigentlich der Ärztkammer eher Recht, als dass Sie Ihr Argument rüberbringen. Wer über „keine Artikulationsfähigkeit“ verfügt, sollte keine offenen Briefe schreiben.

    Für mich ist die Feststellung der „Pflegebedürftigkeit“ naturgemäß ein interdisziplinäres Problem, da jede der Berufsgruppen (und da gibt es mehr als nur „Arzt“ und „Schwester“) nur Teilaspekte des Problems sehen wird. Einen wesentlichen Unterschied vergessen Sie aber, dass gerade in der Klassifikation des Beflegebedürfnisses die ökonomischen Interessen des Pflegeberufes größer als die der Ärzteschaft sind.
    Deshalb sollte m.E. die Einschätzung konsensual erfolgen (oder solidarisch, wie eigentlich dieser Blog heißt).
    Wenn Sie diese Diskussion für standespolitisches Kleingeldwechseln verwenden, dann tun Sie allen einen Gefallen, die die Gesundheitsbudgets ohnehin herunterfahren wollen. Sie glauben doch nicht, dass „der Pflege“ im Alleingang das gelingen kann, was der Ärztkammer seit Jahrzehnten immer mehr misslingt: Anteil an den Entscheidungsprozessen im Gesundheitswesen zu erlangen.
    Ich dachte, diese Seite sollte ein solidarischer, interdisziplinärer Versuch sein, GEMEINSAM ein besseres Gesundheitssystem zu entwickeln (oder wenigstens das erreichte Niveau zu behalten). Auch wenn Sie es nicht glauben, dazu werden Sie auch die (oder zumindest manche) Ärzte benötigen.

    Mit kollegialen Grüssen
    Dr. Thomas Leitha

    PS: Ich bin Zwangsmitglied der Ärztkammer und nicht deren Funktionär!

  2. Silvia Kovacics

    Es ist erstaunlich, wie sehr sich Ärzte durch Artikulation von Seiten der Pflege bedroht fühlen. Leider muss ich bestätigen, dass das Ausbildungsniveau der Pflegekräfte in Österreich tatsächlich sehr niedrig ist, auch wenn offizielle Stellen gerne das Gegenteil behaupten. Die Ausbildung auf tertiärem Niveau gibt es in Wien erst seit 2008, was ich persönlich sehr bedaure. Allerdings gibt es Pflegekräfte, die in ihrem Vorberuf eine akademische Ausbildung absolviert und danach den Pflegeberuf ergriffen haben (sehr ungewöhnlich, aber es kommt vor) und diese erleben auch – in mehr oder weniger produktiver Zusammenarbeit mit Ärzten – ihre Wunder. Es ist noch nicht bei allen Ärzten durchgedrungen, dass Pflege auch interdisziplinär stattfinden kann und dass vor allem Pflegekräfte kein Hilfspersonal, sondern ein qualifizierter Berufsstand sind.

    So sind die folgenden Fragen, die mir meine berufliche Praxis immer wieder aufs Neue stellt, für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften und Ärzten wesentlich: Begründet ein Arzt die Abgabe eines entsprechenden Medikamentes und ist dies transparent dokumentiert? Ist es ein Zeichen von Lebensqualität, wenn Menschen in ihren eigenen vier Wänden durch eine Vielzahl von Tabletten so „therapiert“ werden, dass sie ihren Alltag alleine meist nicht mehr bewältigen können? Der Versuch, mittels e-card die Medikamenten-Nebenwirkungen festzustellen und möglicherweise die Anzahl der Medikamente zu reduzieren, krankt laut jüngsten Nachrichten an der geringen Teilnahme von PatientInnen. Warum macht die Ärztekammer dafür nicht mehr Werbung? Warum tritt man nicht an die einzelnen Vereine in der Hauskrankenpflege heran oder an die Spitäler? Da ließe sich mit gutem Willen interdisziplinär Vieles erreichen.

    Gerne bin ich für eine konsensuale Einschätzung des Pflegebedarfes bezüglich Pflegegeld. Doch unterliegen Ärzte als Berufsgruppe aufgrund ihrer Abhängigkeit von der Pharmaindustrie bedeutenden ökonomischen Zwängen. Die ökonomischen Zwänge des Berufes des Pflegekräfte halten sich insofern in Grenzen, da hierbei jedenfalls der Profit und seine „Gesetzmäßigkeiten“, die sich im Lobbying der Industrie und der daraus resultierenden Verflechtung von ärztlicher Behandlung und industriellem Gewinninteresse widerspiegeln keine Rolle spielen. Pflegekräfte werden ökonomisch dann interessant, wenn sie den Wert ihrer Arbeit zu verkaufen wissen und der wird in Zukunft aufgrund mehrerer Faktoren ansteigen müssen, wenn man davon ausgeht, dass die Sklaverei im 19. Jahrhundert abgeschafft wurde.

    Ich weiß, dass die Pflegekräfte grundsätzlich sehr gerne mit den Ärzten zusammenarbeiten und dies zum Wohl des/der PatientIn unabdingbar notwendig ist. Standespolitische Dünkel, wie Sie in Ihrem Posting zum Ausdruck zu kommen scheinen, sind daher vollkommen fehl am Platz. Nur gemeinsam ist eine Aufrechterhaltung eines solidarischen Gesundheitssystems möglich.

  3. Pingback: Rückmeldung Minister Hundstorfer: Pflegegeldeinstufung durch Pflegekräfte | Solidarisch G'sund

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