Inserate beeinflussen Empfehlung von Arzneien

Dass „gratis“ im Journalismus oft ganz schön teuer werden kann, beweist eine Studie deutscher Mediziner. Sie zeigt, dass in medizinischen Fachzeitschriften redaktionelle Empfehlungen für Medikamente mit entsprechenden Inseraten zusammenhängen. Bezahlzeitschriften ohne Anzeigen hingegen bieten objektivere Informationen.

Die Ärztinnen und Ärzte, die das Zielpublikum solcher Zeitschriften sind, sollten sich dessen noch bewusster sein als bisher, empfiehlt das Forscherteam um Annette Becker von der Universität Marburg.

Die Studie:

„The association between a journal’s source of revenue and the drug recommendations made in the articles it publishes“ von Annette Becker und Kollegen ist im „Canadian Medical Association Journal“erschienen.

Der Einfluss des Marketings

Die Ausbildung von Ärzten ist im Grunde niemals zu Ende. Auch wenn sie ihren Doktortitel erhalten und bereits einige Jahre praktiziert haben, ändern sich die Möglichkeiten ihres Berufs ständig. Weiterbildung ist damit angesagt: Neben dem Besuch einschlägiger Veranstaltungen ist die Lektüre von Fachzeitschriften enorm wichtig, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Dass wirtschaftliche Interessen von Pharmafirmen dabei eine Rolle spielen, liegt auf der Hand und wurde durch einige Einzelstudien auch bereits untersucht. So zeigten kanadische Forscher 2003, dass die Finanzierungsquelle einer medizinischen Studie sowohl ihr Resultat als auch ihre Veröffentlichung beeinflusst (hier die Studie), australische Kollegen kamen 2010 zu dem Schluss, dass sich das direkte Marketing von Pharmavertretern in der Ärzteschaft auf ihre Verschreibungspraxis auswirkt (die Studie).

Eine weitere Frage ist, ob Anzeigen zu einem bestimmten Produkt in einer Fachzeitschrift mit deren redaktionellen Texten zusammenhängen. Für Finanzzeitungen haben dies Forscher bereits vor fünf Jahren mit einem klaren „Ja“ beantwortet: Anlagefonds werden Lesern demnach deutlich eher empfohlen, wenn die dahinter stehenden Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten ein Inserat in der Zeitschrift geschalten hatten (die Studie).

Elf Fachzeitschriften, neun Medikamente untersucht

Ob dies auch in der Medizin der Fall ist, haben Annette Becker und ihr Team nun anhand von elf deutschen Fachzeitschriften untersucht. Fünf davon – darunter die „Ärztezeitschrift“, „Medical Tribune“ und die „Münchner Medizinische Wochenzeitschrift (MMW)“ mit einer Auflage von jeweils um die 60.000 Stück – erhalten die Ärzte gratis.

Sie finanzieren sich ausschließlich über Inserate. Andere wie „Der Arzneimittelbrief“ oder die „Zeitschrift für Allgemeinmedizin“ erscheinen in einer deutlich geringeren Auflage und finanzieren sich durch Abos. Als einziges Blatt mit einer ökonomischen Mischform wurde auch das „Deutsche Ärzteblatt“ in die Untersuchung aufgenommen.

Becker und ihre Kollegen wählten für ihre Studie neun Medikamente bzw. Medikamentengruppen aus, die relativ frisch auf dem Markt waren und für die dementsprechend heftig die Werbetrommel gerührt worden war. Die elf Zeitschriften wurden auf Inserate bzw. Artikel über diese Arzneien, die verbreitete Krankheiten wie Demenz, Diabetes, Bluthochdruck oder Depressionen bekämpfen, untersucht.

Gratiszeitschriften raten fast immer zum Medikament

Ö1 Sendungshinweis:

Die Ergebnisse von Becker sind eindeutig: Gratiszeitschriften befürworten nahezu immer den Gebrauch der ausgewählten Arzneien, während bei Bezahlzeitschriften die Wahrscheinlichkeit eines Abratens viel höher ist.

Der Grad des Ungleichgewichts hängt vom Medikament und von der Zeitschrift ab: So wurden u.a. besonders stark Glitazone – das sind oral verbreichte Antidiabetika – und bestimmte Herzmittel (Angiotensin-Rezeptorenblocker) empfohlen. In zwei Fachzeitschriften, „MMW“ und „Der Allgemeinarzt“, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit einer positiven Empfehlung für ein bestimmtes Medikament um mehr als das Doppelte, wenn sich eine Anzeige dafür innerhalb der gleichen Ausgabe befunden hat.

Auch wenn die Forscher nur deutsche Fachzeitschriften untersucht haben, legen sie den Schluss nahe, dass die Resultate unter den gleichen Bedingungen überall die gleichen wären – auch in Österreich.

Eine Möglichkeit: Wegwerfen!

Nun ist es nicht so, dass Ärzte und Ärztinnen blind den Empfehlungen von Zeitschriften folgen, die sie möglicherweise unverlangterweise zugeschickt bekommen. Becker und ihre Kollegen verweisen auf eine kanadische Studie, derzufolge Mediziner Zeitschriften ohne Review-Prozess nicht als glaubwürdig erachten. Dennoch habe die Hälfte von ihnen darin innerhalb des vergangenen Monats geblättert und Informationen erhalten.

Die Empfehlungen der Forscher sind deshalb ebenso eindeutig wie ihre Resultate: Mediziner sollten sich der Verzerrungen von Gratiszeitschriften im Klaren sein. Diese würden „Bemühungen entgegenstehen, kritische Lesegewohnheiten und evidenzbasierte Medizin zu forcieren. Sie ziehen einen Vorteil daraus, dass praktische Ärzte mit einer komplexer werdenden Medizin zu kämpfen haben, mit einem ständigen Zeitmangel und einem Zuviel an Informationen. Die Ärzte sollten realisieren, dass sie für objektive Informationen entweder zahlen müssen oder sich auf potenziell verzerrte Informationen aus Gratiszeitschriften beziehen.“

In einem Begleitkommentar zur Studie wird auf eine ganz praktische Möglichkeit verwiesen, wie Ärzte mit den Gratiszeitschriften umgehen sollten. Bereits vor 20 Jahren empfahlen zwei US-Kollegen in einem Artikel: Wegwerfen!

Lukas Wieselberg, science.ORF.at
http://science.orf.at/stories/1677347/

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesundheits-News

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.