Alter muss nicht wehtun

Gerstl, Sonja: Alter muss nicht wehtun. Die Presse, 18. 2. 2011, 10.

Therapie. Ältere Menschen leiden überdurchschnittlich oft an chronischen Schmerzen. Alternative Behandlungsmethoden zeigen oft erstaunliche Erfolge.

VON SONJA GERSTL UND ERICH EBENKOFLER

Oben zieht’s, unten sticht’s, vorne brennt’s – Schmerzen können, wie wir alle aus leidvoller Erfahrung wissen, die vielfältigsten Ausprägungen haben. Der akute Schmerz ist ein Warnsignal. Er ist dazu da, eine körperliche „Störung“ zu melden. Der chronische Schmerz hingegen hat sich von seiner ursprünglichen Funktion gelöst, er existiert autonom. Die Nervenzellen alarmieren das Gehirn nonstop, der Schmerz ist zum Selbstläufer geworden.

Stilles Leiden

Rund 1,5 Millionen Menschen über 16 Jahren leiden hierzulande an chronischen Schmerzen. Das hat eine Studie im Auftrag der Österreichischen Schmerzgesellschaft ergeben. Besonders stark betroffen sind Personen im Alter von über 60 Jahren. Für vier von fünf zählt Schmerz zum tagtäglichen Begleiter.

Schmerzen im Alter, weiß der Schmerzforscher Burkhard Gustorff, „sind eine Mixtur aus verschiedensten Faktoren“. Der Spezialist für Anästhesie und Intensivmedizin am Wiener Wilhelminen-spital und Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) kennt die Problematik. Im Alter wird man mehr und mehr unbeweglich, die Knochenstruktur verändert sich, Gelenke und Bandapparat sind ebenfalls betroffen, dazu kommen Sehnenverkürzungen, und auch Nervenschmerzen treten viel häufiger auf als in jüngeren Jahren.

Nicht unwesentlich sind auch sozioökonomische Faktoren, sprich: das persönliche Umfeld, in dem man den Prozess des Alterns durchlebt. Günther Bernatzky, amtierender Präsident der Österreichische Schmerzgesellschaft: „Alte Menschen können und wollen ihren Schmerz oft nicht zeigen, sie wollen nicht jammern.“ Umso schwieriger wird es, wenn sich zur körperlichen Beeinträchtigung auch noch eine deutliche Reduzierung der kognitiven Fähigkeiten gesellt. Wer sich seiner Umgebung nicht mehr adäquat mitteilen kann, ist darauf angewiesen, dass die immer weniger werdenden Signale, die nach außen dringen, entsprechend aufgefasst werden. „Dabei unterliegt der ältere Schmerzpatient schon grundsätzlich stärker als der jüngere der Gefahr, Einbußen der Funktionsfähigkeit sowie der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu erleiden“, betont Christian Lampl, Neurologie-Primarius der Barmherzigen Brüder in Linz und Präsident der Osterreichischen Kopfschmerzgesellschaft. Die Folgen: soziale Isolation und ein sukzessiver Verlust der Selbständigkeit.

Spezielle Schmerzmessmethoden und eine Sensibilisierung von Ärzten und Pflegepersonal für die reduzierte Körpersprache dementer Menschen gelten zwar mittlerweile als Basics einer angemessenen Schmerztherapie, Aufholbedarf besteht allerdings trotzdem, denn oftmals hinkt die Praxis dem umfassenden theoretischen Wissen der Schmerzforschung hinten-nach. Die entsprechende Aufklärung und Fortbildung von Menschen, die.im Gesundheitswesen aktiv sind, zählt deshalb zu den wichtigsten Anliegen von Institutionen wie der Osterreichischen Schmerzgesellschaft.

Alternative Ansätze

Während traditionelle Schmerztherapien nach wie vor symptombezogen auf Medikamente zurückgreifen – etwa Opioide, die nicht nur in Tablettenform zur Verfügung stehen, sondern auch intravenös und intramuskulär verabreicht werden können -, gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Ansätzen, die sich auch der verborgenen Wurzel des Übels annehmen. Das Schmerztherapie- und Osteopathie-Zentrum ‚Döbling in Wien etwa kombiniert den schurmedizinischen Ansatz mit einer ganzen Reihe von alternativmedizinischen Heilmethoden, die neben Shiatsu, Akupunktur auch energetische Therapie und Traditionelle Chinesische Medizin umfassen. Auch mit Musiktherapie, wie sie beispielsweise an der niederösterreichischen Landesnervenklinik Mauer eingesetzt wird, lassen sich gute Erfolge erzielen: „Sie beeinflusst nicht nur die Gehirnfunktionen und das Verhalten, sondern reguliert auch Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Verhalten auf emotionaler, kognitiver und sensomotorischer Ebene“, so Bernatzky.

Mentales Training

Die Salzburger Gesundheitspsychologin Rita Fuchs-Strizek bietet regelmäßig ein sogenanntes Schmerzbewältigungstraining an. Ziel dieser therapeutischen Einheiten ist es, zu lernen, die Schmerzen selbst zu beeinflussen, die psychischen und sozialen Folgen zu bewältigen und das Leben mit den Schmerzen erträglicher zu gestalten. „Schmerzpatienten leiden unter starkem Kontrollverlust. Unsere Aufgabe ist es, ihnen wieder Kraft zu geben. Das geschieht in erster Linie durch mentales Training. Sie lernen, wie sie ihre Schmerzen in den Griff bekommen und welche Überwindungsstrategien es gibt. Durch den gezielten Einsatz dieser Methode, kombiniert mit Entspannungsübungen, verliert der Schmerz an Bedrohung.“ Zur Anwendung gebracht wird das Schmerztraining übrigens auch in Pensionistenwohnheimen; Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Patienten kognitiv noch fit sind. Grundsätzlich ist in Österreich die flächendeckende Versorgung für Schmerzpatienten gewährleistet. Zahlreiche Kliniken und Spitäler offerieren entsprechende Spezial-ambulanzen, die Forschung arbeitet kontinuierlich an der Entwicklung von Medikamenten und Therapien zur effizienten Bekämpfung von Schmerzen. Es gibt, so sind sich die Schmerzexperten einig, praktisch für jeden Menschen ein geeignetes „Schmerzmittel“. Niemand muss unnötig leiden.

Auf einen Blick

Viele Schmerzambulanzen beziehen auch alternative Heilmethoden mit ein. Dazu gehören Akupunktur, energetische Therapie oder Musiktherapie. Auf der Homepage der Österreich-Tochter des auf die Erforschung von Schmerzmitteln spezialisierten deutschen Pharmaproduzenten Grünenthal findet sich unter der Rubrik „Therapiegebiete“ ein umfassender Überblick über Schmerzambulanzen in Österreich. http://www.grunenthal.at

Österreichische Schmerzgesellschaft: http://www.oesg.at, Tel. 0662/8044-5055

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