Mediziner wandern von Ost nach West

NN: Mediziner wandern von Ost nach West. Die Presse, 7. 2. 2011, 10.

Viertausend tschechische Ärzte haben aus Protest schon ihre Kündigung eingereicht.

PRAG/THA

Tschechische Ärzte wandern nach Österreich und Deutschland ab. Ihre verwaisten Planstellen werden teilweise von Slowaken besetzt. Und die Krankenhäuser der Slowakei, die noch weniger zahlen als jene in Tschechien, hoffen auf rettenden Nachschub aus weiter östlich gelegenen Ländern wie der Ukraine.

Dieses Szenario einer „Medizinerwanderung“ wird immer realistischer. In Tschechien laufen mehrmals pro Woche Verhandlungen zwischen Gesundheitsminister Leos Heger und Vertretern der Ärzte, die gegen ihre niedrigen Gehälter und Arbeitsbedingungen protestieren. Eine Einigung ist trotz eines finanziellen Kompromissangebots nicht in Sicht. In manchen Krankenhäusern wird nun die Schließung von Abteilungen vorbereitet.

Seit Monaten üben die tschechischen Ärzte mit ihrer Aktion „Danke, wir gehen“ einen nie gekannten Druck auf die Regierung aus. Sie verlangen das Doppelte des Durchschnittslohnes als Grundgehalt. Bisher sind Ärzte mit weniger als tausend Euro Durchschnittsverdiener.

Die auf Sparkurs eingeschworene Regierung kann und will diese Forderung nicht erfüllen. Fast viertausend Ärzte haben ihre Kündigung schon in einer Massenaktion eingereicht – rund ein Viertel aller Ärzte der Landeskrankenhäuser und und Unikliniken. Viele Krankenhäuser, vor allem in Deutschland, haben mit lukrativen Angeboten auf die Chance reagiert, qualifizierte Ärzte zu locken. Die gesetzliche Kündigungsfrist für tschechische Ärzte läuft noch bis Ende Februar. Dem tschechischen Gesundheitssystem droht ein Kollaps.

Ärztemangel zieht weite Kreise

Zu den Notmaßnahmen, über die der tschechische Gesundheitsminister laut nachdenkt, gehört sogar der Einsatz der Armee – die Armee hat schließlich Militärärzte.

Pragmatischere Krankenhauschefs haben sich bereits in der Slowakei umgesehen. Vor allem in der Region Zähorie und der Region Trencin zeichnet sich ab, dass aus dem tschechischen Ärztemangel eine slowakische Medizinerkrise wird und kleiner Krankenhäuser schließen müssen.

Die tschechischen Krankenschwestern schließen sich dem Ärzteprotest nicht an, könnten aber ihre Jobs verlieren, weil Abteilungen geschlossen werden.

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