Die Jungen als Opfer von Ignoranz

Daneshmandi, Laila: Die Jungen als Opfer von Ignoranz. Kurier, 4. 2. 2011, 15.

Allein gelassen

60.000 Kinder sind nicht ausreichend gut versorgt, warnen Experten. Sie fordern mehr Therapieangebote und Prävention.

VON LAELA DANESHMANDI UND ERNST MAURITZ

Unsere Jugendlichen sind nicht das Problem, sie haben ein Problem“, mahnt Prima Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Diese präsentierte Donnerstag ihren zweiten Bericht „zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit“. Österreichs Nachwuchs ist noch immer europäischer Spitzenreiter bei Raucher- und Gewaltraten. „Doch kein Bursche fällt als 15-jähriger gewaltbereiter Trinker vom Himmel. Kein Mädchen wird als rauchende und essgestörte 14-Jährige geboren.“

In Studien von OECD und UNICEF aus dem Jahr 2009 ist Österreichs Jugend in punkto Gesundheitsstatus und Risikoverhalten trauriges Schlusslicht in Europa. Nähere Analysen würden inzwischen zudem ein Ost-West-Gefälle zeigen, wobei sich Kinder in Wien, Niederösterreich und im Burgenland die hinteren Plätze teilen, erzählt Vavrik.

Seit dem ersten Bericht vor einem Jahr sei zumindest die Aufmerksamkeit gestiegen, es gebe Signale, dass das Thema endlich ernst genommen werde. Die Reaktionen von Krankenkassen und Ländern seien bisher jedoch großteils verhalten gewesen. Und die Ergebnisse des von Gesundheitsminister Alois Stöger initiierten „Kindergesundheitsdialogs“ gelte es noch abzuwarten.

Um Extremfällen, wie dem Tod der Kinder Luca und Cain vorzubeugen, aber auch, um die Versorgung unserer Jugend zu verbessern, hat die Liga eine Reihe von Forderungen zusammengestellt, denn: „Auf diese Entwicklungsgeschichten können wir Einfluss nehmen. Wir müssen frühzeitig und gezielt Hilfe anbieten.“

– Frühwarnsystem. Was bereits in anderen Ländern wie Deutschland funktioniert, fordern die Experten auch in Österreich: ein soziales Frühwarn- und Hilfesystem. Durch eine Verschränkung von Jugendwohlfahrt, Gesundheitssystem und intensiver Elternarbeit konnten Probleme anderorts um die Hälfte reduziert werden. Volksanwalt Peter Kostelka kritisiert in dem Zusammenhang den Personalmangel bei der Jugendwohlfahrt. Hausbesuche seien mit den derzeitigen Kapazitäten nur schwer realisierbar.

– Therapien. Einer aktuellen Studie zufolge fehlt es bundesweit 60.000 Kindern an nötigen Therapien – körperlicher und auch seelischer Art. „Die Basisversorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist praktisch nicht gegeben – wir liegen weit hinter den Standards“, warnt Christian Kienbacher von der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Weiters: Die psychologische Diagnose werde finanziert, die Behandlung aber nicht.

– Gesetze. Gefordert wird außerdem, alle Gesetze auf ihre Auswirkungen auf Kinder zu prüfen. KURIER-Family-Coach Martina Leibovici-Mühlberger tritt für eine Zukunftsbehörde ein, die neben Gesetzen gesellschaftliche Entwicklungen daraufhin überprüft, wie sie die Gesundheit und die Lebensbedingungen von Kindern beeinflussen – etwa der hohe Fett- und Zuckergehalt vieler Produkte.

– Politik. Eine parlamentarische Kinderkommission soll den Inhalten der Liga außerdem ausreichendes Gewicht in der politischen Diskussion geben.

– Netzwerk. Statt unübersichtlichen Einzelunternehmungen soll es einen übergreifenden Masterplan und multidisziplinäre Zusammenarbeit geben.

Nachgefragt

„Konflikte, denen Eltern nicht gewachsen sind“

Die Ärztin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger ist KURIER-Family-Coach.

KURIER: Wieso ist Gewalt in der Familie so ein großes Problem geworden ?

Martina Leibovici-Mühlberger: In unserer Gesellschaft wird heute von vielen Seiten das frühe Erwachsensein propagiert, um frühe Konsumenten zu bekommen – auch ein Zwölfjähriger braucht zehn Euro, um sich auf der Mariahilfer Straße in ein Lokal setzen zu können. Aber das entspricht nicht dem tatsächlichen Entwicklungsstand der Kinder. Dadurch kommt es zu massiven Konflikten zuhause, denen die Eltern nicht gewachsen sind – oft versuchen sie dann mit Gewalt vorzugehen. Das ist sicher einer der Gründe.

Und die Gewalt seitens der Jugendlichen?

Ein 18-jähriger Jugendlicher hat in den diversen modernen Unterhaltungsmedien bereits 40.000 Morde gesehen. Diese Dauerberieselung bahnt bei gefährdeten Jugendlichen den Weg, Gewaltbereitschaft als Lösungsmodell zu akzeptieren.

Erziehungsberatung hilft?

Ja, mein Team und ich haben mit dem KURIER in den vergangenen fünf Jahren 1200 Beratungen durchgeführt – viele familiäre Konflikte wurden gelöst.

Verunsicherung

Coaching für überforderte Eltern

Die Versorgung der Kinder ist die eine Seite, aber die Probleme haben sich verändert – häufig sind auch die Eltern überfordert und überlastet“, sagt Ulla Konrad, Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologen. Sie fordert daher ein Eltern-Coaching – unter Umständen auch verpflichtend. Denn gefährdete Familien würden oft nicht von sich aus Hilfe suchen. Konrad könnte sich auch eine Bindung an das Kindergeld vorstellen.

Einen ähnlichen Vorschlag hat KURIER-Family-Coach Martina Leibovici-Mühlberger. Sie fordert – parallel zum Mutter-Kind-Pass – einen Eltern-bildungs-Pass bzw. eine Family-Card: „Es muss dort leicht zugängliche Angebote geben, wo sich die Eltern sowieso aufhalten – beim Gynäkologen, Kinderarzt, in Schulen, etc.“ Derzeit gebe es solche Angebote nur auf Privatinitiative. „Dort sind die Teilnehmer meist gut gebildet, interessiert – aber wir müssen auch die sozial schwachen Gruppen erreichen.“

Nicht ausklinken

Vielen Eltern fehle die Orientierung, viele sind enorm verunsichert, sagt Leibovici-Mühlberger: „Sie wissen nicht, wie sie mit dem Medienkonsum ihrer Kinder umgehen sollen. Und um ja nichts falsch zu machen, klinken sich viele Eltern dann ganz aus. Aber Kinder brauchen Führung und Begleitung.“

Zur Finanzierung meint Leibovici-Mühlberger: „Unsere Zukunft muss uns das wert sein – sonst werden wir mitsamt unseren ganzen materiellen Gütern untergehen.“

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