Hebammen-Liquidierung

Vogt, Werner: Hebammen-Liquidierung. Kurier, 31. 1. 2011, 15.

VON WERNER VOGT

GASTKOMMENTAR

Agnes Gereb, Frauenärztin und Hebamme, wurde im Oktober 2010 in Ungarn verhaftet, saß bis knapp vor Weihnachten im Gefängnis, steht seither unter Hausarrest. Ihr Verbrechen: sie hat Hausgeburten fürsorglich und vorbildlich betreut. Das aber ist im EU-Vorsitz-Land verboten. Nach einer Einvernahme vor Gericht, vorgeführt in Hand- und Fußfesseln, was zu Verletzungen führte, fand am 18. Jänner 2011 die erste Gerichtsverhandlung gegen die Geburtshelferin statt.

Zu Rate gezogene Psychologen und Psychiater kamen zu folgendem Urteil: Frau Gereb, die Tausenden Frauen geholfen und Tausende Kinder gesund in diese Welt begleitet hat, Frau Gereb ist normal. Sie weist keinerlei Abnormitäten auf.

Fachlich korrekt

Der Versuch, aus einer tüchtigen Hebamme einen psychiatrischen Fall zu zimmern, schlug fehl. Für Mitte Februar und Mitte März sind weitere Verhandlungen anberaumt. Bis dahin: Berufsverbot, Hausarrest. Drei ausländische Expertinnen, eine amerikanische Hebamme, ein englischer Universitätsprofessor, eine weitere englische akademische Geburtshelferin, kamen zu folgendem Schluss: Frau Gereb hat fachlich gut und richtig gehandelt und Hausgeburten seien generell von geringerem Risiko als Spitalsgeburten. So urteilt die Weltgesundheitsorganisation (WHO); so sieht das das EU-Parlament. Die sanfte Hausgeburt wird empfohlen, dazu gehört die Hebammenbetreuung. Frauen helfen Frauen, das ist weltweit gültige Geburtshilfe. In Ungarn und im Falle Gereb: Verhaftung, Misshandlung, unhaltbare Vorwürfe: Kurpfuscherei, Verletzung der Sorgfaltspflicht.

Das Hebammen-Verbot gilt nicht nur in Ungarn, es hat auch in Tschechien und der Slowakei Gültigkeit. Schwangere Frauen aus diesen Ländern flüchten zu betreuten Hausgeburten nach Österreich; mutige österreichische Hebammen betreuen illegal und heimlich Gebärende in der Slowakei. Deren Angst: gefährliche Hygieneverhältnisse in den Gebäranstalten, hohes Operationsrisiko, großes Infektionsrisiko. Und weit und breit kein Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865), der die Ärzte und deren Hygieneverhalten als Gefahr erkannte und benannte.

Nun ist es ja so: eine Geburtskomplikation daheim kennt immer Schuldige: die Hebamme, den Geburtshelfer. Eine Komplikation in der Klinik kennt nur Unschuldige. Kommen Mutter oder Kind zu Schaden bis hin zum Tode, ist das natürliche Risikofolge. Aus.

Der Experte und Kinderarzt DDr. Ferdinand Sator sagt mir: nicht nur im europäischen Hinterland, überall, auch hierzulande, ist eine systematische Vernichtung des Hebammenberufes im Gange. Das hat Folgen. Als im Krankenhaus Korneuburg die Hebammen die sanfte Spitalsgeburt bestimmten, gab es sechs Prozent operative Geburten, Kaiserschnitte. Das Hebammenwesen wurde vernichtet, das übliche Ärztekommando wiederbelebt. Nun ist man, wie bei jedem Ärzteregiment, bei 30 Prozent operativen Geburten gelandet.

Frau Gereb in Budapest ist das öffentlich sichtbare Zeichen der im Gang befindlichen Hebammen-Liquidierung, der Vernichtung des ältesten Frauenberufes.

Werner Vogt ist Arzt und Publizist in Wien

gesundheit’ÄT’kurier.at

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