Ärzte: Kampf gegen „Massenexport“

Pöll, Regina: Ärzte: Kampf gegen „Massenexport“. Die Presse, 29. 1. 2011, 5.

Medizin, Ärztekammer will durch neue Initiativen Abwanderung nach Deutschland bremsen. Schon jetzt fehlen Psychiater, andere Fachärzte und vor allem auch Landärzte im Inland.

VON REGINA PÖLL

Es ist fünf vor zwölf, glauben Ärztekammer, Gesundheits- und Wissenschaftsministerium: Schon bald könnten hunderte Ärzte im Land fehlen – vor allem, weil das Ausland Jungmediziner mit attraktiven Ausbildungsstellen und höheren Gehältern abwirbt. Noch im Frühling wollen die drei Stellen eine „Ärztebedarfsstudie“ mit genauen Zahlen vorlegen.

Die Kammer weiß aber schon jetzt: Der Mangel in Fächern wie der Psychiatrie wird zunehmen, und auch andere Disziplinen werden betroffen sein. Denn 55 Prozent der Fachärzte sind heute älter als 55; eine Pensionswelle steht bevor. Zu einer Krise könnte es auch auf dem Land kommen, immer weniger wollen Landarzt werden.

Damit der Medizinernachwuchs eher in Österreich bleibt, setzt die Kammer jetzt auf eine neue Form der Kooperation mit ausländischen Stellen. So will sie bestehende „Freundschaftsvereinbarungen“ mit ausländischen Partnern, darunter der Freistaat Sachsen, intensivieren. Solche Vereinbarungen sollten österreichischen, aber auch ausländischen Ärzten Informationen über Jobs, Aus- und Weiterbildung bringen. Dies dürfe aber nicht „einseitig“ wirken, sagte Kammerpräsident Walter Dorner am Freitag beim Symposium „Ärztemigration“ in Wien. „Die Ärztekammer ist klar gegen einen Massenexport österreichischer Ärzte.“ Auch Jobbörsen im Internet müssten wechselseitig funktionieren.

Allerdings habe Österreich den „Wettbewerbsnachteil“, dass Jungmediziner oft erst nach dem Turnus, eine Facharztausbildungsstelle bekommen; in Deutschland steht ihnen der direkte Weg frei. Allein in Sachsen sind zurzeit 85 österreichische Ärzte aktiv, deutschlandweit sind tausende Stellen unbesetzt.

Man wolle eine „gemeinsame Versorgungsstrategie“ mit der ÖÄK, sagte Jan Schulze von der Sächsischen Landesärztekammer; Ziel wäre eine europaweite Lösung, nicht wechselseitiges Abwerben. Ähnliche Zusagen gab es aus Nordrhein-Westfalen. Das dänische Syddanmark wirbt hingegen offen um österreichische Jungmediziner – 53 sind seit 2008 gekommen. ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl will mit einem kürzeren Turnus gegensteuern, SPÖ-Gesundheitsminister Alois Stöger lehnt ab.

Die Spitalsreform kommt in die Gänge

Gesundheitspolitik. Weil die Spitalskosten ausufern, wird nun eine ständige Arbeitsgruppe eingerichtet. Für heuer sind außerdem drei Gesundheitskonferenzen geplant.

[WIEN/PRI] Darin zumindest sind sich alle einig: Im Spitalsbereich besteht akuter Handlungsbedarf. Die Kosten für die Krankenanstalten sind in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als das BIP. Und nach der Kritik der EU-Kommission müssen die ausgelagerten Spitalsschulden der Länder ab heuer ins gesamtstaatliche Defizit eingerechnet werden, das sich damit um einen Prozentpunkt erhöht.

Doch über der Frage, in welche Richtung eine Reform des Krankenanstaltenwesens gehen soll, scheiden sich die Geister der vielen Mitspieler im System. In einem ersten Schritt haben sich Gesundheits- und Finanzministerium, Vertreter der Sozialversicherung und Länder nun zumindest auf eine gemeinsame Vorgangsweise geeinigt: Es wird eine ständige Arbeitsgruppe eingerichtet, die der Bundesgesundheitskommission laufend über ihr Fortkommen berichten muss. Die zentralen Fragen: Planung, Steuerung und Finanzierung.

Genau daran spießt es sich zwischen Bund und Ländern: Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) möchte ein bundesweites Spitalsgesetz anstatt – wie derzeit – zehn (eines in jedem Land plus eines im Bund). Darin soll festgeschrieben werden, dass die Mittel von Sozialversicherung und Bund (sie machen gemeinsam 65 Prozent der Spitalsfinanzierung aus) zentral gesammelt und an Versorgungsziele gekoppelt werden. Die SPÖ-geführten Länder können diesem Plan einiges abgewinnen – andere weniger: Vor allem Niederösterreich fürchtet einen Kompetenzverlust.

Ergänzend zur Arbeitsgruppe werden heuer voraussichtlich drei Gesundheitskonferenzen einberufen – die erste ist für Ende April, Anfang Mai geplant. Sie sollen sich den Themen Gesundheitsziele, Qualität und Prävention widmen. Diesen Reformprozess wird eine Steuerungsgruppe unter Stögers Vorsitz, beschickt mit je zwei Vertretern aus den Ländern und den Sozialversicherungen, leiten.

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